FC-Basel-Trainer Paulo Sousa «Ich laufe barfuss durch den Wald und umarme Bäume»

Er möchte in der Champions League am Mittwoch den FC Porto schlagen. Dafür verlangt FC-Basel-Trainer Paulo Sousa totalen Einsatz. Privat mag es der Portugiese ruhiger, wie er im Interview mit der «Schweizer Illustrierten» verrät. Ausserdem spricht er über seine fehlenden Deutsch-Kenntnisse, Eitelkeit und seine Frau Christina.
Trainer FC Basel Paulo Sousa
© Adrian Bretscher

Während des Trainingslager im spanischen Süden gönnt sich Paulo Sousa in Marbella eine kurze Pause in einer Tapas-Bar.

Egal, was man Paulo Sousa, 44, fragt, eine simple Antwort erhält man nicht. Und es geht dem Trainer des FC Basel stets um die persönliche Entwicklung und um die des Kollektivs. Das wirkt im Lauf eines Gesprächs schon fast obsessiv - und der Portugiese streitet es nicht mal ab: Schon als kleines Kind habe er in allen Bereichen stets nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht. So erstaunt es nicht, dass Sousa auch den Termin mit der «Schweizer Illustrierten» hoch konzentriert angeht. Man merkt schnell: Auch ein Interview ist für Sousa eine ernste Angelegenheit; Nachlässigkeiten mag er nicht. Er möchte genau verstanden und wiedergegeben werden. Dafür nimmt er auch in Kauf, dass das Gespräch einiges länger dauert als vereinbart. Er sei nicht streng, sagt Sousa. «Ich würde es konsequent nennen.»

Schweizer Illustrierte: Paulo Sousa, Sie denken 24 Stunden am Tag an Fussball, oder?
Paulo Sousa: Nicht, wenn ich schlafe (lacht). Aber ich habe selbst auf dem Nachttisch einen Block und einen Kugelschreiber.

Wofür?
Wenn man total entspannt ist oder einschläft, schaltet man die Logik und das Rationale ab. Das sind oft Momente grosser Inspiration oder Kreativität. Ich versuche, solche Gedanken oder Geistesblitze festzuhalten, um sie später mit der Logik zu verstehen und davon zu profitieren.

Das tut Paulo Sousa also im Bett!
Nicht nur (lacht). Momente totaler Entspannung können auch eintreten, wenn ich mit Freunden schwatze und ein Glas Rotwein trinke. Und natürlich wenn ich in der Natur bin, das ist mir besonders wichtig.

Sie haben drei Hunde, oder?
Ja, einen Dalmatiner und zwei französische Bulldoggen. Ich liebe es, mit ihnen im Wald, in der Natur zu spazieren. Mit wachem Geist kann man in der Natur wunderbare Dinge erleben. Im Sommer laufe ich gerne barfuss durch den Wald, spüre die Kraft der Erde, nehme Geräusche und Gerüche auf. Als Kind kletterte ich ständig auf Bäume, heute umarme ich sie. Das gibt mir Kraft und Ruhe.

Seit einem halben Jahr ist die Schweiz Ihre Heimat. Wie gefällt es Ihnen hier?
In der Anfangszeit war ich total auf die Arbeit fokussiert. Aber wenn ich nun einen Tag frei habe, besuche ich mit meiner Frau verschiedene Orte - es ist toll. Die Natur ist wunderschön, alles perfekt organisiert und hoch entwickelt.

Sie führen als Fussballtrainer ein Nomadenleben, waren zuletzt in England, Ungarn und Israel. Folgt Ihnen Ihre Frau immer problemlos überallhin?
Ich habe das Glück, dass Christina mich voll unterstützt und ich so meiner grossen Leidenschaft, dem Fussball, nachgehen kann. Sie begreift auch das ganze Drumherum perfekt.

Wo und was ist für Sie Heimat?
Wenn man so viele Jahre im Ausland lebt wie ich, definiert man Heimat nicht als geografischen Punkt. Und im Gegensatz zu vielen Menschen kann ich einer Arbeit nachgehen, die mich total erfüllt und erst noch gut entlöhnt wird. Ich bin Gott jeden Tag dankbar dafür.

Sie und Ihr Team führen die Super League souverän an. Besteht die Gefahr, dass bei einigen Spielern die Spannung abfällt?
Die mentale Intensität darf bei keinem abnehmen, die Spieler wissen das. Und wenns doch passiert, erhöhe ich schlagartig die Komplexität der Trainings. Der Spieler wird dadurch mehr Fehler machen und sich unwohl fühlen. So steigt die Intensität von allein wieder an.

