Nach dem Hörsturz des zweifachen Familienvaters Marc Sway singt in Brasilien für hörgeschädigte Kinder

Nichts zu hören, ist das Schlimmste, was einem Musiker passieren kann. Marc Sway hat es erlebt. Ein Hörsturz hat ihn geprägt. Jetzt reist er als Botschafter der Stiftung Hear the World in seine Heimat Brasilien. Und musiziert mit hörgeschädigten Kindern.
Marc Sway Brasilien
© Silvio Gerber

Offene Ohren: Als Botschafter fürs Hören will Sway nicht nur seinen Kopf hinhalten, sondern auch vor Ort helfen.

«Boom shack, boom boom shack», singen die hellen Kinderstimmen rhythmisch in der kleinen, stickigen Halle. Mittendrin gibt Sänger Marc Sway, 37, angekündigt als Musiker «Superfamoso» aus der Schweiz, den Takt vor. Erst gestern ist er in Sorocaba angekommen, einer Industriestadt mit 650 000 Einwohnern, unweit von São Paulo. Für die Stiftung Hear the World besucht er deren Projektpartner, die örtliche Klinik Apadas, die Kinder mit Hörverlust hörmedizinisch versorgt.

«Diese Kinder können singen!» Sway ahnte es. Denn was ist Musik anderes als ein Gespür für Frequenzen. Dank ihren Hörgeräten und Implantaten entdecken die Kinder seine musikalische Welt. Er stimmt mit ihnen Lieder aus seiner Kindheit an, die seine brasilianische Mutter ihm schon vorsang. Manche singen verhalten mit, andere aus vollem Hals.

Marc Sway Brasilien
© Silvio Gerber
Begeisterung: Fürs Konzert haben die Kinder extra geübt. «Sie können die Lieder besser als ich», staunt Sway.

«Tio», Onkel, nennen die Kinder den Sänger aus Europa gleich am ersten Tag. Begrüssen ihn vor der Klinik mit Ballons, Plakaten, Kuchen. In jeden Behandlungsraum darf Sway heute reinschauen. «Tudo bem? - Wie gehts dir?», fragt Sway die 16 Monate alte Luiza. Haarschleife, Kulleraugen, ihre Hörgeräte sind rosa. In ihrer Sprachtherapie übt sie die ersten Laute, bellt wie ein Hund. Ihre Augen leuchten, als Marc mit ihr singt. Am Ende der Stunde will Luiza ihm ihre Hörgeräte geben, als wolle sie sagen: «Lausch doch mal.» Alle lachen, und Luiza wirft Sway ein Kusshändchen zu.

Marc Sway Brasilien Luzia
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Süsse Prinzessin: Luiza trägt seit ihren ersten Lebensmonaten Hörgeräte. Durch Übungen fördern die Ärzte ihr Sprachzentrum.

Marc Sway verlor sein Gehör

Der Spass überdeckt es fast: Oft fliessen in der Klinik auch Tränen. Zwischen Zimmer 7 und 8 entscheidet sich das Schicksal. Nach zwei Hörtests mit Elek troden und Hörern auf den winzigen Kinderköpfen sehen die Eltern schwarz auf weiss, wie schlecht ihr geliebtes Baby hört. Danach erstellt die Klinik einen Behandlungsplan.

Als Vater von zwei Mädchen, Naomi, 8, und Nahla, 5, ist Marc Sway tief bewegt, fühlt mit. Wer nicht hören kann, ist eingeschlossen in seiner Welt. «Wie auf einer einsamen Insel.» Der Musiker weiss, wovon er spricht: Einen Vorgeschmack auf diese einsame Insel bekam Sway selbst vor ein paar Jahren. Just an Weihnachten versagte sein Gehör. «Es war, als würde ich durch eine Blechdose hören. Da bekam ich wirklich Angst.» Im Krankenhaus dann die Diagnose: Hörsturz! Nur mit viel Ruhe und Medikamenten war Sway irgendwann wieder ganz Ohr. «Als Musiker ist mein Gehör mein Kapital

Die Nacht über liegt er im Hotel wach und überlegt, wie er die Kinder in Sorocaba am besten abholen kann. Am folgenden Tag erzählt er den Kindern von seiner Brille Junior: Sie sei seine gute Freundin und helfe ihm. Wenn er sie nicht trägt, sei sie traurig. Genauso ist es für die Kinder mit ihren Hörgeräten. Sway, der Stimmungsmensch, will den Leuten gerecht werden. «Die Emotionen, die ich hier erlebe, kann mir in der Schweiz keiner erklären. Wenn ich die Menschen hier besuche, werde ich ein richtiger Teil des Projekts.» In Brasilien begrüsst Sway jeden herzlich locker, fühlt sich heimisch, umarmt jeden. Dass hier alle immer zu spät kommen, stört ihn nicht.

