Silber-Medaillen-Gewinnerin Mathilde Gremaud im Porträt «Ich habe keine Angst, bloss ein bisschen Respekt»

Silber-Medaille an den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang für Freeskierin Mathilde Gremaud! Dabei kämpfte die 18-Jährige vor Olympia nach einer Verletzung noch um den Anschluss. Ein Porträt über die ebenso begabte wie natürliche Freiburgerin.
Mathilde Gremaud Portrait Olympia 2018
© Elmar Bosshard / SI Sport

Vollblut: Mathilde Gremaud hat als Kind jede freie Minute auf den Ski verbracht, am liebsten im Wald. Dabei vergass sie auch einmal Leichtathletik-Wettkämpfe.

Eine perfekte Bewegung, ein kurzer Moment der Absolutheit. Wie im Bilderbuch. Eine sehr junge Freiburgerin ist es, die diesen Augenblick an einem magischen Abend in Norwegen geniessen darf. Mit einem scheuen Lächeln sitzt Mathilde Gremaud in einem Restaurant in Bulle, wo ihr Vater Stéphane als Pöstler arbeitet. Sie holt tief Luft und erzählt mit fester Stimme sekundengenau von ihren Erlebnissen an den X-Games in Oslo im März 2017, bloss ein paar Wochen nach ihren ersten internationalen Einsätzen. «Wir haben die ganze Woche davor auf jener Schanze trainiert. Ich fühlte mich voller Leichtigkeit.»

Nachdem die heute 18-Jährige den Slopestyle-Wettkampf auf dem sechsten Platz beendet hatte, fühlt sie an diesem Samstagabend eine unbändige Energie. Im ersten Lauf schafft sie einen Sprung, der mit 43 Punkten bewertet wird. Mit diesem Resultat hat sie das Podest bereits auf sicher, den Erfolg eingefahren. Vor dem zweiten Lauf fühlt sie sich so gut, dass sie die Treppe zum Sprungturm vor lauter Elan hinaufrennt. «Oben wusste ich plötzlich, dass ich jenen Sprung versuchen werde, den ich noch nie probiert habe – nicht einmal im Training.»

Maximalnote 50 Punkte!

Gremaud sagt sich in diesem Moment, dass es sich ja bloss ums Aneinanderfügen zweier Figuren handle, die sie bereits beherrsche. Sie übergibt ihrem Trainer die Skistöcke und stürzt sich mit dem mythischen «Switch Double Cork 1080» der Geschichte entgegen: ein zweifacher Rückwärtssalto mit dreifacher Drehung um sich selbst. Die Newcomerin zeigt ihn extrem sauber. Auf der Grossleinwand erscheint die Maximalnote: 50 Punkte, etwas noch nie Dagewesenes. «Are you kidding me?», schreit der offizielle Kommentator durch das Jubeln der Menge. Die Freestyle-Welt hat eine neue Championne.

Mathilde Gremaud Portrait Olympia 2018
© Handout / SI Sport

Triumph: In ihrer ersten internationalen Saison räumte Gremaud mit dem Sieg an den X-Games in Oslo gleich gross ab.

Während sie ihren ersten Slopestyle-Wettkampf erst im Alter von 13 Jahren bestreitet, steht Gremaud schon als knapp Zweijährige auf den Ski. Als typische Greyerzer fahren die Mitglieder der Familie im Skigebiet La Berra. «Mit Freunden bauten wir mit der Lawinenschaufel meines Vaters eine Schanze. Wir fuhren fast jeden Tag. Da ich etwas draufgängerisch bin, fuhr ich so oft wie möglich im Wald.» Wenn sich am Mittwochnachmittag jeweils die Skiklubs auf den Pisten tummeln, mischen sich Mathilde und ihre Kollegen unter die Mitglieder und fahren ein paar Läufe in den Stangen.

«Ich hatte eine tolle Kindheit»

Gremaud versucht sich auch in der Leichtathletik. Zahlreiche Male läuft sie die Corrida bulloise. «Wann immer möglich, stand ich allerdings auf den Ski. Die Leichtathletik fand ich weniger spannend, als die Pisten hinunterzurasen. Ich habe deswegen sogar Läufe verpasst. Also habe ich irgendwann aufgehört.» Ihre Schwestern sind immer noch dabei, ausserdem ist ihr Vater Trainer im Club Sportif Le Mouret (FR).

Ich liebe den Geist, die Ambiance, den Respekt zwischen den Fahrern. Diese Welt gefällt mir in jeder Hinsicht.

Gremaud braucht die Bewegung. In ihrem Quartier des Dorfes La Roche wohnen nur Mitglieder ihrer Familie. «Es ist nicht weit von der Kantonsstrasse gelegen und hat trotzdem keinen Verkehr. Wir haben uns dort viel Raum geschaffen. Wir fuhren Velo, Roller, Inlineskates, gingen aufs Trampolin. Ich hatte eine tolle Kindheit.»