Wie man hört, fehlt es bei Ihren Trainings ohnehin selten an Intensität.
Natürlich nicht. Ich erwarte von jedem Spieler, dass er jeden Tag den Ehrgeiz hat, sich zu verbessern. Wir wollen in der Schweiz alle Titel gewinnen und uns in Europa mit den Besten messen. Also müssen wir alle sehr hart arbeiten.

Als Sie vergangenen Sommer den FC Basel übernahmen, verstanden anfangs nicht alle Ihre Denk- und Arbeitsweise, oder?
Jeder Spieler hat in seinem Unterbewusstsein Verhaltensweisen gespeichert. Will man etwas ändern, bedeutet das oft viel Aufwand. Ich spreche nicht gerne über einzelne Spieler, tue es hier aber trotzdem: Marco Streller hätte es sich vom Alter und vom Status her allenfalls erlauben können, nicht viel zu ändern. Aber er war derjenige, der als Leader alle mitgerissen hat. Er weiss: Der Lernprozess im Leben hört nie auf.

Im Herbst blieben die Resultate aus, es kam Unruhe auf. Doch Sie schienen nicht gewillt zu sein, sie aus der Welt zu schaffen.
Ich versuche nicht, allen zu gefallen. Solange ich sehe, dass die Mannschaft mitzieht und sich täglich verbessert, bleibe ich ruhig. In erster Linie möchte ich am Ende des Tages die Gewissheit haben, dass ich alles getan habe, damit meine Spieler sich verbessern.

Wird das auch reichen, um am Mittwoch im Achtelfinal der Champions League den FC Porto zu schlagen?
Wir sind weit entfernt vom FC Porto. Dieser Verein gehört seit 30 Jahren zur europäischen Spitze und verkauft jährlich Spieler für 60 bis 120 Millionen Franken. Und wir haben jetzt nach der Winterpause gerade mal zwei Ernstkämpfe in den Beinen.

Sie versuchen, Druck von sich und der Mannschaft zu nehmen.
Nein, ich benenne nur die Realitäten. Klar arbeiten wir nicht so hart, um dann unentschieden zu spielen oder zu verlieren. Im Gegenteil: Wir wollen nicht nur gewinnen, sondern auch das Spiel bestimmen. Egal, gegen welchen Gegner. Nur wer diesen Anspruch hat, kann mental und taktisch wachsen.

Als Spieler haben Sie einst mit Juventus Turin und Borussia Dortmund die Champions League gewonnen. Was sind Ihre Ziele als Trainer?
Ich möchte als Trainer die gleichen Erfolge feiern wie als Spieler. Und ich bin überzeugt, dass ich das schaffen werde. Dafür muss ich als Mensch und als Trainer das Maximum aus mir herausholen und mich stetig weiterentwickeln.

Analyse und kontinuierliche Verbesserung. Egal, was man sie fragt, es dreht sich nur darum!
Das ist nun mal eine Konstante in meinem Leben. Ich war als kleiner Junge beispielsweise sehr scheu, bin es eigentlich heute noch. Mein Beruf hat mir geholfen, mich kommunikativ zu verbessern. Im Prinzip gehts darum, zu beobachten, die richtigen Schlüsse zu ziehen und diese umzusetzen. So kommt man immer einen Schritt weiter.

Sie trainierten 1996 und 1997 in Dortmund unter Ottmar Hitzfeld. Haben Sie Kontakt zu ihm? Er wohnt ja in der Nähe von Basel.
Nein, bis jetzt hatte ich leider noch keine Möglichkeit dazu. Seine menschlichen Fähigkeiten und sein Spielverständnis haben mich immer fasziniert, er war für mich sehr wichtig.

Und trotz Ihres Aufenthaltes in Deutschland und des halben Jahrs in Basel sprechen Sie noch immer kaum Deutsch.
Es ärgert mich heute enorm, dass ich es damals als Spieler verpasst habe, diese Sprache zu lernen. Ich möchte das unbedingt nachholen und werde es auch tun. Aber im Moment fehlt die Zeit dazu.

Sind Sie eitel?
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Wie kommen Sie darauf?

Sie gelten als Trainer, der an der Seitenlinie auffallend gut gekleidet ist.
Es freut mich sehr, wenn man das so wahrnimmt. Und meine Mutter sicher auch. Sie war nämlich Schneiderin, und als Junge habe ich ihr immer sehr gerne bei der Arbeit geholfen. Vielleicht habe ich deswegen ein gewisses Flair für Stoffe und Schnitte.

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