«Das gefällt mir, ich fange hier an»

Damit die Kinder trotz Hörverlust sprechen lernen, passt Apadas ihnen so früh wie möglich Hörgeräte an, bietet Sprachtherapie, Elternweiterbildung, sogar Kindergartenstunden mit Singund Sprachspielen. Apadas erhielt 2008 erstmals Unterstützung von Hear the World, um ein audiologisches Behandlungszimmer für Kinder mit neuster Technologie auszustatten und die Versorgung zu professionalisieren. Heute unterstützt die Stiftung bei Apadas die Experten-Weiterbildung.

Benyamin, 18 Monate, würde sich heute am liebsten hinter seinem Papa verstecken. Eine Audiologin spritzt ihm blaues Abdruckgel in die Ohren, mit dem später das Ohrpassstück seines ersten Hörgeräts gefertigt wird. Marc lenkt ihn mit einer rosa Spielfigur ab. Sie rasselt, Benyamin hört sie nicht. Aber eine Puppe, die selbst Hörgeräte trägt, findet er super. Sway ist neugierig. Er stellt so viele Fragen, als ob er sich gleich selbst zum Audiologen ausbilden lassen möchte. «Wie kommts zum Hörverlust?», «Warum kann ich nicht automatisch sprechen, wenn ich höre?».

In Brasilien ist die hörmedizinische Versorgung kostenlos, aber die Wege zu den wenigen Audiokliniken sind enorm weit. «Hier ist die Logistik immer gegen dich», sagt Sway. Im Freiluft-Wartezimmer sitzen Mütter, Grosi, Onkel, Cousinen mit ihren Babys: Nach bis zu sechs Stunden Anreise warten alle, schauen Telenovelas. Die Klinik ist klein, eng, aber funktioniert. Neben spektakulär gestapelten Patientenakten findet sich auch ein modernes Videokonferenz-System. Per App schult man Personal im ganzen Land. Vor allem Frauen arbeiten hier. «Das gefällt mir, ich fange hier an», lacht Marc Sway. Die Hörmedizin – in Brasilien eine Frauendomäne. «Wahrscheinlich, weil wir Männer schlecht zuhören», mutmasst Sway.

Marc Sway Brasilien Benyamin
© Silvio Gerber
Ohrenabdruck: Marc Sway lenkt den kleinen Benyamin ab, um die Passform fürs erste Hörgerät zu machen.

Das Ohr ist der Weg zum Herzen

Vor dem Musizieren mit den Kindern bleibt Zeit für ein typisch brasilianisches Mittagessen. Feijoada, Banane in Maniokmehl, Steaks. Viele Gerichte sind für Sway Hausmannskost. 2015 reiste er mit seiner Frau Severina, 36, und den Kindern acht Wochen durch Brasilien. Alle gemeinsam jeweils in einem Hotelzimmer. «The journey of my life», erinnert er sich. «Wir waren uns unglaublich nahe, hielten zusammen.» Dieses Mal ist die Familie in Pfaffhausen ZH geblieben. Gerade spielt der Sänger ein neues Album ein, ist viel unterwegs. Lange Gesichter gibt es deshalb im Hause Sway nicht. «Man darf sich auch mal richtig vermissen.»

Marc Sway Brasilien
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Heimat Marc: Sways Mutter ist Brasilianerin. Seit seiner Kindheit besucht er jedes Jahr das Land, spricht fliessend Portugiesisch.

Kurz vor seinem Auftritt wirkt der erfahrene Künstler gar ein wenig nervös. Als er in der Halle den ersten Ton von «Losing» anstimmt, ist es um das Publikum geschehen. Bei den portugiesischen Liedern feiern sie. Nach dem Konzert umarmt eine Mutter Marc Sway, Freudentränen kullern ihr übers Gesicht: «Meine achtjährige Tochter hat heute gesungen – zum ersten Mal.» Der Sänger verabschiedet sich mit einem guten Gefühl. Er hat erlebt, dass das Sprichwort stimmt: Das Ohr ist der Weg zum Herzen.

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