«Ich bin nicht mehr so naiv» Michelle Hunziker im Interview über ihre Sekten-Zeit

Sie war ein Sektenopfer: Michelle Hunziker! Nach dem Ausstieg packt sie über ihre Zeit bei den «Kriegern des Lichts» aus, um anderen Betroffenen Mut zu machen. «So etwas will ich nie mehr erleben!»  
Michelle Hunziker Interview Buch
© Joseph Khakshouri

Schonungslos: Im Buch erzählt Michelle Hunziker offen, warum sie in die Fänge einer Sekte geriet und wie sie nach fünf Jahren den Ausstieg schaffte. (Verlag Bastei Lübbe)

  

Die Frau, die für ihr Strahlen bekannt ist, sitzt auf dem blauen Sofa an der Frankfurter Buchmesse. Michelle Hunziker, 41, sorgt auch hier beim Publikum für Heiterkeit. Dabei gehts um ein sehr ernstes Kapitel ihres Lebens. Was ihr Lächeln lange verbarg, darüber hat sie ein Buch geschrieben – über den Ausstieg aus der Sekte «Krieger des Lichts».

Eine Sekte, die ihr fünf Jahre fast alles raubte: das Geld, die Liebsten – den Sex. «Ich hatte keinen Sex in den besten Jahren meines Lebens», erzählt sie auf der Bühne ZDF-Moderator Matthias Hügle. Die Menge raunt. Dann folgt Michelles Satz, der alle zum Lachen bringt: «Aber ich habe nachgeholt.»

Sie ist wieder glücklich verheiratet – mit Tomaso Trussardi, 35, Erbe des italienischen Luxusmodekonzerns Trussardi. Das Paar hat zwei Töchter, Sole, 5, und Celeste, 3. Michelles Älteste, Aurora, 21, stammt aus der 2009 geschiedenen Ehe mit Italiens Superstar Eros Ramazzotti, 54. Am Vortag ihres Auftritts an der Buchmesse hatten sie und Tomaso den vierten Hochzeitstag.

Michelle Hunziker Tomaso Trussardi Celeste Sole
© Wiese

Zweite Chance: Michelle und Ehemann Tomaso Trussardi mit ihren beiden Töchtern Celeste (l.) und Sole.

 
 

Michelle Hunziker, wie haben Sie gestern gefeiert?
Das war ein spezieller, sehr intensiver Tag. Meine mittlere Tochter und meine Mama haben ja noch am gleichen Tag Geburi. Am Vorabend feierten wir mit Mama. Und an Soles Party war unser Haus am Mittwoch voller Kinder. Danach erst kamen mein Mann und ich an die Reihe. Tomaso überraschte mich zum Abendessen mit wunderschönen Rosen.

Das hört sich doch nach einem perfekten Leben an.
Kein Leben ist perfekt. Wenn man das akzeptiert, kann man auch das Unperfekte geniessen. Ich bin glücklich! Meine Kinder sind gesund. Ich liebe einen Mann, der mich liebt, und ich habe einen tollen Job. Doch hin und wieder habe auch ich Probleme, so wie jeder andere Mensch.

Nur lassen Sie sich das nie anmerken?
Ich finde immer einen Grund, zu lächeln und das Positive zu sehen. Wie gesagt: Perfekt gibt es nicht, aber mein Leben heute kommt sehr nahe ans Perfekte heran.

Keine Wut auf die Menschen, die Ihnen in Ihrer Zeit in der Sekte etwas vorgegaukelt haben?
Nein! Das gehört nicht zu meinem Naturell. Es gibt in dem Sinne ja auch keine Schuldigen, nur Leute, die gelitten haben. Und ich bin sehr froh, dass ich nach meinem Ausstieg aus der Sekte eine zweite Chance bekommen habe.

Sind Sie misstrauischer geworden?
Ich sage es mal so: Ich bin reifer. Wenn man reif wird, passt man ein bisschen mehr auf. Ich bin immer noch sehr positiv eingestellt und sehe das Gute in jeder Person. Aber ich bin nicht mehr so naiv wie früher.

