Elisabeth Kopp «Hans starb in meinen Armen»

Sie waren DAS Liebespaar der Schweiz: verehrt und gehasst. Jetzt spricht alt Bundesrätin Elisabeth Kopp zum ersten Mal über den Krebstod ihres Mannes und sagt, warum sie nicht verzeihen kann.

Wenn Elisabeth Kopp nach Hause kommt, sieht sie als Erstes ein Schwarz-Weiss-Bild von ihrem Ehemann und als Zweites eine dunkelbraune, mannshohe Standuhr aus dem 17. Jahrhundert. Hans W. Kopp starb vor neun Monaten, die metallisch tickende Uhr ersetzt seine warme Stimme in der Einsamkeit.

Der Ehemann war für die erste Bundes­rätin der Schweiz nicht nur die Liebe ihres Lebens, sondern auch Ratgeber, Diskussionspartner, starke Schulter, Vater der Tochter Brigitt. Auch
Prüfstein – seinetwegen trat sie am 12. Januar 1989 zurück. Sie sagt: «Zuerst sind mir seine ausdrucksstarken Augen aufgefallen.» Bei einer Studienreise nach Berlin lernen sich die beiden 1959 kennen. Die Jus-Studentin und der Anwalt verloben sich noch am gleichen Tag, «ich wusste einfach: Das ist der Mann, den ich heiraten will, und sonst will ich keinen.»

Wenn Anna Elisabeth Kopp, 72, geht, tänzelt sie. Durch den breiten Flur mit den Büchern, moderner Malerei, afrikanischer Kunst. Feingliedrig ist sie, wie eine Eisblume, und vieles an ihr er­innert an die zarte Elisabeth, die einst Eiskunstläuferin werden wollte. Die Augenlider ziehen tief hinunter, was ihr einen fast melancholischen Gesichtsausdruck gibt. Die zarten Lachfältchen um die Augen stellen sich gegen die Lebenslinien auf Stirn und Wangen, in denen man auch die harten Jahre nach dem Rücktritt ahnt.

Im hellen Wohnzimmer lehnt sie sich ins Loungesofa, auf dem Couchtisch Dutzende Zeitungen, der Fernseher kämpft aus einer Ecke um Anerkennung, wandfüllend Regale mit gebundenen Büchern. Als junge Hausfrau und Mutter hat sich Kopp zum ersten Mal als Innengestalterin bewiesen – für einen Bankdirektor richtete sie das Haus ein; andere Wohnungen folgten, natürlich auch die eigene: «Ich kann eine Nacht wach liegen und mir über eine Farbnuance beim Polsterstoff den Kopf zerbrechen!»
Auf dem Holzbuffet steht, im feinen Silberrahmen, das letzte Foto ihres Mannes.

Frau Kopp, was ist das Schwerste am Alleinsein?
In die Oper gehen, ins Theater, ins Kino – das braucht grosse Überwindung. Dann komme ich voller Ein­drücke heim, die Wohnung ist leer, wenn ich Hallo rufe, antwortet niemand mehr. Wir haben immer unsere Gedanken und Gefühle geteilt. Jetzt ist keiner da, mit dem ich nach einem Auftritt in «Talk Täglich» auf Tele Züri Manöverkritik machen kann. Früher sassen wir stundenlang am Tisch, haben gegessen und geredet. Mein Mann hat nie etwas publiziert, ohne dass ich es gesehen habe. Nach seinem Tod sass ich Tag für Tag am Tisch, wusste: Ich muss essen, und habe keinen Bissen runter­gebracht. Er fehlt mir sehr.

50 Jahre Elisabeth und Hans. Was ist das Geheimnis Ihrer unerschütterlichen Ehe?
Wir haben beide aufeinander Rücksicht genommen. Mein Mann war grosszügig, aufmerksam, respektvoll. Dass die Frau dem Mann Raum gibt, gehört zur Tradition. Aber mein Mann hat sich in meinen politischen Jahren sehr um unsere Tochter gekümmert. Wenn ich spät nach Hause kam, holte er mir ein Glas Wein, etwas Käse, setzte sich zu mir und war einfach für mich da. Wir sind uns immer auf Augenhöhe begegnet. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich nie mit ihm leben können.

