Interview mit Bruder Hausi Hofer «Ich war immer etwas eifersüchtig auf Polos Lebensstil»

Im fernen Kanada trauert Hausi Hofer, 70, um seinen Bruder. Er erinnert sich an die gemeinsame Kindheit und erzählt, warum Polo immer stier war. Und wie aus Urs Alfred Hofer Polo wurde.
Hausi und Polo Hofer
© Hausi Hofer

Polo Hofer besuchte seinen Bruder Hausi (r.) zum letzten Mal 2002 in Mexiko.

Hausi Hofer, Sie leben in Kanada. Wie haben Sie vom Tod Ihres Bruders erfahren?
Alice hat mich am Montag angerufen und es mir erzählt. Gleichzeitig hat sie mir noch eine Mail geschickt, wo sie ihn zitiert: «Sis letschte Stündli hät gschlage. Es isch e gueti Ziit gsy.» Ich wollte ihn eigentlich am Wochenende anrufen, aber dazu kam es nicht mehr. Sein Tod kam für mich völlig unerwartet.

Wann haben Sie zum letzten Mal mit Polo gesprochen? 
An seinem Geburtstag am 16.  März haben wir telefoniert. Polo war so positiv. Er sagte mir, dass er die Chemotherapie abgeschlossen habe und es ihm viel besser gehe. Er müsse jetzt einfach wieder Gewicht zulegen. 

Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre gemeinsame Kindheit?
Wir waren vier Giele. Polo war der älteste. Unsere Eltern hatten ein Damenkleider-Geschäft. Wir wären bestimmt die bestangezogenen Mädchen des Orts gewesen (lacht). Wir hatten ein gutes Verhältnis untereinander. Polo war mein grosser Bruder! Er wurde mit einem künstlerischen Talent geboren. Bereits als Fünfjähriger zeichnete er Pferde. Die hatten damals schon Knie, Hufe und Lippen.

Wann entdeckte Polo seine Liebe zur Musik?
In den späten 50er-Jahren wohnte in der Wohnung unter uns eine Doktorsfamilie. Die hatten einen Plattenspieler, und sie bekamen stets wieder neue Schallplatten aus Amerika. Polo hat sich diese immer und immer wieder angehört. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er in der Pfadi. Diese führte jedes Jahr im Kursaal in Interlaken ein Theater auf. Polo schmierte sich schwarze Kohle ins Gesicht und sang ein Lied von Louis Armstrong. Die Zuschauer applaudierten – das werde ich nie vergessen.

Polo Hofer als Baby
© Privatarchiv Polo Hofer
Urs Alfred Hofer, 1947, als Zweijähriger. Den Namen Polo bekommt er in der Pfadi.

In der Pfadi kam Ihr Bruder ja auch zu seinem Namen …
Ja genau! Er erzählte allen stolz, dass seine Eltern jetzt in ihrem Geschäft Polohemden verkaufen. Die waren damals der letzte Schrei. Also nannten sie ihn Polo.

Begann zu dieser Zeit bereits seine musikalische Karriere? 
Nein, nein. Unser Vater war mit seinen Musikflausen gar nicht einverstanden. Polo machte nach der Sekundarschule eine ganz normale Lehre als Grafiker bei der Kunstanstalt Brügger in Meiringen. Dann kaufte er sich irgendwann heimlich ein Schlagzeug, das er aber nicht bezahlen konnte. Eines Tages stand dann ein Betreibungsbeamter bei uns vor der Tür. Das war schlimm. Unser Vater hat Polo daraufhin rausgeschmissen. Er machte trotzdem seine Lehre zu Ende und hat weiterhin als Grafiker gearbeitet. Nach Hause kam er nur noch selten, wenn unser Vater nicht da war. Unsere Mutter hat ihn immer hintenherum heimlich finanziell unterstützt. 

Hatten Sie weiterhin Kontakt mit Ihrem Bruder?
Abends hat Polo sich mit seiner damaligen Band Jetman in Bars zusätzlich Geld verdient. Dort habe ich ihn manchmal besucht. Er hat noch Englisch gesungen, und ich hätte nie gedacht, dass er einmal mit seiner Musik so erfolgreich werden würde. Später bin ich nach Kanada ausgewandert, und als ich 1974 für zwei Jahre zurück in die Schweiz kam, war Polo schon etwas populär.

Konnte er bereits von der Musik leben? 
Polo war immer stier. Seine erste Frau Trudi hatte es nicht leicht. Sie hat gearbeitet und ihn finanziell unterstützt. Ich erinnere mich noch, dass in ihrer Küche eine Wandtafel hing. Darauf waren seine Schulden, die er bei ihr hatte, aufgelistet. Als es über 2'000 Franken waren, musste er temporär verschiedene Arbeiten annehmen, bis er alles zurückzahlen konnte.

Polo Hofer Familie
© Privatarchiv Polo Hofer

Polo (r.) mit seinen Eltern Hans und Hedi Hofer und den Brüdern Hausi (l.) und Beat.

Haben Sie selber auch Musik gemacht? 
Ich bin Coiffeur und habe kein musikalisches Talent. Aber ich habe 1975 mit meiner mexikanischen Frau eines Abends meinem Bruder Polo ein altes mexikanisches Lied vorgesungen. Die Melodie hat ihm so gut gefallen, dass er daraus den Song «Nimm no chli vo mim und tue no chli vo dim dezue» gemacht hat. Natürlich ging es in seiner Version um Hasch (lacht). Das Lied ist auf der gleichen Platte wie «Kiosk», glaub ich. 

Sie sind 1976 wieder zurück nach Kanada gezogen. Ist der Kontakt zu Polo danach abgebrochen?
Damals gabs noch kein Internet, und telefonieren war sehr teuer. Unsere Mutter hat mir aber regelmässig Artikel der «Schweizer Illustrierten» über Polo per Post geschickt. Sie war so stolz auf ihn! Und ich war immer auf dem Laufenden, was mein Bruder so macht. Er hat uns auch einige Male besucht. Das letzte Mal 2002 mit seiner Frau Alice in Mexiko.

Gibts etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung ist?
Ich war immer etwas eifersüchtig auf seinen Lebensstil. Polo hat sein Leben so gelebt, wie er es wollte – ohne Rücksicht auf andere. Er lebte sicher ungesund, aber er konnte am Schluss sagen: «Es isch schön gsy!»

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