Olympische Winterspiele 2018 Dario Cologna ist auf dem besten Weg nach ganz oben

So gut wie in alten Tagen, oder gar besser denn je? Eins ist sicher: Kurz vor dem Skiathlon an den Olympischen Spielen morgen Sonntag (07.00 Uhr SRF 2) ist Dario Cologna in Topform. Der Langlauf-Star spricht vor dem Saisonhighlight über Kritik, seltsame Methoden der Norweger und Glück in der Materialschlacht.
Dario Cologna Olympische Winterspiele 2018
© Sandro Bäbler/SI Sport

Vorfreude: Dario Cologna brennt für Olympia. In Pyeongchang hat er die Chance, der erfolgreichste Schweizer Olympionike der Geschichte zu werden.

Ausnahmezustand in Davos GR. Die Stadt in den Bündner Bergen wird während des World Economic Forum von Auto- und Schneemassen überflutet. Die Promenade mitten durch das Städtchen ist eine Autolawine, zu Fuss sind Security, Verkehrsregler und Geschäftsleute unterwegs. Zum Bündnerdeutsch mischt sich Englisch, gebrochenes Englisch und Russisch.

Im etwa 500 m entfernten Langlaufzentrum zwischen Golfplatz und Loipe geht es weniger hektisch zu und her. Eine Gruppe von Langläufern dreht auch im Schneesturm gemütlich ihre Runden, einige Hobbyathleten machen Pause im Bistro. Es ist ruhig. Nicht einmal für Langlauf-Olympiasieger Dario Cologna, 31,  drehen sich die Köpfe.

Der in Davos lebende Münstertaler ist ja fast täglich hier im Trainingszentrum. Dass er für einmal nicht gross beachtet wird, ist ihm ganz recht. Rummel hatte er in den letzten Wochen genug: Nach dem Gewinn der Tour de Ski nach drei Jahren ohne Weltcup-Sieg war er in aller Munde und auf zig Titelblättern. Danach hat er fünf Tage pausiert, sich nur locker bewegt, zwei Weltcuprennen liess er aus, um sich optimal zu erholen. Das hat geklappt. Im letzten Weltcuprennen vor Olympia, im 15-km-Massenstart in Seefeld, läuft er allen davon. Am 3. Februar reist er an die Spiele nach Pyeongchang. 

Der Langlauf-Star im Interview

Dario Cologna, Ihr Tour-de-Ski-Sieg wurde gefeiert wie ein grosses Comeback. Haben Sie sich neu erfunden?
Ich glaube nicht, dass ich anders bin als früher. Und ich war ja auch nie weg in den letzten paar Jahren. Ich habe auch nicht alles über den Haufen geworfen und oder viel anders gemacht. Es hat einfach wieder alles gut zusammengepasst an der Tour. Es ist durchaus eine Kunst, dass das gelingt. 

Trotzdem: Es gab ja Änderungen. Im Trainingszentrum Davos steht seit diesem Sommer das 140 000 Franken teure Langlauf-Laufband. 
Das Indoor-Training auf dem Laufband hat sicher seinen Teil beigetragen. Vor allem im Sommer haben wir an der Technik gefeilt. Aber jetzt war ich zum Beispiel auch sechs Wochen nicht mehr drauf, man kann nicht alles an diesem Ding festmachen. Manchmal geht alles auf, und man weiss gar nicht genau, wieso.

Wie haben Sie die langjährigen Probleme mit dem Husten und dem Asthma in den Griff bekommen?
Es ist noch immer ein Thema. Aber an der Tour de Ski hatte ich Glück, dass es nicht zu kalt war. Und ich habe davor Sprint-Rennen ausgelassen im Weltcup, damit die Lunge frisch war. Der Husten kam erst ein paar Tage nach Tour-Ende.

Dario Cologna Olympische Winterspiele 2018
© Sandro Bäbler/SI Sport

Fokussiert: Cologna geht als Favorit nach Südkorea. Er ist gern der Gejagte: «Ich mag den Druck und brauche ihn auch. Ich bin in einer Position der Stärke.»

