Raquel Marquard «Mit 40 hätte die Zeit stillstehen sollen»

Sie ist 50 geworden: Raquel Marquard. Die Gattin des erfolgreichen Verlegers Jürg Marquard räumt auf mit Vorurteilen, spricht über Luxus und das neue Selbstverständnis einer Frau in den besten Jahren.

Vorurteile? Ja, wer Raquel Marquard, 50, nicht persönlich kennt, glaubt viel über sie zu wissen: Kohlenhydrate – isst sie sicher nicht. Den Staubsauger – kennt sie nur vom Hörensagen. Den Kaffee – lässt sie sich bestimmt ans Bett bringen. «Anfangs trafen mich diese Bemerkungen. Mittlerweile ist es mir egal.» In Wahrheit trinkt Frau Marquard auch lieber Bier als Champagner, und dem Kaviar zieht sie Pasta vor. Und ihre Freunde schätzen ihre aufrichtige Art und ihren Witz. Sie sei noch immer die Alte. Aufgewachsen ist das ehemalige Model in Biel. Ihre Eltern stammen aus Italien. Ihr Vater arbeitete bei den SBB. Wenn sie nochmals von vorne beginnen könnte, würde Raquel Marquard gerne Interior-Design studieren. Mit grosser Leidenschaft richtet sie Liegenschaften ein, die die Familie zum Eigengebrauch oder Investitionszweck erwirbt. Ihr Lieblingsobjekt – eine superelegante Wohnung in der exklusiven Residenza Rosatsch in St. Moritz – ist gerade verkauft worden. Die nahe gelegene Turmwohnung im «Badrutt’s Palace» hat eben ein kleines Facelift erfahren. Aktuell steht die Komplettrenovation einer Kolonialstilvilla – das Feriendomizil der Familie – auf Nevis in der Karibik an. Zu unserem Gespräch erscheint Raquel Marquard in Karo-Blazer und Steghose von Moschino und Gianvito-Rossi-Bottinen. Was, wenn dieses Leben in Saus und Braus morgen vorbei wäre? «Meine tausend Kleider hätte ich ja noch. Das sollte für die kommenden zehn Jahre reichen. Nein, im Ernst. Dann müsste ich mich nach der Decke strecken. Ich weiss, wie sich das anfühlt. Ich habe nicht immer im Luxus gelebt.»

«Schweizer Illustrierte»: Raquel Marquard, wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie trotz 50 fantastisch aussehen – finden Sie das unverschämt?
Raquel Marquard: Ich nehme das als Kompliment. Ich habe weder mit meinem Alter noch mit meinem Äusseren ein Problem. Ausserdem, was ist denn 50? Ich fühle mich nicht anders als mit 40.

Und was, wenn Sie sich mit Ihrer Mutter vergleichen, als diese 50 war?
Das war eine komplett andere Zeit. Es wäre undenkbar gewesen, dass ich als 20-Jährige eine Jacke meiner Mutter angezogen hätte. Meine Tochter Bianca stibitzt gerne Kleider von mir. Auch vom Wesen und von der Konstitution her war meine Mutter anders. Klar, früher war es vielleicht auch nicht so furchtbar wichtig, wie man aussah.

Unsere Mütter kannten die heutigen Möglichkeiten, um jugendlich und schön zu bleiben, nicht.
Es liegt nicht nur daran. Es liegt an der Ausstrahlung. Dynamik und Energie – das ist wichtig. Auch ohne Falten sieht man einem Menschen das Alter an. Entscheidend ist doch, wie viel Lebensfreude und Ziele eine Frau noch hat.

Was haben Sie noch für Ziele?
Ich will nicht stehen bleiben. Ich will vorwärtsschauen. Und weiterhin die Dinge machen, die mich reizen und mir Spass bereiten.

Trotzdem, sind Sie beim Gedanken, 50 zu werden, auch mal melancholisch geworden?
Einmal. Wir waren in der Türkei. Ich schwamm im Meer. Da war wohl zu viel Wasser – mir kamen ganz plötzlich die Tränen. Etwa zwei Tage lang war ich trübselig. Vielleicht ist mir plötzlich bewusst geworden, dass ich schon so viel von meinem Leben gelebt habe.

Wären Sie denn gerne nochmals 20?
Auf keinen Fall! Mit 40 hätte die Zeit stillstehen sollen. Ein grossartiges Alter! Man sieht noch blendend aus. Die 60 sind noch weit entfernt. Vieles ist geschafft.

