Die Schickse aus «Wolkenbruch» Noémie Schmidt: «Die Stimmung am Set war verrückt»

Noémie Schmidt spielt die Hauptrolle in Michael Steiners aktuellem Kinofilm «Wolkenbruch». Schauspielerei ist aber nicht die einzige Leidenschaft der Walliserin.
Noémie Schmidt
© Manuel Braun

WG-Leben: Noémie Schmidt, 27, teilt sich in Paris eine Wohnung mit zwei Schauspielern. In ihrem Schlafzimmer hängen Bilder aus den 70er-Jahren.

Noémie Schmidt, wie war die Arbeit mit Regisseur Michael Steiner und Schauspieler Joel Basman?
Die Stimmung am Set war energisch, ein bisschen verrückt. Steini und Joel sind mir sehr ähnlich: Sie lieben das Leben, die Menschen, das Feiern und das Kino.

Sie drehten zum ersten Mal in der Schweiz. Was hatte Sie an Ihrer Rolle in «Wolkenbruch» gereizt? 
Einerseits war es die Gelegenheit, auf Deutsch zu spielen. Dann mochte ich den satirischen Ton der Story sowie die Kritik am religiösen Fundamentalismus. Meine Rolle ist provokant, aber eigentlich spiele ich nur eine normale, moderne, freie, junge Frau. 

Mit 18 Jahren sind Sie durch die USA gereist und haben in einer Hippie-Gemeinschaft gelebt. Was haben Sie daraus gelernt? 
Es war unglaublich. Rückblickend bin ich der Meinung: Entweder man zieht sich aus der Welt zurück und sucht sein Glück, indem man seinen Garten weit weg von diesem politischen Chaos anbaut. Oder man engagiert sich. Momentan mache ich weder das eine noch das andere. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und versuche, nicht zynisch zu werden. Das ist doch schon was. 

Noémie Schmidt
© Manuel Braun

Verschmust: Die Katze von Noémie Schmidt heisst Suzanne. Eine Hommage an Künstler Leonard Cohen. Der Name des Büsi steht auch an der Türklingel.

Sie sagen, dass Sie keinen Kampfgeist haben. Ist das überhaupt möglich, wenn man ein Casting nach dem anderen besucht? 
Ich sehe die Welt nicht als Wettkampf an. Wenn ich an einem Casting mit 500 Konkurrentinnen teilnehme und nicht genommen werde, habe ich nicht das Gefühl, verloren zu haben. Wenn eine andere Schauspielerin die Rolle kriegt – egal, ob sie jemanden bestochen oder mit dem Produzenten geschlafen hat –, dann sage ich mir, dass die Rolle einfach nicht für mich bestimmt war. 

Joel Basman
© HO

«Wolkenbruch»: Joel Basman als Motti im Hörsaal mit Noémie Schmidt. Sie spielt die schöne Nichtjüdin Laura .

Wieso sind Sie Botschafterin von Patouch, der Organisation für sexuelle Aufklärung? 
Es ist ein Walliser Verband. Ich liebe den Kanton, seine Kraft, aber ich spüre auch, dass sich vieles verbessern muss. Wir sind im Rückstand, was die Frauenrechte und die sexuelle Aufklärung in der Schule betrifft. In Holland haben bereits Primarklassen Sexualkunde. Sex, Emotion, die männliche Dominanz in unserer Gesellschaft: Es ist sehr wichtig für mich, mit Kindern darüber zu sprechen. Nur so können wir eine bessere Welt schaffen! 

Jedes Jahr erfahren in der Romandie 1400 Minderjährige Gewalt. Überrascht Sie diese Statistik? 
Nicht wirklich, leider. Mein Vater ist Anwalt, spezialisiert auf Familienrecht. Ich habe eine etwas dunkle und eher realistische Vision des Lebens. Ich kenne viele Frauen und Männer, die vergewaltigt oder missbraucht worden sind. Ich selber habe oft das Gefühl, ausgenutzt zu werden, nur weil ich eine Frau bin. 

Galerie: Diese Stars feierten die Premiere von «Wolkenbruch»

Wirklich? 
Die Dominanz ist überall. Auf der Strasse zum Beispiel: Ich habe keinen männlichen Freund, der sich um vier Uhr morgens fürchten würde, allein nach Hause zu laufen. Als Frau hat man Angst. 

Bekennen Sie sich als Feministin? 
Ich finde es wichtig, solche Themen anzusprechen. Deshalb mag ich die Arbeit des Patouch-Verbands. Den Dialog zu suchen, die Kinder zu fragen, was sie als normal empfinden. Was ist eine normale Geste? Wann soll man sein Unbehagen ausdrücken? Man muss ihnen erklären, dass man im Falle eines Missbrauchs Hilfe in Anspruch nehmen soll und es keine Schande ist, darüber zu sprechen.

Ich wäre vielleicht glücklicher, würde ich mich nicht so quälen

Wenn ein Regisseur Sie bittet, sich auszuziehen, zögern Sie? 
Heute ist es einfacher, Nein zu sagen, denn ich habe mich bewährt. Ich akzeptiere es nur, wenn es auch wirklich Sinn macht. Aber es ist ein täglicher Kampf. 

Viele Ihrer Idole stammen aus den 70ern: «Hair» ist einer Ihrer Lieblingsfilme, ein Foto von Bob Dylan hängt an Ihrer Schlafzimmertür. Weshalb? 
Die 70er faszinieren mich, sie haben viel ins Rollen gebracht. Die Reaktion gegen den Konservatismus der 50er-Jahre war heftig. Damals durfte man seine Sexualität noch nicht ausleben, und die Homosexuellen wurden ausgegrenzt. Heute fühlt man sich viel freier und hat weniger Druck, was Heirat und Kinderkriegen betrifft. Und ich darf schwanger werden, wann ich es will. 

Noémie Schmidt
© Manuel Braun

«Die 70er faszinieren mich, sie haben viel ins Rollen gebracht»

Sind Sie idealistisch? 
Sagen wir, ich habe viel Hoffnung, aber ich habe auch Phasen der Angst und Unsicherheit. 

Welche Werte haben Ihre Eltern Ihnen weitergegeben? 
Die Freiheit, das Vertrauen ins Leben und den Respekt. Sie haben immer versucht, mir die positiven Aspekte des Lebens zu zeigen. Bei uns gab es Respekt und Nähe, nie einen Anschiss oder Beleidigungen. Deshalb will ich, dass Kinder, die nicht dieselbe Chance hatten wie ich, wenigstens in der Schule darüber sprechen können. Es ist Blödsinn zu sagen, dass Sex und Aufklärung einzig Sache der Familie ist. 

Und Sie, haben Sie Lust, Kinder zu kriegen? 
Seit ich zehn Jahre alt bin, habe ich Lust und stelle diesen Wunsch nicht infrage. 

Man sagt von Ihnen, Sie seien einerseits sehr zielstrebig, anderseits aber zweifelnd. Richtig? 
Ich wäre vielleicht glücklicher, würde ich mich nicht so quälen. Aber zum Glück zweifle ich an mir, sonst würde ich zu den Menschen gehören, die ich nicht mag. Ich kritisiere den Kapitalismus, mache aber auch Werbung. Das ist Teil meines Gegensatzes. Ich versuche, in dieser schwierigen Welt so kohärent wie möglich zu sein. 

Noémie Schmidt
© Manuel Braun

Eine Zigarette auf dem WG-Sofa in Paris.

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