Vergangenen Frühling warf Ihnen Langlauf-Chef Hippolyt Kempf fehlenden Siegeshunger vor. Hatte er recht damit?
Ich selber sehe das nicht so. Ich liebe es nach wie vor, mein Hobby als Beruf ausüben zu können. Die Emotionen, die ich im Sport und besonders bei Siegen und Medaillen erlebe, sind riesig, ich glaube kaum, dass man sie in einem anderen Job so leben kann. Das ist stets mein Antrieb, und dafür lohnt es sich zu kämpfen. Aber es geht halt nicht immer alles auf. Die körperlichen Probleme konnte ich nicht einfach wegzaubern. 

Cologna ist der Mann für die grossen Momente – natürlich wegen seines immensen Talents. Sein Gefühl für den Schnee, seine Art, auf den Ski zu stehen, sind einzigartig. Er sei ein Athlet nach Lehrbuch, seine Trainierbarkeit fantastisch. Er funktioniere genau so, wie die Wissenschaft es gemäss Trainingssteuerung vorsehe, sagte Disziplinenchef Hippolyt Kempf einmal. Diese Fähigkeiten konnte Cologna in den vergangenen drei sieglosen Jahren nicht mehr ausspielen.

Die schwere Knöchelverletzung kurz vor Olympia in Sotschi bekommt er zwar kurzfristig erfolgreich in den Griff, wie die zwei Olympiagoldmedaillen eindrücklich beweisen. Dafür hallt die Verletzung danach noch lange nach. Die Schmerzen führen zu Ausweichbewegungen, darunter leidet die Technik und auch die Muskulatur. Das Ergebnis sind Dysbalancen, er kann nicht mehr gleich viel Kraft setzen, die Wade reagiert. «Klar, wenn es nicht vor Olympia gewesen wäre, hätte ich nicht so forciert. Doch es ist ja damals alles aufgegangen, deswegen bereue ich nichts.» 

Dario Cologna Olympische Winterspiele 2014 in Sotchi
© John Berry/Getty Images

Freudenschrei: Im Blitzlichtgewitter der Fotografen jubelt Dario Cologna über den ultraknappen ersten Sieg in Sotschi – seinen zweiten insgesamt.

Wenn Sie nicht siegen, gibt es schnell kritische Stimmen. Werden Sie mit einem anderen Massstab gemessen als andere Athleten?
Manchmal schon. Wenn ein dritter Platz gleich ein Misserfolg sein soll, dann frage ich mich schon. 

Sie sind Olympiasieger. Da dürfen die Erwartungen doch hoch sein.
Klar. Ich war in der Vergangenheit ja auch nicht immer zufrieden. Aber ich wusste meistens, woran es lag. Und auch, dass ich nicht weit entfernt war von den Besten.

Altersmässig sind Sie mit 31 Jahren nun in der besten Phase für einen Ausdauersportler. Spüren Sie das? 
Ich fühle mich nicht viel anders als mit 25. Schneller und spritziger werde ich aber sicher nicht mehr, und die Fähigkeit, mich zu erholen, wird nicht besser. Doch im muskulären Bereich kann ich noch Fortschritte machen. Auch in der reinen Ausdauer. Deswegen hat sich mein Fokus immer mehr auf die langen Distanzen verlagert.

Auf den langen Distanzen – in Skiathlon, 15 km und 50 km – sind Sie an Olympia wieder einer der Favoriten. Mögen Sie die Rolle des Gejagten?
Ich mag den Druck, und brauche ihn auch. Ich habe Freude, wenn ich in dieser Rolle bin. Denn es heisst, dass ich in einer Position der Stärke bin und bisher einiges richtig gemacht habe. Ich weiss auch, dass ich nichts mehr beweisen muss. Trotzdem ist es mein Ziel, noch einige Medaillen nach Hause zu nehmen.

Dario Cologna Olympische Winterspiele 2014 Sotschi
© ALBERTO PIZZOLI/AFP/Getty Images
Goldjagd: Cologna führt in Sotschi den Skiathlon-Wettkampf lange an. Dann wird es doch noch eng: Der Schweizer rettet sich mit 0,4 Sekunden Vorsprung ins Ziel – und zu Gold.