Ihr Mann erkrankte plötzlich und wurde innerhalb von vier Wochen mitten
aus dem Leben gerissen. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Hans hatte für uns eine Schiffsreise von Argentinien rund ums Kap Hoorn nach Santiago de Chile organisiert. Sein ganzes Leben war er ein neugieriger Mann, und plötzlich fühlte er sich für jeden Landgang zu schwach. In Punta Arenas …einer Stadt am südlichsten Zipfel von Chile …hat uns der Schiffsarzt von Bord geschickt und ins Spital eingewiesen. Ich brachte ihn in die Notaufnahme, fuhr zurück zum Schiff und holte unser Gepäck. Auf der Intensivstation war kein Platz, sie haben ihn in ein kleines Zimmer eingewiesen. Für mich haben die Schwestern einen aufklappbaren Stuhl neben sein Bett gestellt. Als er nach der Erstversor-sorgung ins Zimmer kam, gestützt auf den Infusionsständer, hat er zu mir gesagt: «Peterli, du kannst doch nicht da unten schlafen, nimm du das Bett.» Er dachte immer zuerst an mich. Das war typisch für ihn!

Und die Diagnose?
Es stand praktisch vom ersten Tag an fest, was er hat. Vielleicht hätte man den Magenkrebs behandeln können. Aber ich frage nicht mehr, ob ihn eine schnelle Rückkehr gerettet hätte. Warum der Rücktransport so lange dauerte. Die nötige Operation konnten nicht mal die Ärzte in Santiago de Chile durchführen. Diesen Krebs spürt man offenbar erst im Endstadium.

Was gab Ihnen in der Zeit Kraft?
Mein Mann. Er war stark im Angesicht seines Todes. Seine einzige Sorge galt mir. Kaum im Spital in Zürich, ist er bewusstlos geworden. Ich habe mich an ein Gedicht von ihm erinnert. Wir haben es auch an der Abdankung vorgelesen. Es beginnt so: «So brennend interessiert mich eigentlich dies Leben gar nicht. Weshalb denn soll ich mich von seiner Verlängerung schikanieren lassen?»

Sie schlossen lebensverlängernde Massnahmen aus?
Er wollte niemals ein lebender Kadaver sein, der an Schläuchen hängt. Meine Tochter, unser Adoptivsohn und ich haben an jenem Samstag zugestimmt, dass die Ärzte mit den Medikamenten aufhören und die Maschinen runterfahren. Am Sonntag ist er in meinen Armen eingeschlafen. Ich bin froh, dass wir lange vor seiner Krankheit übers Sterben sprachen. Er wollte seine Asche in der Natur verstreut haben. Ich sagte: «Ich möchte ein Grab in Zumikon. Und ich möchte nicht allein da drinliegen.»

Sie haben das Doppelgrab liebevoll mit Buschrosen und Lavendel bepflanzt. Glauben Sie an Gott?
Ich bin evangelisch, hatte Konfirmationsunterricht. Trotzdem: Als Richtlinie für mein Leben gefällt mir eine Idee aus dem Buddhismus. Danach sind Gedanken Energie, und Energie existiert weiter. Was ich tue und denke, geht von mir weg und ist irgendwo anders wieder spürbar – positiv wie negativ. Verantwortungsvolles Denken und Handeln ist mir danach näher als Institutionengläubigkeit.

Der Glaube der Ex-Justizministerin in die Kollegialität des Bundesrates ist 1989 zerstört worden. Ihr Mann, ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, ist damals Verwaltungsrat der Shakarchi AG. Gegen diese Firma zirkulierten Gerüchte wegen Geldwäscherei, die sich später als haltlos erweisen. Elisabeth Kopp bittet ihren Mann in jenem berühmten Telefonat – das Auslöser für die Anti-Kopp-Bewegung wird –, sein Verwaltungsratsmandat niederzulegen.

Bald darauf tritt Kopp zurück, die Bundesrätin wird wegen Amtsgeheimnisverrats angeklagt und freigesprochen. Eine angebliche Steuerhinterziehung ihres Mannes in Millionenhöhe entpuppte sich als Bagatelle. Es folgen schwierige Jahre. Aus dem Power-Glamour-Ehepaar werden Geächtete. Die politisch-gesellschaftliche Schweiz schneidet sie fünfzehn Jahre lang – zu Unrecht, wie der Dokumentarfilm «Eine Winterreise» belegt.

