Patricia Fässler «Ich bin froh, nicht normal zu sein. Die Normalen ticken alle nicht richtig»

Die Schöne zelebriert ihr Dasein als Künstlerin: Männer inspirieren sie, von Regeln hält sie nichts, und von der Liebe kann sie nie genug kriegen...

Und Action! Sobald eine Kamera auf Patricia Faessler gerichtet ist, gehts ab. Die schöne Langbeinige beherrscht die Inszenierung: als Model vor, aber auch als Künstlerin hinter der Linse. Das Leben der Miss Schweiz 1993 ist eine Sammlung an Menschen, an Bildern, an Höhepunkten und Tiefschlägen. Die 34-Jährige ist ein Tausendsassa mit viel Energie und vielen Ideen. Ein Gespräch über die Facetten des Lebens, Moral und die Seele als Spiegel des Selbst.

Schweizer Illustrierte Style: Haben Sie den schönsten Tag bereits hinter sich, oder kommt der noch?
Patricia Faessler: Ich will, dass es immer noch schöner wird. Deshalb habe ich ihn bestimmt noch vor mir!

Sie reisen viel, gehen stundenlang in Highheels: Fordert dies seinen Tribut? Manchmal rast die Zeit dahin, und ich vergesse, dass ich keine Maschine bin, sondern ein Mensch, der Pausen braucht. Nach dem Drehen meines Kurzfilms, als ich 22 Stunden am Stück gearbeitet habe, musste ich mir Ruhe gönnen. Zwei Tage Schlaf – und ich war wieder fit. Früher musste ich oft um fünf Uhr früh in die Maske. Das zehrt! Ich bin froh, den Morgen nun für mich zu haben. Vor elf bin ich ohnehin nicht ansprechbar.

Wovon leben Sie?
Mit 14 begann ich zu modeln. Ich vertrete Mode- und Kosmetikfirmen und entwickle visuelle Konzepte, die ich mit meinen Mitarbeitern ausführe. Ich lebe von der Kunst, redigiere Skripte und stehe beim Taschenlabel Hammitt unter Vertrag.

Sie waren in Paris, L. A., New York, wohnten in Südafrika, Deutschland, Belgien. Wenn Sie wählen müssten: Sie dürften die Schweiz nie wieder verlassen oder nie wieder in die Schweiz reisen – wofür würden Sie sich entscheiden?
Ich bin überall und nirgendwo zu Hause. Heimatgefühle verbinde ich ein Stück weit mit Afrika. Als ich 1989 erstmals afrikanischen Boden betrat, ergriff mich emotionales Feuer. Das hat mich seither nicht mehr losgelassen. Ich vermisse den Kontinent jeden Tag. In der Schweiz traf ich erst in den letzten zwei Jahren Menschen, die mir das Gefühl geben, eine Heimat gefunden zu haben.

Sie haben Afrikas höchsten Berg, den Kilimandscharo, bestiegen. Suchen Sie Grenzerfahrungen?
Vielleicht. Jedenfalls stelle ich an mich sehr hohe Ansprüche. Ich musste früh lernen, mein Bestes zu geben. Als ich sechs war, zogen wir von Zürich nach Brüssel. Ich ging in eine französische Schule, ohne ein Wort zu verstehen. Ich war die Aussenseiterin. Ich wollte mich anpassen und alles richtig machen, doch die eigenen Gedanken blieben auf der Strecke. Ich frage mich stets, ob ich gut genug bin, und stecke mir zum Teil heute noch Ziele, die mich überfordern.

Fühlen Sie sich zerrissen?
Nein. Es ist toll, so viele Möglichkeiten zu haben. Die Asiaten sagen, man braucht fünf Standbeine. Wenn eines wegbricht, kann man sich auf ein anderes stützen. Das passt perfekt für mich!

Sind Sie Millionärin?
Wäre ich genug berechnend gewesen, könnte ich es sein. Aber ich bin kein Geldmensch.

Was bedeutet Ihnen Geld?
Alles und nichts. Es ist wunderschön, nicht überlegen zu müssen, wo man am günstigsten einkauft. Als Künstlerin schätze ich es, in den Tag hinein leben zu können. Zudem mag ich schöne Häuser, tolle Kleider, feines Essen. Ich kann mir im richtigen Moment etwas gönnen.

Sie könnten eine Million für sich bekommen oder zehn Millionen, um sie für einen guten Zweck zu spenden. Was tun Sie?

Als Egoistin nehme ich die Million. So kann ich auch Hilfsprojekte in meiner gefühlten Heimat Afrika betreuen.

Was tun Sie in einer fremden Stadt als Erstes?
Ich setze mich in ein nettes Café und trinke einen Café au Lait.

Wie wohnen Sie in Zürich?
Mit unzähligen Büchern, Papieren, Zetteln in einem schönen Raum mit grossen Fenstern nahe dem Kunsthaus und der Universität. Ich habe nette Nachbarn, die sich nie aufregen, wenn ich nachts arbeite oder mich Freunde besuchen. Ich führe ein Bohemien-Leben.