Als Olympiasieger darf man gewiss Spezialwüsche anbringen. Kommt das Hightech-Laufband mit nach Südkorea?
Ach ja? Darf man das? (lacht) Das Laufband haben wir nicht dabei, das wäre etwas übertrieben. Das Ding kostet ein Vermögen und bräuchte ja fast allein ein Transportschiff für die Reise. Aber die Norweger haben tatsächlich eines dabei. Ich glaube aber nicht, dass es viel bringt, da die ganze Zeit auf dem Laufband rumzulaufen.

Die Norweger lassen sich auch in den Unterkünften Spezielles einfallen, sie decken jeweils alles mit Plastikblachen ab, um sich vor Keimen, Milben und Bakterien zu schützen. Und Sie?
Ich nicht. Erstens bin ich nicht so anfällig, und zweitens finde ich es nicht so gemütlich, in einem plastifizierten Zimmer zu wohnen. Da ist es mir wichtiger, mich wohlzufühlen. Auch ein Holzboden zum Beispiel ist hygienisch und hat dazu etwas Heimeliges. Wenn ich eine gute Matratze und etwas Platz habe, bin ich zufrieden.

Manchmal fragt man sich, ob Cologna wie seine Servicemänner ein Berufsgeheimnis hegt. Während andere Spitzenathleten akribisch genau Daten zu Schlaf, Herzfrequenz, Kalorien oder Trainingskilometer analysieren, ist er altmodisch, wie er selber sagt. Und hört auf sein Gefühl. Das zeugt von enormem Selbstvertrauen.

Er weiss zwar auch, wie die genauen Streckenprofile an Olympia aussehen werden. Und mit dem neuen Laufband lassen sich im Indoor-Training die Steigungen genau simulieren. Trotzdem sagt er: «Ich bin keiner, der sich über diese Dinge den Kopf zerbricht.» Vor Ort habe er genügend Zeit, sich das anzuschauen.

Vielleicht gibt er damit wirklich alles preis. Und seine Gelassenheit ist sein Erfolgsgeheimnis. Vor allem an Olympia, wenn gewisse Dinge wie Unterkünfte, Trainingsbedingungen und Verpflegung nur bedingt beeinflussbar sind, bleibt er ruhig, auch wenn nicht alles ganz nach Plan läuft. «Andere werden nervös, wenn etwas nicht ganz exakt stimmt.» Mit seiner Haltung vermeidet er solche Situationen schon im Voraus. 

Ganz anders verhält es sich mit dem Material. Dort wird im Schweizer Langlauf-Team nichts dem Zufall überlassen. Denn dies ist im Langlaufen kein Detail. Der richtige oder falsche Ski kann rennentscheidend sein.

Dario Cologna
© Richard Heathcote/Getty Images

Tränen: Die Fussverletzung, die Unsicherheit, der Kampf – und dann: Skiathlon-Gold in Sotschi 2014. Bei der Flower Ceremony wird Cologna von seinen Gefühlen überwältigt.

Welche Wetter- und Schneeverhältnisse erwarten Sie? 
Wir wissen, dass die Bedingungen schnell wechseln können. In der Nacht wird es sehr kalt sein und dafür am Tag ziemlich aufwärmen. Um auf alles vorbereitet zu sein, sind unsere Serviceleute bereits frühzeitig vor Ort. 

Wissen Sie jeweils genau, was die Serviceleute beim Schliff und mit Wachs machen – oder lassen Sie ihnen freie Hand?
In die Ski-Auswahl bin ich involviert, danach gar nicht mehr. Ich will gar nicht wissen, was und wie sie wachsen. Das ist Berufsgeheimnis. Denn je mehr Leute Bescheid wissen, desto eher könnten es die Konkurrenten erfahren. 

