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Heute Frauentag

Pascale Bruderer: «Es braucht den Frauenstreik»

Nach 20 Jahren Politik hat die Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer genug. Welche Job-Idee ihre Töchter für sie haben, wann sie für Frauenquoten ist und was sie von Galladés Ausstieg aus der SP hält.

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Gefestigt: Die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer auf dem Spielplatz Im Graben in Baden. Hier startete ihre Politkarriere.

Remo Nägeli

Wir treffen Pascale Bruderer, 41, auf dem Spielplatz der Badener Altstadt. Mit 19 Jahren hat sie als jüngste Einwohnerrätin einen Vorstoss für dessen Bau eingereicht. «Dass ich 20 Jahre später mit eigenen Kindern hier spiele, hätte ich damals nicht gedacht.»

Pascale Bruderer, freuen sich Ihre beiden Töchter, dass Sie bald nicht mehr nach Bern müssen?
Nicht wirklich. Sie finden es cool, dass Mama im Bundeshaus arbeitet. Und sie wollen unbedingt noch ein paarmal mitkommen bis zum Abschied im Herbst.

Wissen die zwei denn, was Sie in Bern machen?
Juliana ist ja erst sieben, Amélie fünf Jahre alt. Da ist das Wort «Politik» noch ziemlich abstrakt. Allerdings erklärten sie neulich einem Passanten, der mich auf das Nationalratspräsidium ansprach, fast schon schulmeisterlich: Ich sei im Fall nicht Nationalrätin und auch nicht Bundesrätin, sondern Ständerätin (lacht).

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Und konkret: Verstehen sie, was Sie als Politikerin tun?
Ich versuche, es anhand von Beispielen aufzuzeigen. Wir haben ja gehörlose Verwandte. Also erkläre ich ihnen, dass die «Tagesschau» früher nicht in Gebärdensprache übersetzt wurde. Und ich das im Parlament ändern konnte. Weil ich im Alltag oft angesprochen werde, begreifen sie auch, dass ich «etwas für die Leute mache».

Wird Ihnen das nicht fehlen?
Für mich kommt der Abschied von der Politik zum richtigen Zeitpunkt. Trotzdem wird er sicher emotional, weil ich mit riesiger Dankbarkeit zurückblicke. Das Vertrauen der breiten Bevölkerung hat mich immer berührt, getragen und motiviert.

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Rückblick: «In Erinnerung bleiben wird wohl mein Einsatz für Behinderte», sagt Bruderer, die gehörlose Verwandte hat. 

Remo Nägeli

Mit 19 Jahren Einwohnerrätin, mit 23 Nationalrätin, mit 33 Ständerätin. Sie waren meist eine der Jüngsten. War das Fluch oder Segen?
Weder noch. Vereinzelt gab es zwar Vorurteile gegenüber uns Jungen. Doch das spornte mich nur noch mehr an. Ich versuchte, stets gut zuzuhören, Fragen auf den Grund zu gehen, nicht bei jedem Thema dreinzuschiessen und dann Statements zu platzieren, wenn sie Substanz haben. Heute bin froh, nicht mehr die Jüngste zu sein.

Haben Ihre Töchter Vorstellungen, was ihre Mama in Zukunft macht?
Sie sagten: Wenn ich schon nicht mehr im Bundeshaus sei, solle ich in einem Laden arbeiten (lacht).

Und was wollen die beiden mal werden? Politikerinnen?
Juliana will Tierärztin werden. Amélie, die gerne Dinge flickt oder zusammenbaut, Automechanikerin. Mir gefällt dieser Bruch mit den Rollenbildern – wobei sie rosa Einhörner auch super findet.

Haben es Ihre Töchter heute besser als Sie?
Schon ich hatte es ja sehr gut. Noch nicht ideal sind die Rahmenbedingungen für Familien in der Schweiz – das betrifft Väter und Mütter gleichermassen.

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Ausblick: Mit Labradordame Kala geniesst Bruderer oberhalb ihres Wohnorts Nussbaumen AG die Sonne.

Remo Nägeli

Was ist heute aus Frauensicht das grösste Problem? 
Dass Frauen immer noch fast 20 Prozent weniger verdienen als die Männer. Es braucht gleichen Lohn für gleiche Arbeit – alles andere ist inakzeptabel.

Braucht es dazu einen Frauenstreik, oder ist das altes feministisches Kampfgebrüll?
Ja, es braucht Anlässe wie den Frauenstreik. Einerseits machen sie auf aktuelle Probleme aufmerksam. Andererseits rufen sie die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in Erinnerung. Vergessen wir nicht: Was heute völlig unbestritten und selbstverständlich ist – das Frauenstimmrecht, die Mutterschaftsversicherung –, mussten Vorreiterinnen über Jahrzehnte hart erkämpfen. Meine Generation hat von den aufgestossenen Türen profitiert. Nun liegt es an uns, diese Türen offen zu halten. 

Apropos offene Türen: Nach den Wahlen im Herbst könnte nur noch eine Frau im Ständerat sitzen.
Hier droht ein bedenklicher Rückschritt. Dabei ist die Untervertretung der Frauen im Ständerat schon heute frappant. Seit Karin Keller-Sutter im Bundesrat ist, sind wir noch zu sechst. Ich sitze in drei Kommissionen, und in jeder bin ich die einzige Frau. 

Sind Sie für Quoten?
Da bin ich nach wie vor skeptisch – mit Ausnahme der Wahllisten. Auf allen Listen müssen gleich viele Frauen wie Männer zur Auswahl stehen.

Jetzt hat die SP Aargau aber mit Cédric Wermuth einen sehr linken Mann als Ihren Nachfolger nominiert. Stört Sie das nicht?
Nein, das habe ich erwartet. Immerhin hat die SP die Frauenvertretung offen diskutiert. Cédric ist zwar innerhalb der SP anders positioniert als ich, trotzdem würde seine Wahl sicherstellen, dass der ganze Aargau in seiner politischen Breite vertreten ist. Das ist für mich zentral. 

Ich bedaure Chantal Galladés Austritt sehr

Und was sagen Sie zum Austritt von Chantal Galladé aus der SP. Wie Sie gehörte sie dem sozialliberalen Flügel der Partei an?
Auch wenn er unserer Freundschaft keinen Abbruch tut, bedaure ich ihren Austritt sehr. Ich kann ihn politisch nicht nachvollziehen, denn in der SP hat es sehr wohl Platz für uns sozialliberale Politikerinnen.

Zurück zu Ihrer Zukunft. Was machen Sie nach den Wahlen? Ein Time-out?
Das wäre gar nicht möglich, meine Töchter gehen ja zur Schule. Ausserdem fühle ich mich weder ausgelaugt noch müde – sondern voller Tatendrang.

Wohin geht Ihr beruflicher Weg?
Die wesentlichen Entscheide stehen noch an. Fest steht mein unternehmerisches Standbein: Seit Anfang Jahr bin ich Teilhaberin beim Start-up Crossiety.

Was ist das ?
Ein digitaler Dorfplatz für Gemeinden, auf dem sich Nachbarn und Vereine vernetzen und austauschen können. Ähnlich wie Facebook – aber vertrauenswürdig, ohne Werbung, ohne Weitergabe von Daten. Ich wünsche mir, dass sich wieder mehr Menschen aktiv am Leben vor Ort beteiligen.

Von Jessica Pfister am 08.03.2019
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