Erst seit wenigen Jahren engagiert sich die Juristin als Ehrenmitglied wieder für die FDP. Unlängst war sie in Grächen VS eingeladen. Im Anschluss an eine aussenpolitische Tagung zum Verhältnis China – Schweiz ermuntert sie auf der örtlichen Jungbürgerfeier: «Engagieren Sie sich politisch! Ihnen gehört die Zukunft! Es ist ein glückliches Gefühl, etwas zum Besseren zu wenden.»

Kopp war in jeder Hinsicht Polit-Pionie­rin: erste Gemeindepräsidentin in der deutschen Schweiz – in Zumikon ZH. Dank ihr wurde der Ort ökologisches Vorzeigemodell für erneuerbare Energie und Umweltschutz. «Hier», sagt sie zu­frie­den, «sieht man meine Spuren am besten.» Sie wird Erziehungsrätin, Bundesrätin. Führt das neue Ehegesetz ein, das Datenschutzgesetz, den Geldwäscherei-Artikel, den Delegierten für Flüchtlingswesen.

Frau Kopp, Sie waren die erste Frau im Bundesrat, haben Politikgeschichte geschrieben. Glücklich darüber?
Ich war vor allem glücklich, dass eine Frau gewählt wurde. Heute weiss ich: Ich war mit vielen Themen zu früh. Meine politischen Kollegen haben meinen Kampf für Gleichberechtigung und Umweltschutz nicht verstanden. Wenn nicht Otto Stich Bundespräsident ge­wesen wäre, sondern zum Beispiel Kurt Furgler, hätte meine Geschichte eine andere Wendung genommen.

Können Sie verzeihen?
Mir reicht es, dass ich nicht bitter geworden bin. Aber verzeihen? Nein! Man hat uns um viele Chancen betrogen. Die Menschen hatten Angst vor Hans W. Kopp, dem Wirtschaftsanwalt, und Elisabeth Kopp, der Politikerin. Brillanz ist hier eher negativ besetzt und löst Angst und Abwehr aus. Ich bin traurig. Es wurde nicht realisiert, was wir dem Land hätten geben können. Es hat sich bis heute, mit einer Ausnahme, auch niemand bei uns entschuldigt.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Seit dem Tod meines Mannes plane ich nicht mehr viel. Wenn Anfragen für Vorträge oder Artikel kommen, reagiere ich gerne und fühle mich gedanklich noch herausgefordert. Hoffentlich merke ich, wenn es Zeit ist abzutreten.

Sie sind selbst seit fünf Jahren krank. Chronische Leukämie ist eine Form von Blutkrebs. Wie geht es Ihnen nach der Chemotherapie?
Sehr gut. Wenn ich sehe, was andere Menschen in meinem Alter machen, bin ich noch sehr leistungsfähig. Zumindest fühle ich mich so. Ich reise, mache Nordic Walking, gehe zum Langlauf. Ich bin ein Bewegungsmensch. Ich nehme jeden Tag, wie er kommt, und kann damit mittlerweile wieder heiter sein. Vor ein paar Tagen habe ich mich erstmals aufgerafft, für Gäste zu kochen.

Im Sommer lagen Sie lange im Spital.
Ich hatte eine Lungenentzündung und habe stark abgenommen. Als ich aus der Höhenklinik in Wald entlassen wurde, musste ich mich auf einen Rollator abstützen. Jetzt bin ich wieder fit.

Sie haben sich nach aussen nie eine Blösse gegeben. Als Politikerin waren Sie stark, tapfer, manchmal hart. In den Jahren danach verschlossen. Wie ist die weiche Elisabeth?
Es ist nicht mein Problem, wenn andere nicht merken, wie empfindsam ich bin.

Sie haben drei Enkelinnen. Wenn sie fragen: «Was ist wichtig im Leben?», was antworten Sie?
Sie sind Teenager. Daher würde ich ihnen heute sagen: «Stellt nicht immer euch in den Mittelpunkt.» Wenn sie älter sind: «Man muss am Abend in den Spiegel schauen können.»

Und das können Sie?
Ja, immer.

Im Flur schlägt die Standuhr achtmal. Lange tickte sie nicht. «Ich war richtig verzweifelt, weil ich sie nicht zum Laufen gebracht habe, mein Mann war unser Uhrenbeauftragter. Dann habe ich mich konzentriert und ihn gefragt: «Was soll ich machen?!?» Lächelnd steht die alt Bundesrätin jetzt davor: «Sie läuft wieder! Nachts lasse ich die Tür zum Schlafzimmer offen, damit ich ihr Ticken höre.»

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