Das Olympia-Märchen Heidi, die coole Frohnatur

Als Heidi Diethelm Gerber das Schiessen entdeckt, ist es keine Liebe auf den ersten Blick. Jetzt hat die Thurgauerin Olympia-Bronze. Eine verrückte Geschichte!
Heidi Diethelm Gerber Olympia 2016 Schiessen Bronze
© Christoph Köstlin

«Schiessen ist auch Therapie», sagt Heidi Diethelm Gerber.

Heidi Diethelm Gerber nimmt ihre Bronzemedaille, ein halbes Kilo schwer, in die Hände. «Jetzt fängt sie gleich an zu rosten», sagt sie und beginnt zu lachen. Es regnet und windet beim Fotografieren am Strand Recreio dos Bandeirantes ausserhalb von Rio, allerdings stört dies Diethelm Gerber genauso wenig wie die Medaille. Cool und absolut nervenstark im Schiessstand, eine Frohnatur ausserhalb - die Schweiz beginnt Heidi Diethelm, 47, gerade kennenzulernen. Die Geschichte zur ersten Medaille für die Schweiz in Rio ist ein Märchen, wie es nur Olympia schreiben kann. Klingt abgedroschen? Ja. Bloss stimmt es eben: Die Geschichte der Thurgauerin auf dem Weg an die Weltspitze ist auch schon vor Rio eine sehr spezielle gewesen; bloss entfaltet sie ihre Wirkung erst richtig auf der olympischen, der grösstmöglichen Bühne.

In einem Alter, in dem viele Sportler an Rücktritt denken, kommt sie an einem Sponsorenevent zum ersten Mal mit dem Schiessen in Berührung - mit 32 Jahren. Ihr heutiger Mann Ernst, ein Arbeitskollege und im dortigen Schützenverein engagiert, erklärt ihr die Pistole. Der Verein bescheinigt ihr Talent, und so beginnt sie mit dem Schiessen. «Die Euphorie war aber nicht riesig damals», hält sie fest. Und obwohl sie aus einer sehr sportlichen Familie kommt, selber Judo, Schwimmen und vor allem intensiv Volleyball betrieben hat, setzen ihre Brüder anfangs ein Fragezeichen hinter die Sportart. «Für sie war das jährliche obligatorische Schiessen eher ein Übel.»

Olympia 2012 - ein Kindheitstraum geht in Erfüllung

Doch Diethelm Gerber, die mit der Schulter Probleme hat und deshalb auch mit dem geliebten Volleyball, kommt die neue Sportart gerade recht. Nach zwei, drei Jahren als Vereinsschützin wird es ihr langweilig; es muss etwas gehen. Nach einem Training mit dem Nachwuchskader und damit weniger als halb so alten Schützinnen und Schützen kommt der Ehrgeiz. Wenig später im Nationalkader erarbeitet sie sich in einem halben Jahr so viel, wofür andere fünf bis sechs Jahre Zeit haben. In diesem Tempo geht es weiter, und so geht der Kindheitstraum Olympia 2012 in London erstmals in Erfüllung.

Das Schiessen, bei dem man für einen Volltreffer jede Faser des Körpers beherrschen muss, ist für Heidi Diethelm Gerber anfangs eine Herausforderung. «Eine Therapie», wie sie mit einem Augenzwinkern sagt. Denn eigentlich ist sie ein impulsiver, sicher kein ruhiger Typ. Mehr als eine halbe Stunde sitzen ist eine Herausforderung, zu einem freien Tag muss man sie eher zwingen. Sie lacht gern, «auch wenn einem nach 20 Jahren in der Arbeitswelt nicht immer nach Lachen zumute ist. Doch der Sport hat mir auch wieder viel zurückgegeben.»

Sponsoren sind eine Rarität im Schiesssport, der allenfalls alle vier Jahre während Olympia ein wenig Medienpräsenz erhält. Diethelm Gerber wohnt mit ihrem Mann auch aus finanziellen Gründen wieder in ihrem Elternhaus in Märstetten TG. Dort sitzt Margareta Diethelm, Heidis Mutter, rund 20 Stunden nach dem grossen Moment mit Tochter Ariane, 58, und Enkel Dylan, 22, vor dem Fernseher. «Schaut, wie sie strahlt! Es geht Heidi wirklich gut, ich bin so glücklich für sie.» Ariane und Heidis Sohn sind zu Besuch gekommen, denn Margareta feiert heute ihren 83. Geburtstag. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Geburtstagstorte. Doch dafür ist später noch Zeit! Jetzt läuft im TV das Interview mit Heidi. Die Mutter Margareta streckt jubelnd die Arme in die Höhe, als Heidi ihre Medaille zeigt. «Das ist das schönste Geburtstagsgeschenk!»

Es klingelt an der Haustür: Heidis Gotte kommt zum Gratulieren, der Märstetter Gemeindepräsident Jürg Schumacher ist schon da. Margareta lacht. «So geht das schon den ganzen Tag.»

Zurück in Rio de Janeiro. Auch die Bronzemedaillen-Gewinnerin hat den Tag voller Termine. Immer an ihrer Seite: ihr Mann und Trainer Ernst, 64. Während sie am Strand posiert, zählt er die Vorzüge seiner Frau auf - und hört gar nicht mehr auf: «Sie ist immer aufgestellt, hilfsbereit, ein Familienmensch, diszipliniert und konsequent.» Dass die beiden das Privatleben und mit dem Sport auch die Arbeit teilen, ist kein Problem. In einem so emotionalen Sport sei es ein grosser Vorteil, wenn sich Coach und Athletin gut kennen würden. «Ein falsches Wort im falschen Moment kann sonst das Gegenteil bewirken», sagt Heidi. Manchmal muss Ernst im Training als Blitzableiter herhalten, aber er ist sich bewusst, dass es sein Job ist. «Das beeinflusst die Beziehung nicht.» Am Freitag fliegen die beiden zurück in die Schweiz. Dann hofft Heidi Diethelm Gerber, dass ihre Medaille und die Aufmerksamkeit ihrem Sport Gutes tun. «Es soll dem Nachwuchs zeigen: Moll, es ist auch in der Schweiz möglich, das zu schaffen!» Ein Tipp an alle Schiessbegeisterten: Mit dem Anfangen bis ins Alter von 32 Jahren zu warten, wird nicht empfohlen. Ein Werdegang wie jener von Heidi Diethelm Gerber bleibt eine aussergewöhnliche olympische Geschichte.

Heidi Diethelm Gerber Olympia 2016 Medaillen Schiessen Bronze
© Adrian Bretscher

Heidi Diethelm Gerber mit ihrem Mann und Trainer Ernst am Strand von Recreio dos Bandeirantes.


 

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