Drehen sich die Männer noch nach Ihnen um, oder wird man mit 50 unsichtbar?
Es ist nicht mehr so wie früher (lacht). Doch vor zwei Tagen sass ich im Auto und musste an einer Ampel warten. Da schickte mir der Herr, der im Wagen nebenan sass, einen Handkuss zu – so von Auto zu Auto. Er war noch keine 30 …

… mit was für einem Auto waren Sie denn unterwegs?
(Lacht.) Mit dem Mini. Also nichts Auffälliges. Ich tippe auf Sehschwäche.

Keine falsche Bescheidenheit. Was lassen Sie sich Ihre Schönheit kosten?
Ich gehe regelmässig zur Kosmetikerin, in die Manicure und Pedicure. Bei Gesichtscremes bin ich hingegen sehr nachlässig. Die werden eingestrichen oder nicht. Ich glaube nicht daran, dass mich teure Pflegelinien verschönern. Zum Friseur gehe zweimal die Woche.

Dann waschen Sie die Haare nie selber?
Selten. Seit 30 Jahren habe ich in der Schweiz denselben Coiffeur. Gepflegte Haare sind mir wichtiger als Make-up.

In welchem Zustand würden Sie das Haus niemals verlassen?
Es macht mir nichts aus, frühmorgens ungeschminkt und im Trainingsanzug draussen zu sein.

In Ihren Kreisen spielt Jugendlichkeit eine andere Rolle als im Leben einer bürgerlichen 50-Jährigen.
Da bin ich mir nicht sicher. Ich habe allerdings bestimmt mehr Zeit und Möglichkeiten, mich zu pflegen, als jemand der einen ganzen Haushalt alleine schmeissen und noch arbeiten gehen muss. Das ist strapaziös. Ich unterschätze das nicht.

Putzen Sie eigentlich noch selber?
Wenn Sie wüssten! Ich habe heute Morgen den ganzen Kehr mit der Haushälterin gemacht. Ich bin sehr pingelig. Eigentlich verschwendete Energie – aber danach habe ich Freude.

Was am Älterwerden stört Sie am meisten?
Dass ich immer schlechter sehe.

Ist es entspannend, am Strand nicht mehr die Schönste sein zu müssen?
Das ist ganz okay. Ich muss nicht mehr im knappsten Bikini rumrennen. Im Grossen und Ganzen bin ich ganz zufrieden mit mir.

Haben Sie Angst, Ihren Mann an eine Jüngere zu verlieren?
Nein, eigentlich nicht. Zudem sind seine beiden Ex-Frauen jünger als ich.

Wie halten Sie Ihren Körper fit?
Ich treibe drei- bis viermal die Woche Sport: Pilates, Yoga, TRX-Bänder und Ausdauer. Am liebsten ginge ich nur aufs Rudergerät, weil man da sitzen kann … Aber der Crosstrainer bringt mehr. Und ich nehme täglich meine Vitamine, die mir Jürg morgens hinlegt. Ich würde sie sonst vergessen.

Plagt Sie das schlechte Gewissen, wenn Sie mal faul sind?
Klar. Aber wenn ich keine Zeit zum Trainieren mehr finde, dann frage ich mich, wer noch Zeit hat. Ich kann es mir ja einteilen. Aber noch grösser ist mein schlechtes Gewissen beim Einkaufen.

Erzählen Sie!
Es ist meine innere Bremse, wenn ich Kleider shoppen gehe. Ich bin bescheiden aufgewachsen und hatte nicht viele Kleider. Heute bin ich schon verwöhnter, aber auch ich habe beim Geldausgeben eine Schmerzgrenze.

Sie tragen ausschliesslich Designer-Stücke.
Meistens. Das leiste ich mir. Ich lege Wert auf gute Stoffe und eine gute Verarbeitung.

Sind Sie stolz auf Ihre Kinder?
Sie machen mich sehr stolz. Auch wenn sie nicht immer so ticken, wie ich das gerne hätte. Meine Tochter Bianca ist 24. Mein Sohn Vincent 16. Was immer das Leben ihnen beschert, ich wünsche mir, dass sie nach jeder Niederlage wieder aufstehen und weitermachen.

Und sind Bianca und Vincent auch stolz auf Sie?
Das denke ich. Aber wie es bei Kindern ist – manchmal ist ihnen ihre Mutter auch peinlich. Dann, wenn ich mal wieder vergesse, dass ich 50 bin, und ausgelassen tanze oder singe…

Was wünschten Sie sich von Ihrem Mann zum 50. Geburtstag?
Ich habe mein Wunschgeschenk erhalten: wunderschönen Schmuck.

Haben Sie noch Träume?
Selbstverständlich. Dass ich noch lange mit Jürg glücklich bin. Und dass unsere sieben Kinder glücklich sind.

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