Noch mal passiert Ihnen das nicht?
(Lacht.) Um mich reinzulegen, müssten Sie sich sehr grosse Mühe geben! Aber ich versichere Ihnen: In eine solche Abhängigkeit begebe ich mich kein zweites Mal.

Michelle Hunziker Buchmesse
© Joseph Khakshouri

Im Fokus: Michelle Hunziker vergangene Woche an der Frankfurter Buchmesse. Über ihre Anfangszeit in der Sekte sagt sie: «Ich hatte das Gefühl, von Liebe überwältigt zu werden.»

 

Für minutenlanges Blitzlichtgewitter sorgt Michelle Hunziker in Frankfurt bei der Pressekonferenz von Bastei Lübbe, dem Verlag, in dem ihr Buch «Ein scheinbar perfektes Leben» erscheint. TV-Moderator Marco Schreyl interviewt sie. Vertreter verschiedener Medien sind da: RTL, ZDF-«Morgenmagazin», Katholische Nachrichtenagentur, «Stuttgarter Zeitung», «Glanz & Gloria». Der Raum «Alliance» in Halle 4C ist proppenvoll, das Interesse an Hunzikers Buch riesig.

Sie will erst mal was klarstellen: «Ich habe das Buch nicht selbst geschrieben, dafür habe ich einen zu grossen Respekt vor der Arbeit von Schriftstellern.» Vielmehr habe sie Francesca Parravicini ihre Geschichte erzählt, und die habe nicht nur zugehört und mitgeschrieben, «sondern sie hat mich auch verstanden».

Michelle, Sie geben in Ihrem Buch einen sehr privaten Einblick in Ihr Leben. Warum tun Sie das?
Weil mir in jungen Jahren etwas Schlimmes widerfahren ist. Ich möchte darüber sprechen, um anderen die Möglichkeit zu geben, nicht den gleichen Fehler zu machen. Mein Rat: Habt nie Angst, um Hilfe zu bitten. Man muss sich auch nicht schämen, wenn man in eine Sekte geraten ist …

… aus deren Fängen Sie sich selbst wieder befreit haben.
Ja, deshalb ist es auch keine traurige Geschichte, die ich erzähle, sondern eine Geschichte mit einem Happy End.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Nach aussen sah es damals aus, als führte ich ein perfektes Leben. Einerseits hatte ich ein kleines Kind, war verliebt in meinen Mann Eros Ramazzotti, mein Job machte mir Spass. Andererseits hatte ich eine Vergangenheit, die mich plötzlich einholte: Mein Vater war Alkoholiker, meine Mutter sorgte für mich und meinen Bruder, hatte deswegen oft wenig Zeit für uns. Meine Eltern trennten sich, und es gab Momente, wo ich richtig böse auf meinen Vater war. Ich tat zwar so, als wäre alles okay, aber es war eben nichts okay. Und ich hatte damals niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte.

Fühlten Sie sich verwundbar?
Ja. Ich hatte ja keine perfekte Familie und war so das perfekte Opfer für eine Sekte.

Michelle Hunziker Eros Ramazzotti
© ariola

Scheinbar happy: Obwohl Mama und verheiratet mit Eros Ramazzotti, gerät Michelle mit 22 in eine Sekte.

 
 

Wie begann das alles?
Clelia, eine Pranatherapeutin, die die Halsprobleme meines Mannes Eros behandelte, ist zu uns nach Hause gekommen. So lernte ich sie kennen. Sie war sehr mütterlich, sympathisch, wir umarmten uns stets, wenn wir uns sahen. Ihr öffnete ich mein Herz, und sie begann, mich zu therapieren. Aber im Laufe der Zeit kamen immer mehr Personen aus ihrem Umfeld dazu, und auf einmal wurde es sektenhaft. Ich nahm das zu Beginn gar nicht so wahr.

