Ein persönlicher Nachruf Lieber Polo, Du warst mein Erster

SI-Autorin Sandra Casalini kannte Polo Hofer fast zwanzig Jahre lang. Und hatte ein besonderes Verhältnis zu ihm.
Polo Hofer und Sandra Casalini
© Kurt Reichenbach

SI-Journalistin Sandra Casalini und Polo Hofer 2009 in Oberhofen am Thunersee.

Lieber Polo

Du warst mein Erster. Und ganz ehrlich: So richtig gut wars nicht.

Also, du warst der Allererste, den ich interviewt habe. Ein paar Wochen zuvor sind wir uns zufällig über den Weg gelaufen. Also, eher über den Weg gesessen. Oder getrunken. Du hast ein Konzert gegeben in der Nähe meines Heimatkaffs im Bündnerland, und hast in einem lokalen Hotel übernachtet. Ich habe da mit ein paar Freunden am Stammtisch gesessen, wie man das halt so macht mit Anfang zwanzig auf dem Land, mangels Alternativen.

Du hast dich dazugesetzt und Geschichten erzählt. Und Roten getrunken. Ich auch. Also, Roten getrunken. Geschichten erzählen konnte ich damals noch nicht – und ich werde es niemals so gut können wie du. Ich hatte keine Ahnung, wer du bist. Der Wirt hat es uns erzählt. Cool, dachte ich, ein Star. Ich hatte gerade einen Volontariats-Vertrag bei einer Lokalzeitung unterschreiben, und fragte, ob ich dich interviewen darf, wenn ich in ein paar Wochen dort anfange. Du fändest Journalisten doof, hast du gesagt, aber wir können ja noch eins trinken und dann würdest du es dir überlegen.

Ein paar Wochen später hab ich es dann tatsächlich gekriegt, dieses Interview. Ich fand, das habe ich super hingekriegt, und fand es relativ unnötig, mich richtig vorzubereiten. Du hieltest es im Gegenzug unnötig, nüchtern zu dem Termin zu erscheinen. Du fragtest mich nach meinem Lieblingslied von dir, ich hatte keinen blassen Schimmer. Du bist im Gegenzug nach meiner dritten Interviewfrage rückwarts vom Stuhl gerutscht und das Interview war vorbei. Genau wie meine Schreiber-Karriere, die ich damals dachte.

Nun ja, es war nicht ganz so. Und lustigerweise habe ich dich in den folgenden Jahren immer wieder getroffen und interviewt, in erster Linie für die Schweizer Illustrierte. Und jedesmal und immer mehr überkam mich dieses Gefühl, diese eigenartige Mischung aus Bewunderung und Neid: Dieses Spiel mit Worten, mit Sprache, ob in der Musik oder am Stammtisch – wie gern würde ich es so beherrschen wie du. Du warst pointiert und radikal, hast nie ein Blatt vor den Mund genommen. In einem unserer Interviews hast du dich selbst als „unberechenbar, gwundrig und sehr unterhaltsam“ beschrieben. Genauso warst du. So und nicht anders.

2006 lagst du wegen einer Bauchspeicheldrüsenentzündung zehn Tage im Koma. Kurz drauf hast du wieder am Cüpli genippt. Trotz Alkoholverbot der Ärzte. Polo, hab ich gesagt, ist das gut für dich? Du hast mich mit dem Was-weisst-denn-du-schon-Blick angesehen. Die Ärzte gingen davon aus, dass man achtzig werden wolle. Wer denn sage, dass das dein Ziel sei? Ich lebe lieber jetzt, hast du gesagt. Und Alice, deine Alice, hat das immer akzeptiert. Ihr beide zusammen, ihr wart grossartig. Sie hat gewusst, wer du warst. Und hat dich einfach so gelassen. So wie du warst.

«Jede cha sich selber si. Ir Wärchstatt vom Schicksal. Bim Schmiede vo sim Glück.» Du hast mich nie wieder gefragt, Polo, aber das ist mein Lieblingslied. «Die Gfallene Ängel», zu finden auf der Rumpelstilz-CD «La Dolce Vita» von 1977. Und heute mehr denn je. Weil diese eine Zeile so ist, wie du warst: Du warst immer du selber. Hast dein Schicksal in die Hände genommen – und schlussendlich akzeptiert. Und dein Glück geschmiedet. Bis zuletzt.

Und heute bin ich doch ein bisschen stolz darauf, dass ich sagen kann: Polo war mein Erster. Denn hey – so eine Geschichte kann nun echt nicht jeder erzählen! Deshalb kann ich rückblickend sagen: So schlecht wars nicht! Danke, Polo. Wir sehen uns wieder. Irgendwann. Ir Wärchstätt vom Schicksal. Bim Schmiede vo üsem Glück.

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