Seltene Orientierungsgabe

Nach ihren ersten Schweizer Meisterschaften wird Swiss Ski auf die 15-Jährige aufmerksam und kontaktiert sie. Bald nimmt sie an den ersten Camps teil und tritt im Sommer 2016 in die Sportmittelschule Engelberg ein. Für sie ist immer klar, dass sie sich für den Freestyle entscheiden würde. «Ich liebe den Geist, die Ambiance, den Respekt zwischen den Fahrern. Diese Welt gefällt mir in jeder Hinsicht.»

Es dauert nicht lange, bis sie sich in dieser Welt etabliert hat. Im November 2016 bestreitet sie in Mailand ihren ersten Wettkampf im Big Air. Zuvor hatte das Team zwei Wochen lang in Österreich trainiert, Tage bei besten Bedingungen, in denen Gremaud ständig Fortschritte erzielte. Ihre Trainer versichern ihr, dass sie in Mailand ein gutes Resultat erzielen könne. «Also ging ich hin, ohne mich gross zu hinterfragen.» Unter 25 Teilnehmerinnen wird sie Zweite. Mit einem «Mordsspass» besteht sie, zeigt einen «cork 7» mit zwei Drehungen.

Ich glaube, dass niemand ausser mir gewisse Figuren auf diese Art zeigen kann

«Es passiert gleichzeitig schnell und in Zeitlupe»

Die Orientierung zu behalten, während der Körper herumwirbelt, ist eine der wichtigsten Bedingungen dieser Sportart, in der sich alles innerhalb weniger Sekunden entscheidet. «In der Luft zerlege ich meine Bewegung, ich sehe überallhin, wo ich kann, um mich zu orientieren. Es ist immer anders und gleichzeitig doch immer gleich. Es passiert gleichzeitig schnell und in Zeitlupe. Ich visualisiere meinen Sprung im selben Moment, in dem ich ihn ausführe.»

Mathilde Gremaud Portrait Olympia 2018
© Elmar Bosshard / SI Sport

Flexibel: Mathilde Gremaud hat bei Drehungen mit keiner Richtung Probleme. Das ist ein grosses Plus.

Technisch gesehen, hat sie eine Gabe. Jeder Skifahrer besitzt ein Gefühl für die eine Rotation und hat Mühe mit der anderen. Gremaud nicht. Normalerweise dreht sie nach links, und doch schafft sie auch komplexe Figuren mit Rechtsdrehung. Das ist ein Must im Slopestyle, wenn man punktemässig abräumen will. «Ich glaube, dass niemand ausser mir gewisse Figuren auf diese Art zeigen kann», sagt sie ohne jede Spur von Überheblichkeit. Nach diesem Einstiegs-Wettkampf in Mailand qualifiziert sich Gremaud stets für den Final, springt in sieben Versuchen viermal aufs Podest. Eine Offenbarung mit der Krönung in Oslo. «Es war so gut. Und alle haben sich mit mir gefreut.»

Panik wegen des Schmerzes

Die Geschichte wäre zu einfach, wenn sie so bleiben würde. Ende März bestreitet die Romande in Tschechien eine Exhibition für ihre Skimarke, als sie nach einem Sprung schlecht landet. Zwar stürzt sie nicht und fährt noch nach unten. «Als ich meine Ski ausziehen wollte, spürte ich aber, dass mein rechtes Bein nicht hält.» Stunden später erst beginnt der Schmerz. Als sie dies realisiert, gerät sie in Panik. Die erbarmungslose Diagnose: Teilriss des vorderen Kreuzbandes. «Ich dachte sofort an die Olympischen Spiele. Dass die Sache gelaufen sei und ich viele Anlässe verpassen würde.»

Einen Monat später wird Gremaud in Genf operiert. Danach geht es Schritt für Schritt vorwärts in der Genesung, ohne dass die Athletin zu weit vorausblickt. Mitte Oktober 2017 steht sie wieder auf den Ski. «Bis jetzt ist alles gutgegangen. Ich habe keine Angst, bloss ein bisschen Respekt.» Dass sie Richtung Olympia abheben darf, weiss sie seit der Selektion Ende Januar.

Mathilde Gremaud Sarah Höfflin Olympia 2018
© Keystone

Es klappt tatsächlich: In Pyeongchang holt sich Mathilde Gremaud die Silber-Medaille, geschlagen wird sie einzig von ihrer Team-Kollegin Sarah Höfflin (links), die Gold gewinnt.

Sie sagt sich, dass dieser Kampf, wie unangenehm er sein mag, auch eine Art Lehre und Abhärtung sein kann. Und fühlt, wie sie in dem Prozess rasch reifer wird. «Vorher war ich ein bisschen zerstreut, ein Schussel. Nun sagt mir mein Umfeld, wie stark ich mich entwickelt habe. Ich bin reflektierter, insbesondere, was den Sport betrifft.» Die Freude, die Lust, das Talent: Dies alles scheint so selbstverständlich für sie – alles ausser das Problemknie, das sie bis zu den Spielen in den Griff bekommen muss. Dann erst kann man wie im Lied von Jacques Brel fröhlich singen: «Mathilde est revenue».

Diese Geschichte erschien im Magazin «SI Sport», Ausgabe 1/2018 vom 9. Februar 2018.

Cover SI Sport 1 2018 09022018 Dario Cologna
© Fotografie: Sandro Bäbler
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