Beat Schlatter «Mir kams grad gschliffe»

Ein Katzen klauender Ex-Punker mit Mutterkomplex: Das Leben des Beat Schlatter ist skurril. Jetzt verrät der Komiker, wann er Drogen konsumierte und warum er nie Soldat wurde.

Schweizer Illustrierte: Beat Schlatter, jetzt gibt es ein Buch mit komischen Geschichten aus Ihrem Leben. Dabei heisst es, dass Komiker privat nicht lustig sind.
Beat Schlatter: Das ist ein Ammenmärchen! Es stimmt aber, dass Leute mit viel Humor auch Traurigkeit und Ängste in sich haben.

Wieso passiert Ihnen so viel Absurdes?
Ich provoziere es mit meinem Lebensstil - der ist mutig und gewagt. Und es ist mein Job, Ideen zu entwickeln. Dabei scheitere ich manchmal, und meist ist das Scheitern das Komische an sich. Die Wahrheit soll aber immer wichtiger sein als die Anekdote.

Sie wollten schon die doofsten Hauswarte, die schlechtesten Restaurants oder die besten Schimpfwörter küren und stiessen auf Empörung. Hat Sie das verwundert?
Ich dachte nicht so weit, sonst hätte ich das nicht gemacht. Das sind oft Gratwanderungen. Der Verleger sagte: «Wenn wir 200 Restaurants öffentlich als mies abstempeln, haben wir 200 Klagen. Das publiziert niemand!» Bei den Hauswarten fanden alle die Idee toll - bis auf die Hauswarte. Die Fluch-Olympiade lief morgens im Radio. Tja … niemand will mit Schimpfwörtern aufwachen.

Dafür ist Ihre Bingo-Show wegen der speziellen Preise erfolgreich.
Genau. Ein Schönheitschirurg spendete zum Beispiel eine Vergrösserung für eine Brust. Die andere muss der Gewinner selbst bezahlen. Eine Frau fand das sexistisch, und aus Fairness nahmen wir dann eine Penisvergrösserung ins Angebot. Einmal stellte eine Boutique-Besitzerin ihr lebendiges Krokodil zur Verfügung. Ich bezweifle jedoch, dass diese Preise je abgeholt wurden. Das Säckli Gras ist im Dauerangebot.

Ist das legal?
Keine Ahnung. Ich selber kiffe nicht, weil es mir zu schnell und zu heftig einfährt. Ich habe zweimal aufgehört zu rauchen. Das war so brutal, dass ich nie mehr damit anfangen will.

Ein paar Geschichten handeln von Ihren Drogenerfahrungen. Wieso haben Sie überhaupt LSD und halluzinogene Pilze ausprobiert?
Es waren Experimente für kreative Zwecke. Zu zweit wollten wir schauen, wie Drogen die Beantwortung von Fragen verändern. Nur haben wir unter Einfluss der Pilze das Experiment vergessen. Da war der angeblich fehlende Knochen im kleinen Zeh plötzlich viel lustiger und interessanter.

Hatten Sie nie Angst, süchtig zu werden?
Nein, ich habe gesehen, wie rundum Kollegen an harten Drogen gestorben sind. Als Punk hatte ich damals eh kein Geld für Drogen. Ich trank vor allem Bier. Zudem hat das, was man machen will, die grössere Kraft als die Droge selbst. Wenn ich heute mal zu viel Alkohol trinke, weiss ich, dass ich am folgenden Tag gewisse Dinge nicht mehr machen kann. Das ärgert mich zu sehr.

Die Polizei kommt im Buch oft vor. Was war Ihr gröbster Verstoss?
Ein Fremder schickte mir einst bewusstseinserweiternde Pilze aus Holland als Geburtstagsgeschenk. Am Zoll haben sie die abgefangen und mich vorgeladen. Das war unangenehm. Mit dem Polizisten bin ich übrigens per Du, seit ich ihn mal im Niederdorf getroffen habe.

Sie sind auch per Du mit Bundesräten.
Mit Ueli Maurer ist das auf dem Schwingplatz passiert. Dort outet man sich als Banause, wenn man einander Sie sagt. Mit Doris Leuthard war es das Gleiche. Sie habe ich später wieder getroffen und gefragt, obs noch gelte. Sie meinte «Äääh». Seither sind wir wieder per Sie.