Sie studieren Ethik. Nach welchen moralischen Regeln leben Sie?
Es geht mir darum, ein gutes Leben zu führen. Ich bin eine Nihilistin, die versucht, alle Konzepte zu verstehen, aber nach ihren eigenen Prinzipien handelt: Ich schaue zu den Schwächeren und will das Beste aus einem Menschen rausholen. Wenn man weiss, was sich gehört, ist Anarchie die Wunschvorstellung. Wir brauchten keine Regeln, und jeder würde darauf achten, dass es anderen gut geht.

Geraten Sie nicht in Gewissenskonflikte, wenn Sie an Ihren Job als Model und an Ihr Studium denken?
Wieso Gewissenskonflikte? Nein.

Wie können Sie ohne Schulabschluss studieren?
Die Uni vergibt an zwei Kandidaten im Jahr Sonderplätze. Dafür musste ich begründen, warum ich die Ausbildung machen will und besonders geeignet sei. Ich reichte ein Dossier ein, sprach vor und wurde angenommen. Anfangs hatte ich mit dem System Schwierigkeiten. Ich kannte kein wissenschaftliches Arbeiten, da ich nie eine Schule oder Ausbildung abgeschlossen hatte. Das war eine grosse Herausforderung! Ich musste mehr lernen als andere, weil mir das Vorwissen fehlte.

Haben Sie einen Lieblingstag?
Wenn ich bloss immer wüsste, welchen Tag wir haben! Klassische Werktage oder Wochenenden kenne ich nicht, ich kann die Zeit einteilen, wie ich will.

Wie glamourös ist Ihr Alltag? Sie zählen zum Schweizer Jetset…
Tu ich das? Dann bin ich daran wohl auch selbst schuld. Ich gab den Leuten, was sie sehen wollten, und schuf verschiedene Persönlichkeiten als Schutz. Ich führte ein Doppelleben. Nur wenige kennen mich wirklich. Mein Alltag ist abwechslungsreich und sinnlich.

Sie arbeiten als Fotografin. Worin besteht der Unterschied, vor oder hinter der Kamera zu stehen?
Da gibt es keinen grossen Unterschied. Schon als Model habe ich beobachtet. Ich fotografiere so still wie möglich. Die besten Porträts entstehen, wenn die Leute sich unbeobachtet fühlen.

Was fotografieren Sie am liebsten?
Meine ersten Bilder waren mystisch, weil ich viel Zeit an mystischen Orten verbracht hatte. Mein erstes Foto, «The Green Door», wurde von einem privaten Sammler gekauft. Die Energie, die das Bild ausstrahlt, hat ihn angesprochen.

Was kostet denn eine echte «Patricia Faessler»?
Kunst lässt sich nicht in Geld messen. Der Preis hängt davon ab, wie das Foto aufgezogen ist, wie aufwendig es gemacht ist, ob es ein Print auf Leinen ist, hinter Plexiglas oder eine Installation. Ich werde von mehreren Galerien vertreten. Viele Kunden wollen mich persönlich kennen lernen und mehr über mich und mein Werk erfahren, bevor sie etwas kaufen. Arbeiten für Zeitungen und Magazine gibt es für 350 bis 500 Franken. In der Kunst gibt es keine Standards, sonst wäre es Massanfertigung!

Haben Sie das Handwerk gelernt?
Ich habe gar nichts gelernt, ausser das Leben zu leben. Ich bezeichne mich als Autodidaktin. Die Kamera begleitet mich seit zwanzig Jahren. Ich weiss genau, wie man das Licht setzen muss.

Fotografie gilt in der Kunstszene als die leichteste Disziplin. Fühlen Sie sich im Metier anerkannt?
Ich würde mich selbst nie als Fotografin bezeichnen, sondern als visuelle Künstlerin. Meine Intention besteht darin, etwas zu kreieren, das Sinn macht oder wovon die Menschen profitieren. Ich produziere nicht, ohne zu denken. Bei Fotos muss die Komposition stimmen, die Arbeiten müssen den ästhetischen Prinzipien entsprechen. Es spielt keine Rolle, ob man weiss, wie eine Kamera funktioniert. Die digitale Technik kann jeder benützen.

Haben Sie Fotografien aufgehängt, auf denen Sie selbst zu sehen sind?
Nein. Das überlasse ich anderen.

Wie sehen Sie sich auf alten Fotos?
Sie bringen mich zum Lachen. Ich habe den Eindruck, ich sehe älter aus als heute. Vor allem während meiner Zeit als Miss Schweiz: zu viel Schminke, zu viel Schmuck, zu viel Frisur.

Was erregt Ihre Aufmerksamkeit als Fotografin?
Momente. Menschen und die Natur.

