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Heute Frauentag

Patrizia Laeri: «Mädchen kriegen weniger Sackgeld als Buben»

Interview mit Ökonomin Iris Bohnet – für TV-Star Patrizia Laeri wie ein Sechser im Lotto! Am Telefon verrät die Schweizer Harvard-Professorin, warum es im Leben auch Glück braucht und wann sie selber in die Geschlechterfalle tappte.

Patricia Laeri
tefanwalter.ch

Während andere an Konzerte von Rihanna pilgern, verpasse ich keinen Auftritt der Luzerner Rockstar-Ökonomin Iris Bohnet. Sie macht keine moralischen Appelle, sie bringt Beweise, Zahlen, Experimente. Sie seziert das System und führt seine Ungleichheit vor. Die Schnelldenkerin und -sprecherin erschlägt einen mit einleuchtenden Forschungsresultaten. Und ganz wichtig: Sie will das System ändern, nicht die Frauen. Die Freude, die Begeisterung für ihr Fach ist ansteckend. Ich habe seit Jahren versucht, ein Interview mit ihr zu führen, aber immer kam etwas dazwischen. Auch dieses Mal: ein Schneesturm über Boston kappt die Skype-Verbindung. Wir weichen schliesslich auf die gute alte Telefonverbindung aus. 

Iris Bohnet, wo macht man als Frau einfacher Karriere? In der Schweiz oder in Amerika?
Für mich persönlich war es sicher einfacher, in den USA Karriere zu machen. Allein schon darum, weil es mehr Frauen in Führungspositionen gab, als ich vor 20 Jahren hierher kam. Nun gehören zu den USA bekanntlich nicht nur die beiden Küsten, sondern dazwischen auch ein grosses Mittelland, wo die Gleichberechtigung nicht gleich fortgeschritten ist … 

Doch im Gegensatz zur Schweiz stehen in den USA viele Frauen sehr selbstbewusst hin und bekennen sich als Feministin.
Da denken Sie sicher an New York, Boston, Los Angeles und San Francisco, die zu den progressiveren Teilen des Landes gehören. Es gibt aber auch den sehr konservativen Mittleren Westen und die Südstaaten. Doch ich gebe Ihnen insofern recht: In meinem wissenschaftlichen Umfeld ist es völlig normal, wenn sich eine Frau als Feministin oder ein Mann als Feminist bezeichnet. 

Trotzdem sind Ökonominnen immer noch klar in der Unterzahl. 
Rund ein Drittel der Absolventen sind inzwischen Frauen. In der Volkswirtschaft sieht es aber anders aus. Diese wird immer noch von Männern dominiert. Zusammen mit einer Gruppe rund um die ehemalige Notenbankchefin Janet Yellen wollen wir das nun ändern.

Patricia Laeri
Erfolgreich: Iris Bohnet arbeitet als Harvard-Professorin, sitzt im Verwaltungsrat der Credit Suisse und ist Mutter von zwei Söhnen. stefanwalter.ch

Und wie wollen Sie das machen? 
Man weiss, dass Universitäten, die Wirtschaftswissenschaften näher am Individuum lehren, viel mehr Frauen ansprechen. Ich selber habe VWL in Zürich studiert. Es geht dabei nicht nur um Mathematik und Finanzwissenschaften, sondern auch um sehr lebensnahe Fragen wie Fairness oder gar Glück. Themen, die viele Studierende ansprechen sollten. 

In internationalen Rankings liegt die Schweiz immer auf den hinteren Plätzen, wenn es um Gleichberechtigung geht. Woran liegt das? 
Die Schweiz hat das Frauenstimmrecht sehr spät eingeführt. Man weiss, dass direkte Demokratien einfach länger brauchen, um grundsätzlich neue Dinge einzuführen. Dann hat die Schweiz aber sehr schnell aufgeholt – zumindest politisch. Im Parlament hat es inzwischen mehr Frauen als in den USA, wo das Frauenstimmrecht bereits vor hundert Jahren eingeführt wurde. Andererseits arbeiten in keinem Land so viele Frauen Teilzeit wie in der Schweiz. Man könnte das als eine Art Wohlstandsapathie bezeichnen. Auch das Steuersystem setzt falsche Anreize. Die Person im Haushalt, welche weniger verdient, hat gar keinen Grund, arbeiten zu gehen. Finanziell lohnt es sich nicht. 

Was wäre der Schlüssel zur Gleichstellung? 
Einen «easy fix» gibts nicht! Aber wir können sicher von den skandinavischen Ländern lernen, die Frauen, aber auch Männern Anreize bieten, sich zum Beispiel genügend Elternzeit zu nehmen. Tagesstrukturen sind dort ebenfalls normal. Das Schweizer Schulsystem ist hingegen weltweit einzigartig. Wo kommen die Kinder sonst noch um zwölf nach Hause zum Zmittag? Ein Unikum, das sich zudem in der Pisa-Studie nicht positiv auf die Schulleistungen auswirkt. Die enorm teuren Kinderkrippen halten Frauen zusätzlich von der Arbeit fern und erschweren Karrieren. 

