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10 Jahre nach dem Mord

«Lucie, du fehlst uns»

Das Verbrechen erschütterte die ganze Schweiz. Vor zehn Jahren wurde das Freiburger Au-pair Lucie Trezzini, 16, bei Baden AG brutal ermordet. Ihre Mutter Nicole: «Unsere Familie leidet auch heute noch unter diesem ruchlosen Verbrechen.»

Nicole Trezzini Lucie
«Sie ist in unseren Herzen»: In ihrer Wohnung in Fribourg zündet Nicole Trezzini eine Kerze für ihre ermordete Tochter Lucie an. Kurt Reichenbach

Lucie. Sie ist ihr erster Gedanke am Morgen. Und ihr letzter vor dem Einschlafen. «Ich sehe sie lachen, Lucie war ein so lebensfroher Mensch.» 

Nicole Trezzini, 57, steht in ihrer Stube im Pérolles-Quartier in Fribourg und zündet eine Kerze an. Wie immer in den vergangenen zehn Jahren, wenn sie nach Hause kommt. Eine Kerze für Lucie. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie hereinkommt.» Doch ihre Tochter kommt nie mehr nach Hause.

4. März 2009. Nach dem Zmittag verabschiedet sich Lucie Trezzini von ihrer Au-pair-Familie in Pfäffikon SZ, sie geht shoppen. Im Hauptbahnhof Zürich wird die 16-jährige aus Fribourg von Daniel H. angesprochen. Der 25-jährige arbeitslose Koch lockt die junge Frau in seine Wohnung in Rieden bei Baden AG. Er sagt, er wolle Model-Fotos von ihr machen. Lucie kehrt nicht zurück am Abend, in der ganzen Schweiz wird verzweifelt nach ihr gesucht. 8. März: Polizisten finden die junge Frau. Sie liegt nackt in der Badewanne von Daniel H. – tot.

Lucie
Nur noch eine Erinnerung: Lucie wollte Model werden. Didier Martenet/L'illustré

«Unglaublich, dieses Urteil!»

H. hat mit ihrem Handy telefoniert. 9. März: H. stellt sich der Polizei, legt ein Geständnis ab. Sein Leben sei sinnlos, er wolle in den Knast. Deshalb habe er – unter Kokaineinfluss – mit einer Hantelstange Lucies Schädel eingeschlagen, ihr die Kehle durchgeschnitten. 2012 wird der vorbestrafte Aargauer zu lebenslanger Freiheitsstrafe und lebenslanger Verwahrung verurteilt. Ein Jahr später ordnet das Bundesgericht eine ordentliche Verwahrung an. Begründung: Der Täter könne nicht auf Lebzeiten als untherapierbar eingestuft werden.

«Unglaublich, dieses Urteil! Eine Heuchelei sondergleichen!» Lucies Mutter schüttelt den Kopf, immer wieder. «Unbegreiflich, dass Richter sich in solchen Fällen auf therapeutische Gutachten stützen. Sie sollen den Mut haben, zu bestimmen: Eine so kranke Kreatur kommt nicht mehr frei! Das wäre etwas Gerechtigkeit für Lucie!» Hat die Mutter Hass auf den Mörder? «Nein. Höchstens Mitleid. Er ist ein Mensch.»

Lucie Tatort
In einer Wohnung in diesem Haus in Rieden bei Baden AG ermordete Daniel H. Lucie Trezzini. Ex-Press

In den ersten Jahren nach dem Mord sei jeder Tag ein Leiden gewesen, erzählt Nicole Trezzini. «Für uns alle.» Von ihrem Gatten Roland, 57, lebte sie schon vor der Tat getrennt, die beiden haben noch zwei weitere Kinder: Der Sohn ist heute 24, die Tochter 29. Die Mutter: «Heute haben wir wieder Boden unter den Füssen. Die Kinder gehen ihren Weg.»

«Lucies Lebensfreude gibt uns Kraft.»

Manchmal redet Nicole mit ihrer verstorbenen Tochter, dann kann sie sich der Tränen kaum erwehren. «Was soll ich tun?», fragt sie ihre Lucie in solchen Momenten. «Sie antwortet mir: Maman, erinnere dich an die vielen schönen gemeinsamen Momente!» Das helfe. «Lucies Lebensfreude gibt uns Kraft.» Die Mutter schaut zum Fenster hinaus. «Lucie, du fehlst uns.»

Hunderte Zuschriften hat die Familie erhalten, noch heute treffen Briefe ein, aus dem ganzen Land. «Merci», bedankt sich Nicole Trezzini. Sie ist Lehrerin am Collège du Sud in Bulle FR. «Die Jugendlichen geben mir das Vertrauen ins Leben zurück.» Doch immer wieder gibt es Momente, «da bin ich nur wütend». Und manchmal, «da kann ich einfach nicht mehr».

Bei Simonetta Sommaruga im Büro

Lucies Tod soll nicht vergeblich gewesen sein, betont Trezzini. Sie und ihr Mann haben erfolgreich für ein nationales Alarmsystem bei Kindsentführungen gekämpft. Nach wie vor engagieren sie sich mit aller Kraft dafür, dass das schweizerische Strafrecht in allen Kantonen korrekt angewendet wird, besonders beim Umgang mit entlassenen Gewaltverbrechern.

Die damalige Justizministerin Simonetta Sommaruga lud die Eltern Trezzini in ihr Büro. «Sie hatte offene Ohren für uns.» 2017 liess der Kanton Aargau Lucies Angehörigen eine Entschädigung zukommen – die Aargauer Behörden mussten Mängel im Straf- und Massnahmenvollzug einräumen. Trezzini: «Dieser Kampf hat uns sehr viel Energie gekostet.»

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«Ort des Friedens»: Das Grab von Lucie auf dem Friedhof St-Léonard in Fribourg.  Didier Martenet/L'illustré

Am zehnten Todestag trifft sich die Familie mit Lucies Freunden und deren Au-pair-Eltern aus der Deutschschweiz. Sie werden am Grab stehen und Kerzen anzünden, in einem Bistro ein «verre d’amitié» trinken. «Wir werden weinen, aber auch lachen», sagt die Mutter, «zusammen mit Lucie.»

Von Thomas Kutschera am 4. März 2019