Sarina Arnold «Ich stiess an meine Grenzen»

Das Baby von Sarina Arnold kam mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte zur Welt. Erstmals spricht das Top-Model über die Operation an Töchterchen Felice Alyssa und wie die Leute auf die Fehlbildung reagieren.
 Sarina Arnold am Esstisch der modern eingerichteten Wohnung in Zollikon. Wenn sie modelt, passt Tante Aurelia auf Baby Felice auf.
Sarina Arnold am Esstisch der modern eingerichteten Wohnung in Zollikon. Wenn sie modelt, passt Tante Aurelia auf Baby Felice auf.

Der 8. August ist für Sarina Arnold, 28, zum Schicksalsdatum geworden. Innerhalb von exakt 365 Tagen erlebte das Urner Topmodel höchstes Glück, tiefstes Leid, wieder Hoffnung. Am 8. August 2007 erfahren Sarina und ihr Mann Raphael Fischer, 33, dass sie Eltern werden.

Kurz nach Silvester dann die Diagnose: Das Ungeborene wird im April 2008 mit einer Lippen- Kiefer-Gaumen-Spalte zur Welt kommen. Der Volksmund spricht von «Hasen­scharte». Am 8. August 2008 wird ihr Baby Felice Alyssa erstmals operiert.

«Die Diagnose war ein Schock, ich weinte oft, sagt Sarina heute. Sie sitzt am Esstisch in ihrer modernen Wohnung in Zollikon ZH. Die erste Operation hat die Fehlbildung des kleinen Mädchens fast behoben – der harte und der weiche Gaumen sowie die Oberlippe wurden verschlossen. Zwei weitere Operationen und einige Therapien werden in ein paar Jahren nötig sein.

Nur das linksseitig abgeflachte Nasen­flügelchen und eine Narbe an der Oberlippe erinnern jetzt noch an den Makel. Fotografieren lassen will Sarina die kleine Felice aber nicht. Noch nicht! «Wir warten den richtigen Moment ab, gäll du …», flüstert sie Felice zu, die nebenan auf der Babydecke vor sich hin gluckst.

 

SI: Sarina Arnold, wie geht es Felice heute?
Sarina Arnold: Sie hat sich von der Operation erholt. Es war kein Spaziergang. Für sie nicht. Für mich nicht. Und für Raphael auch nicht.

Sie wirken heute sehr gelassen.
In diesem Fall täuscht der Eindruck. In den ersten Tagen nach der Operation lag Felice auf der Intensivstation und erhielt Morphin gegen die Schmerzen. Als es abgesetzt wurde, schrie sie zwei Wochen. Sie war traumatisiert, wollte nur im Arm gehalten werden und weinte trotzdem weiter. Da stiess selbst ich an meine Grenzen. Ohne Raphael, meine Mutter, Schwieger­mutter und meine Schwägerin Aurelia hätte ich es nie geschafft. Ja, ich erinnere mich sogar ans Datum. Es war der 18. August. An diesem Tag begriff sie den Saugmechanismus und sog zum ersten Mal am Schoppen. Vorher hatte ich ihr die Milch tröpfchenweise mit einer Spritze in den Mund eingeflösst. Einen halben Liter pro Tag.

Eine schwere Zeit für Sie beide.
Babys verändern das Leben ihrer Eltern. Und ein Kind mit Fehlbildung macht es nicht leicher. Aber es ist egal. Ich liebe Felice, und ich will sie nicht anders haben. Sie macht mein Leben reicher.

Haben sich Ihre Prioritäten verändert?
Was ich jetzt sage, mag paradox klingen. Ich habe immer gewusst, dass Äusserlichkeiten nicht das Wichtigste sind. Und ich empfinde diese ganze Suche nach Schönheit und Perfektion oft ermüdend. Es gibt auch das andere, die innere Schönheit, die Ausstrahlung. Heute weiss ich, dass Brüche schöner sein können als Perfektion.

Wie haben Sie und Raphael diese Tat­sache gemeistert?
Zwischen der Diagnose und der Geburt standen Raphael und ich unter Schock. Die Nachricht nahm uns die Freude am Einrichten des Kinderzimmers und am Pläneschmieden. Am schlimmsten war die Geburtsvorbereitung. Andere Paare wirkten alle so glücklich, wir dagegen waren traurig und niedergeschlagen.

Würden Sie im Nachhinein sagen, die Sorgen seien unbegründet gewesen?
Ich hatte eine natürliche Geburt, und als ich Felice danach am 5. April endlich im Arm hielt, wusste ich: Sie ist das schönste Kind der Welt, und alle Schwierigkeiten werden unwichtig sein.

Haben Sie sich irgendwann auch Vorwürfe gemacht?
Anfänglich schon, obwohl ich nicht rauche und während der Schwangerschaft Folsäure nahm. Aber einmal muss man aufhören, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Sie modeln wieder. Wer passt in der Zeit auf Felice auf?
Ich arbeite nicht mehr so viel wie früher. Nächste Woche habe ich zum Beispiel ein Titelshooting für die deutsche Frauenzeitschrift «Madame» in München. Meine Schwägerin Aurelia passt dann auf die Kleine auf. Und Raphael ist auch da.

Wünschen Sie sich trotz der Erlebnisse mit Felice weitere Kinder?
Ja, ich will noch mehrere Kinder. Vorerst ist noch nichts geplant, wir wollen erst mal die Kleine geniessen. Vor der Operation waren wir nur mit unseren Sorgen beschäftigt.

Wie reagieren die Leute auf der Strasse, wenn sie Felice sehen?
Vor der Operation sah man ihr die Spalte sofort an. Ich habe Leute tuscheln hören: «Was, das gibt es heute noch?» Andere schauten verschämt weg. Ich habe vor allem realisiert, dass viele einfach nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

Und wie reagiert man am besten?
Direkt fragen. Ich bin gern bereit aufzuklären. Eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte ist keine Missbildung oder Behinderung, sondern eine korrigierbare Fehlbildung.

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