Was müsste sich in Schweizer Firmen ändern? 
Bewerbungs- und Beförderungsprozesse. Die Sprache in Stelleninseraten ist entscheidend. Frauen reagieren auf ganz andere Adjektive als Männer. Auch müsste man Bewerbungsunterlagen anonymisieren. Nur so lässt sich sicherstellen, dass unabhängig vom Geschlecht rekrutiert wird. Ein Orchester liess Musiker und Musikerinnen für eine Bewerbung hinter einem Vorhang spielen. Resultat: Es wurden 50 Prozent mehr Frauen eingestellt als beim normalen Verfahren. 

Man muss also nicht das Verhalten von Frauen ändern, sondern die Spielregeln. 
Genau. Dafür setze ich mich ein. Und immer mehr Personalverantwortliche nehmen diese Forschung glücklicherweise ernst. Mittlerweile haben auch mehr als 30 Start-ups diese Studienresultate in Software übersetzt. Spezielle Software hilft also, diese Stereo-typen zu überwinden. 

Patricia Laeri
Informiert: Patrizia Laeri verpasst keinen Auftritt ihres grossen Vorbilds Iris Bohnet. stefanwalter.ch

Bei welcher Altersgruppe von Frauen sehen Sie die grössten Probleme? 
Den grössten Nachteil haben heute die 35- bis 50-jährigen Frauen auf ihrer Karriereleiter. Da liegt noch vieles im Argen. Analysen zeigen, dass zum Beispiel Mitarbeiterinnenbewertungen von Frauen fast keinen Einfluss auf ihre Beförderungschancen haben im Gegensatz zu jenen ihrer männlichen Arbeitskollegen. Es geht dabei nicht nur um Fairness, sondern darum, dass Firmen ihre besten Talente nicht fördern. Das ist schlecht fürs Geschäft. 

Sie sitzen im Verwaltungsrat der Credit Suisse. Konnten Sie da Ihre Erfahrungen schon umsetzen? 
Wir sind auf gutem Weg. Wie Sie wissen, sitzen zwei Frauen neu in der Geschäftsleitung. Aber es liegt trotzdem noch viel Arbeit vor uns.

Apropos Geldgeschäfte: Studien zeigen, dass Lohnungleichheit bereits im Kindesalter beginnt. Mädchen erhalten bis zu 15 Prozent weniger Sackgeld als Buben.
Das ist wirklich unglaublich! Denn das bedeutet, dass Frauen grundsätzlich nicht die gleiche Unterstützung bekommen. Und das betrifft nicht nur die finanzielle Unterstützung! 

Sie selber haben zwei Jungs im Teenageralter. Versuchen Sie, diesen Unterschieden zu Hause bewusst entgegenzuwirken? 
Mein Job macht das in der Tat zu einem grossen Thema. Als ich zum Beispiel mein Buch schrieb, haben wir jeden Abend darüber diskutiert. Meine Boys sind auf Gleichberechtigungsthemen sensibilisiert und setzen das auch teilweise in der Schule durch. So hat sich mein älterer Sohn dafür starkgemacht, dass seine Lehrerinnen nicht mehr Teacher, sondern beim Namen genannt werden, da 90 Prozent des Lehrpersonals weiblich ist. Mit Erfolg. 

Wann tappten Sie zum letzten Mal selber in die Geschlechterfalle?
Erst vor Kurzem. Ich war beruflich in Australien und hatte auf dem Flug eine Pilotin. Nicht zum ersten Mal, muss ich sagen. Trotzdem war ich einen Moment überrascht. Schon schlimm, wie tief verwurzelt Vorurteile sind.

Sie sind die einzige Schweizerin, die es nach Harvard geschafft hat. Wie?
Jetzt gebe ich Ihnen eine ganz typisch weibliche Antwort: mit Glück. Natürlich braucht es immer auch etwas Glück. Männer sollten das öfters mal sagen. Bestimmt war es aber auch eine gute Entscheidung, dass ich nach der Doktorarbeit ins Ausland, nach Amerika, gegangen bin. Geplant war ein Jahr. Aber das akademische Klima hat mich angesteckt. Rückblickend war das der absolut entscheidende Karriereschritt. Auch für mich persönlich. Ich war anfangs noch in Berkeley. Dort habe ich das «Handwerk» gelernt und Erfahrungen in der Forschung gesammelt. Ich habe Arbeiten geschrieben, Englisch gelernt und durch Vorträge Selbstsicherheit gewonnen. Aber was vielleicht noch wichtiger war: Dies gab mir erst das nötige Selbstvertrauen, mich in diesem Markt zu bewerben. 

Patricia Laeri
Interessiert: Patrizia Laeri telefoniert in ihrem Büro mit Iris Bohnet in Boston / USA. stefanwalter.ch

Was empfehlen Sie Frauen, die eine berufliche Karriere anstreben? 
Das Vertraute hinter sich zu lassen, ins kalte Wasser zu springen. Sich nicht zu scheuen, auch mal Risiken einzugehen und Neues auszuprobieren. 

Sie sind seit 30 Jahren mit Ihrem Ehemann zusammen. Familie und Karriere, es geht also doch beides? 
Ich habe das grosse Glück, einen Mann an meiner Seite zu haben, der mit mir eine völlig gleichberechtigte Partnerschaft lebt. Nur so war es möglich, dass ich Karriere machen konnte.

Von Patrizia Laeri am 8. März 2019