Wie bekam Clelia Sie so fest in ihre Hände?
Das passierte langsam, Schritt für Schritt. Zuerst gab sie mir das Gefühl, nur für mich da zu sein. Sie sagte: Du kannst jederzeit anrufen, wir lieben dich, wir sind deine neue Familie. Für mich, mit meiner familiären Vergangenheit, klang das sehr verlockend, und ich hatte das Gefühl, von Liebe überwältigt zu werden. Als sie mich unter Kontrolle hatten, trennten sie mich von Familie und Freunden. So isoliert und einsam, begannen sie damit, mich zu bestrafen.

Für mich war immer klar, dass ich Aurora da nie hineinziehen werde

Klingelten da nicht die Alarmglocken?
Ich war jung, dachte, das ist mein spiritueller Weg. Mit der Zugehörigkeit zu einer Sekte ist es wie mit Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit. Ein Abhängiger weiss, es ist nicht gut, Drogen zu nehmen. Aber er kann nicht anders. Das ist wie bei einem Hund in einem goldenen Käfig, der stets gestreichelt wird und jeden Tag Filet bekommt. Dann macht jemand den Käfig auf und sagt: «Komm, geh raus, du bist frei.» Der Hund will lieber zurück in seinen goldenen Käfig, gestreichelt und mit Filet gefüttert werden. Ich glaubte, dass ausserhalb der Sekte niemand ist, der für mich da wäre.

Hatten Sie keine Angst um Ihre Tochter?
Für mich war immer klar, dass ich Aurora da nie hineinziehen werde. Sie besuchte ganz normal die Schule, hatte Religionsunterricht und bekam sonst kaum etwas mit – bis auf meine Traurigkeit. Kinder merken schnell, wenn es ihren Eltern nicht gut geht.

Aurora öffnete Ihnen die Augen und brachte Sie offenbar dazu, den Mut zu finden, um der Sekte den Rücken zu kehren.
Ja, ich hatte Auri einen Tag bei mir und wollte mit ihr spielen. Aber sie sah mich mit traurigen Augen an und sagte nur: «Ich will meine alte strahlende Mamma zurück. Sonst spiele ich nicht mehr mit dir.» Das war ein Stich mitten ins Herz.

Wie gelang Ihnen der Absprung?
Ich hatte das Glück, dass es eine Person in meinem damaligen beruflichen Umfeld gab, die mich anrief und um ein Treffen mit mir bat. Sie hätte gekündigt und wolle mir unbedingt noch etwas mitteilen. Sie sagte zu mir einen Satz, der mir half, mich endgültig von der Sekte zu lösen: «Michelle, ich will nur, dass du weisst, da draussen warten alle auf dich – und du bist nicht allein.»

Sie haben durch die Sekte auch Geld verloren.
Ja! Geld sei des Teufels, sagten sie, eine schwere Energie. Man helfe mir aber bei meinem Reinigungsprozess, indem man mein Geld «wasche». Nur so könnte ich spirituell die nächsthöhere Stufe erreichen.

Von wie viel Geld sprechen wir?
Ich weiss es nicht genau, aber ich habe sicher um die zwei Millionen Euro verloren. Aber das ist mir, rückblickend, egal. Ich habe den Ausstieg geschafft, das ist es, was zählt.

Waren Sie nach Ihrem Ausstieg verschuldet?
Zum Glück nicht. Aber meine beste Freundin hat noch Schulden wegen der Sekte.

Wie stehen Sie heute zu Religion?
Ich habe nie den Glauben an Gott verloren – zum Glück. Ich habe heute ein sehr schönes, relaxtes Verhältnis zu meinem Glauben. Ein Franziskanermönch hat mir sehr geholfen, Antworten auf viele meiner Fragen zu bekommen. Dafür bin ihm sehr dankbar.

Bildergalerie: Michelle Hunziker - ihr Leben in Bildern


 

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