Männer sind Ihre Musen, nicht?!
Ja! Einer ist lustig, ehrlich, direkt. Der andere hat ein enormes Wissen über Kultur. Der dritte ist selber Künstler und motiviert mich mit seinen Ansichten. Männer dienen mir als Inspiration. Sie bauen für mich Brücken zu anderen Bereichen wie der Politik. Sie sind meine Beschützer, meine Liebhaber…

Etwa der Südafrikaner Christiaan Barnard jr., der ägyptische Geschäftsmann Moody Al-Fayed oder der Schweizer Schönheitschirurg Christian Niehus. Mit ihm waren Sie verheiratet.
Ich habe zahlreiche Männer, die mich sehr befriedigen. Aber ich lebe zurzeit lieber allein.

Was erwarten Sie vom Partner?
Er soll eine Haltung haben und souverän sein. Das kann man nicht lernen, das wird einem in die Wiege gelegt. Mein Mann muss klar denken können und der Situation gemäss handeln. Derzeit habe ich einen für jeden Fall. Das ist das Problem, wenn man so neugierig ist wie ich. Man findet kaum einen, der alles erfüllt.

Würden Sie sich selbst heiraten?
Ein dreifaches Nein (lacht)! Da müsste ich zehn Männer in einer Person sein.

Ihre Ehe hielt vier Jahre. Sie lebten eine eher unkonventionelle Partnerschaft: zwei Wohnsitze und viel Freiraum. Betrachten Sie das Konzept als gescheitert?
Keineswegs. Wir gaben uns Raum, wussten aber, wo wir hingehörten.

Bezog sich die offene Partnerschaft auch auf sexuelle Freiheit?
Sexualität ist etwas sehr Persönliches. Wenn ich einen Menschen liebe, bin ich emotional bei ihm. Heute wird zu viel Wert auf Sex gelegt. Mir geht es eher darum, die Seele zu befriedigen als den Körper. Wenn ich intellektuell ausgeglichen bin, habe ich weniger Drang, mich woanders austoben zu müssen. Meine Mutter sagte: «Wenn ich mich sexuell mit einem Mann verbinde, kennt er alles von mir. Ich gebe ihm so viel, dass ich praktisch mit ihm verwandt bin.» Ich bin mit sehr wenigen verwandt. Zudem bin ich in dieser Hinsicht vorsichtig: Hier wiegen Enttäuschungen am schwersten.

Sie sagen: Wenn ich liebe, dann für immer.
Genau! Ich hatte und habe tolle Freunde, und ich bin dankbar, Männer mit einem grossen Geist zu kennen, die die hohen Ansprüche, die ich an mich stelle, verstehen. Für mich war jeder Partner die grosse Liebe. Wir gehen gemeinsam ein Stück des Weges. Gewisse musste ich zurücklassen, weil ich mehr vom Leben erwartete.

Sehen Sie Ihre Ex-Freunde noch?
Selbstverständlich! Ich habe gelernt zu verzeihen. Ich will frei sein – und die Liebe ist ein Kind der Freiheit.

Fürchten Sie das Älterwerden?
Nein. Jede Phase hat ihren Reiz.

Was tun Sie für Ihr Aussehen?
Wenig. Seife und Hautcremes sind von Weleda. Ich gehe zur Pediküre, zur Maniküre, zur Osteopathie und zum Qigong. Ach, und ausserdem liebe ich es, zu baden. Das ist zwar nicht umweltfreundlich, tut mir aber enorm gut. Danach fühle ich mich gereinigt. Heutzutage bin ich in zehn Minuten parat. Ich bin unkompliziert geworden. Als Miss Schweiz musste das Make-up stimmen, alles perfekt passen. Nun ist mir das egal.

Sie sind schlank. Halten Sie Diät?
Nein. Ich esse, was ich mag. Meist verzichte ich auf Fleisch, weil ich nicht weiss, wie das Tier gestorben ist. Selbst wenn ich Bio-Rind kaufe, erfahre ich nichts über den Transport. Mein Onkel ist Metzger. Er bringt manchmal Fleisch, etwa einen Hasen. Den lasse ich mir dann als feinen Braten schmecken. Ich achte weniger darauf, was ich esse, als darauf, woher die Lebensmittel stammen. Salat und Gemüse sind aus dem Garten meiner Grossmutter.

Sie liessen Ihre Nase operieren. Werden weitere Eingriffe folgen?
Ich habe keine Schönheitsoperation hinter mir! Der Eingriff war nötig, da mir das Atmen schwerfiel. Das musste man korrigieren. Sonst nichts. Fremdkörper wie Silikon in den Busen würde ich mir keine einsetzen lassen. OPs ändern nichts an der wahren Schönheit eines Menschen.

Würden Sie Organe spenden?
Ich habe Mühe, mit einem Schein herumzulaufen, der mich als Organspender ausweist. Ich möchte nicht auseinandergeschnitten werden. Aber sollte ein geliebter Mensch ein Organ brauchen, dann würde ich ihm helfen.

Am 12. November werden Sie 35. Beschäftigt Sie das Datum?
Nein. Geburtstage sind unwichtig. Ich gratuliere stattdessen der Mutter. Todestage finde ich spannender.

Wie lautet Ihr liebster Spruch?
Ich bin froh, nicht normal zu sein. Die Normalen ticken alle nicht richtig! 

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