Seine Schwester ist sein grösster Fan Manuel Akanji im grossen Porträt

Es könnte nicht besser laufen für Manuel Akanji. Nach dem Einzug in die Achtelfinals der Champions League und die Endrunde der WM wechselt er jetzt zu Borussia Dortmund. Die «Schweizer Illustrierte» hat den neusten Bundesliga-Söldner und seine Schwester, die ebenfalls eine engagierte Fussballerin ist, vor kurzem in ihrer Heimat getroffen. Das Porträt erschien am 8. Dezember 2017.
Manuel Akanji und Schwester Sarah
© Thomas Buchwalder

Beim FC Wiesendangen bei Winterthur begannen Manuel und Sarah Akanji einst Fussball zu spielen.

Der Himmel ist grau, über dem Fussballplatz in Wiesendangen ZH liegt eine dünne Schneeschicht. Manuel und Sarah Akanji sind die Einzigen auf dem Rasen. Nicht zuletzt dank dem 1,87 Meter grossen Verteidiger überwintert der FC Basel nach dem Sieg in Lissabon in der Champions League. 

Die Kindheitserinnerungen an den Ort in der Nähe von Winterthur sind bei den Geschwistern bunt und lebendig. «Hier im Materialraum mussten wir die Bälle aufpumpen», erzählt der 22-jährige Manuel. «Und hier draussen haben wir unsere Schuhe gewaschen», sagt Schwester Sarah, 24. 

Manuel Akanji und Schwester Sarah
© Thomas Buchwalder

Im Materialraum des FC Wiesendangens haben Manuel und Schwester Sarah früher Bälle aufgepumpt.

Sportliche Familie

Die Liebe zum Fussball und allgemein zum Sport wurde ihnen in die Wiege gelegt. Die ganze Familie Akanji ist sportbegeistert. Der aus Nigeria stammende Vater, der als Finanzfachmann arbeitet, ist bis heute Hobbyfussballer, die Mutter aus Oberwinterthur hat Tennis gespielt, die ältere Schwester machte Leichtathletik. Sarah und Manuel probieren alles aus. Er bleibt beim Fussball hängen, sie zieht nach: «Ich dachte, wieso soll ich nur zuschauen, ich kann das auch!»

Schon bald trennen sich ihre sportlichen Wege. Sarah spielt heute in Winterthur in der zweiten Liga – und putzt ihre Schuhe noch immer selber. Manuel wird mit elf Jahren vom FC Winterthur entdeckt, spielte zweieinhalb Jahre beim FC Basel bevor er nun zu Borussia Dortmund wechselte. Davor schaffte es die Entdeckung der Saison auch in die Schweizer Nati. «Ich habe gehofft, dass ich mal so weit komme, aber nicht wirklich daran geglaubt», sagt der Innenverteidiger, der neben dem Sport eine KV-Lehre abgeschlossen hat.

Ich werde alles tun, um an der WM dabei zu sein!

Sarah erwidert: «Du hast aber bereits als kleiner Bub gesagt, dass du Profi werden willst.» Sie lächelt. Da ist keine Spur von Neid zu spüren, nur Stolz auf den kleinen Bruder, dessen Spiele sie fast immer live im Stadion verfolgt.

Fussballer Manuel Akanji und Geschwister
© ZVG

Die Geschwister Akanji: Michelle, Sarah und Manuel (v. o.) sind in Wiesendangen ZH aufgewachsen und alle sehr sportlich.

Zwei unterschiedliche Kämpfer

Manuel Akanji spielt beidfüssig, ist schnell, zweikampfstark und strahlt eine beeindruckende Selbstsicherheit aus. «Ich möchte nicht arrogant klingen, aber ich habe einfach Vertrauen in meine Fähigkeiten.» Das Champions-League-Spiel gegen seinen Lieblingsklub Manchester im vergangenen September im legendären Old-Trafford-Stadion lässt ihn dann doch ein wenig nervös werden: «Beim Einlaufen hatte ich Gänsehaut.» Die WM im Sommer in Russland ist der nächste Traum, der für ihn in Erfüllung geht: «Ich werde alles tun, um an der WM dabei zu sein!»

Auch in anderen Bereichen kann Akanji, der bisher mit seiner Freundin Melanie in Basel wohnte, fast nichts aus der Ruhe bringen. Sogar rassistischen Kommentaren, die er auf und neben dem Feld immer wieder mal hört, begegnet er gefasst. «Klar ist das nicht schön. Aber es bringt nichts, wenn ich mich aufrege.» Schwester Sarah reagiert emotionaler: «Wenn ich immer gefragt werde, woher ich denn wirklich ursprünglich sei, nervt das. Und die Diskussion um die ‹echten› Schweizer im Nationalteam finde ich daneben», sagt die Lautere der beiden. 

Fussballer Manuel Akanji und Schwester Sarah
© Thomas Buchwalder

Zwei Kämpfer: Die Geschwister Akanji vor der Pokalvitrine ihres FC Wiesendangen.

Sarah Akanji wehrt sich gegen Ungerechtigkeiten – auch betreffend Geschlecht. Sie, ebenfalls talentierte Innenverteidigerin, hatte im Fussball nie die gleichen Möglichkeiten wie ihr Bruder. «Vielleicht habe ich deswegen nie voll auf den Fussball gesetzt. Dann habe ich mich aber schon gefragt, was gewesen wäre, wenn ...» Sie schafft es über Umwege zum NLA-Klub St. Gallen, bevor sie durch Knie- und Hüftverletzungen gebremst wird. Heute spielt die Politik- und Geschichtsstudentin im Team, das es nur dank ihrer Initiative überhaupt gibt. Vor zwei Jahren ist sie mit dem Anliegen an die Medien gelangt, hat Gespräche geführt mit Funktionären, Trainern, Spielerinnen. Mit Erfolg. 

Dank ihrem Engagement können immer mehr Mädchen vom Spitzenfussball träumen.

Ihre Beharrlichkeit beeindruckt auch Manuel Akanji. «Wie sie drangeblieben ist und gekämpft hat, bewundere ich», sagt er. «Und wenn ich sehe, wie sie nach der Uni trainiert und dann manchmal noch im Service arbeitet bis um zwei Uhr morgens, schätze ich unsere Privilegien als Profis umso mehr.» Der Kampf für ihr Frauenteam hat Sarah Akanji viel Energie gekostet. Aber es hat sich gelohnt. In erster Linie, damit es junge Frauen in der Region im Fussball in Zukunft einfacher haben. «Und auch, weil ich allen Kritikern etwas beweisen konnte.»

Auch Manuel Akanjis Antrieb ist es zuweilen, seine Kritiker Lügen zu strafen. Den Schriftzug «Prove them wrong» – zu Deutsch «beweise ihnen das Gegenteil» – lässt er sich auf den Unterarm tätowieren, nachdem im Frühling 2016, kurz nach dem Wechsel zu Basel, sein Kreuzband gerissen ist. «Da gabs Leute, die sagten, ich hätte zu früh gewechselt oder meine Rückkehr würde nicht gelingen. Denen wollte ichs zeigen.» 

Das haben Manuel und Sarah beide getan. Beide auf ihre Art. Heute inspiriert er mit seiner Leistung Buben zum Profi-Fussball. Und dank ihrem Engagement können auch immer mehr Mädchen vom Spitzenfussball träumen.

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