An der WM in Oslo 2011 hatten Sie Materialprobleme. Das norwegische Team war den Schweizern damals weit voraus. Hat die Schweiz aufgeholt?
Ja. Bei uns und bei anderen Nationen ist viel gegangen in den letzten vier, fünf Jahren. Viele haben jetzt auch einen Truck vor Ort. Bei den Norwegern ist nach wie vor alles viel grösser, und sie haben noch mehr Personal. Doch wir haben nun auch unsere eigenen Schliffe. Es braucht zwar viel Zeit, um herauszufinden, welcher Schliff für welchen Schnee gut ist. Vielleicht passt in Südkorea das Bisherige gar nicht, dann muss man wieder Neues ausprobieren. Ein grosser Aufwand. Und doch gibt es nie eine Garantie. In Sotschi hatten die Norweger schlechte Ski. Die Frauenstaffel, die hoch überlegen war, hat nicht einmal eine Medaille geholt. Irgendwie beruhigend, dass es auch einmal die Grossen trifft. Das zeigt, dass halt auch Glück dabei ist.

Wie frustrierend ist das? Sie tun alles, damit Sie am Tag X in Top-Form sind, und sind dann abhängig vom Glück?
Etwas Wettkampfglück gehört dazu. Klar, wenns nicht aufgeht, rege ich mich auf. Da wünschte ich mir manchmal, ich wäre Läufer. Bei Laufschuhen gibts nicht so extreme Unterschiede. Und die meisten Leute wissen auch nicht, wie entscheidend das Material ist. Wenn die Temperaturen konstant auf minus zehn Grad sind, ist die Materialpräparation nicht sehr schwierig und die Unterschiede nicht gross. Aber wenns um null Grad ist oder sehr wechselhaft, dann hast du mit einem schlechten Ski schlicht keine Chance. Im Klassischen macht das Material mit dem Steigwachs noch mehr aus. Ich mag es, wenn der stärkste Athlet das Rennen gewinnt – nicht der beste Ski.

Sind Sie denn der stärkste Athlet?
Wie gesagt, es muss alles zusammenpassen. In Top-Form kann ich alle schlagen. 

Sprechen wir trotzdem über Ihre Konkurrenz. Ustjugow ist vom IOC nicht zugelassen, Petter Northug wird wohl die Quali nicht schaffen. Dafür ist sein Teamkollege Johannes Klaebo der Durchstarter der Saison. Wie stark schätzen Sie ihn ein?
Im Sprint ist er klarer Favorit. Auf den anderen Distanzen Mitfavorit. Und dann rechne ich sicher mit Sundby und Harvey. 

Meistens heisst es ja: Cologna gegen einen Norweger. Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und den Gegnern aus dem Norden?
Es gibt keine enge Freundschaft, aber wir verstehen uns gut. Sie haben eine ähnliche Mentalität wie wir, sind eher ruhige Typen.

Cologna hat auch eine selbstironische Seite

Auch Cologna wirkt ruhig und locker, spricht ohne grosse Gestik. Er ist nicht wortkarg, erzählt aber auch nicht detailliert und ausschweifend über sein Innenleben. Wer also Anekdoten erwartet, ist bei ihm an der falschen Adresse. Nur manchmal ist sein Schalk hinter einem Lächeln zu erahnen. Dass er auch eine selbstironische Seite hat, zeigte er vergangenes Jahr im norwegischen Fernsehen.

Im Hinblick auf die WM in Lahti gibt er in einer Comedy-Sendung den Super-Dario. Er fährt im Supermario-Kostüm mit dem Gokart durch Davos, sammelt Goldmünzen und putzt sogar das Klo – ganz wie es sich für einen Klempner gehört. «Ich mag guten Humor und kann auch mal über mich selber lachen», sagt der 31-Jährige. 

Der 31-Jährige hat ambitionierte Pläne

Gold will Dario Cologna auch in Pyeongchang sammeln. Die Chancen dazu stehen gut. Egal wie es ausgeht – auch die Zukunftspläne hat er schon im Kopf. Längere Ferien mit einer Auszeit vom Sport stehen an. Nicht als Schritt in Richtung Rücktritt, sondern um neuen Schwung zu holen.

Diese Geschichte erschien im Magazin «SI Sport», Ausgabe 1/2018 vom 9. Februar 2018.

Cover SI Sport 1 2018 09022018 Dario Cologna
© Fotografie: Sandro Bäbler
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