Gibts lustige Politiker?
Samuel Schmid ist privat ein unglaublich lustiger Mensch. Er ist zwar politisch anders ausgerichtet als ich, aber ich glaube, er war als Bundesrat zu sehr Mensch. Was mit ihm passierte, gab mir zu denken und darf in unserem Land nicht passieren. Mobbing ist wie ein Verbrechen für mich.

Samuel Schmid war VBS-Vorsteher. Wieso haben Sie keinen Militärdienst geleistet?
Bei der Aushebung wurde ich wegen meiner blond gefärbten Haare für homosexuell gehalten und deshalb als untauglich eingestuft. Die Akzeptanz von Homosexuellen war damals nicht gross. Mir kams «grad gschliffe», dass ich nicht ins Militär musste. Ich wäre ein schlechter Soldat gewesen. Ich kann niemandem wehtun. Da renne ich vorher weg.

Was ist Ihre Einstellung zum Militär?
(Druckst lange herum.) Also bei Naturkatastrophen hilft unsere Armee gut.

Sie waren mit der Frauenband Liliput als Musiker unterwegs. Bereuen Sie, dass Sie nicht Rockstar geworden sind?
Überhaupt nicht, obwohl ich viele Konzerte spielen konnte, sogar in Berlin. Damals spielte Gianna Nannini noch im Vorprogramm! Vielleicht, weil ich Punk-Musiker war, bin ich oft sehr weit gegangen, vielleicht auch mal zu weit.

Zum Beispiel?
Ja, also, wenn du planst, Katzen zu entführen, um dann vom Finderlohn zu leben, gehst du definitiv zu weit! Daraus wurde dann der Film «Katzendiebe». Vielleicht waren auch die Pilzli-Versuche etwas zu viel.

Ihre Karriere als Komiker starteten Sie mit Götterspass gemeinsam mit Patrick Frey. Heute sind Sie beide zerstritten …
Wir kamen an einen Punkt, wo wir nicht mehr den respektvollen Umgang miteinander pflegten. Nach dem Stück «Seegfrörni» war deshalb der richtige Moment, uns einzugestehen, dass es nicht mehr stimmt zwischen uns. Auf der Bühne Gefühle spielen, wenn wir in der Garderobe schlechte Laune haben, geht nicht.

Stehen Sie in Kontakt?
Wir haben uns geeinigt, dass wir die ganze Angelegenheit stillschweigend handhaben. Und das ist gut so. Es war eine intensive Zeit, wie eine Scheidung, die man verarbeiten muss.

Ihre Mutter erlebte ihren Erfolg nicht mehr. Sie sagen: «Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass die Zeit, in der ich Komiker wurde, die traurigste in meinem Leben war.»
Meine Mutter starb während einer wichtigen Zeit, als ich selbstständig werden wollte. Ich habe noch heute einen Mutterkomplex. Wenn ich eine Mutter mit ihrem Sohn sehe, tut mir das weh im Herz. Sie hätte wahnsinnig Freude daran, dass ich geheiratet habe. Da ist viel Melancholie und Traurigkeit.

Gemeinsam mit Ihrem Vater haben Sie die Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt.
Sterben gehört zum Leben. Es ist unsere Pflicht, jemanden so gut wie möglich zu begleiten, der im Sterben liegt oder krank ist. Für meine Mutter war nichts schlimmer, als wenn sie merkte, dass wir einen Witz wegen ihr nicht machten. Da fühlte sie sich ausgeschlossen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ja, und das ist gut. Ich habe die Tendenz, Grenzen zu überschreiten. Die Angst ist eine Art Sicherheitsgurt. Ich bin auch gegen aktive Sterbehilfe wie Exit und Dignitas. Ich will nicht, dass jemand in meinem Umfeld so aus dem Leben geht. Aber schlussendlich muss man den Willen eines Kranken respektieren.

Sie geben im Buch viel Komisches, aber auch Trauriges preis. Hat Ihre Frau Mirjam nichts schockiert?
Frau Fischer kennt alle meine Geschichten. Sie hat sehr viel zum Buch beigetragen. Frau Fischer weiss, dass sie keinen Pfarrerssohn geheiratet hat. Zum Glück hat sie als Kunsthistorikerin mit Leuten zu tun, die grössere Abgründe haben als ich. Deshalb war das Buch Balsam für sie, und sie dachte wohl: «Was für ein toller Mann!»

Das Buch «Bin gleich zurück - Komisches aus dem Leben von Beat Schlatter» von Stephan Pörtner ist ab sofort im Handel erhältlich.

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