Der Preisüberwacher weiss um seine Angepasstheit Stefan Meierhans: «Ich bin ein Bünzli – na und?»

Seine Frisur sei das Spannendste an ihm, sagt der eidgenössische Preisüberwacher Stefan Meierhans. Das ist natürlich untertrieben! Seit zehn Jahren im Amt, hat sich der Wahl-Berner allseits Respekt verschafft. 
Stefan Meierhans
© Kurt Reichenbach

Perfekte Welle: Stefan Meierhans beim Coiffeur Blond in Bern. «Ist doch toll, dass nicht mehr nur Frauen auf ihr Äusseres angesprochen werden.»

Kürzlich war Stefan Meierhans, 50, im Aldi, da sagte ein Mann zu ihm: «Sie kaufen am gleichen Ort ein wie ich, dann ich bin ja richtig hier.» Eigentlich werde er selten erkannt, sagt Meierhans, während er sein Elektrovelo durch die Berner Altstadt schiebt. Es ist einer der letzten heissen Sommertage, die Fransen kleben an seiner Stirn. Er trage oft ein Chäppi, dann sehe man halt seine Haare nicht.

Meierhans’ Frisur mit den kunstvoll ins Gesicht gezogenen Diagonalsträhnen – sie ist sein Markenzeichen. Als er 2008 ins Amt des eidgenössischen Preisüberwachers gewählt wurde, sorgte sie denn auch für mehr Gesprächsstoff als seine Leistungen. Zumal er an seinem bekannten Vorgänger Rudolf Strahm gemessen wurde.

Ein harziger Start, eine fulminante Karriere

«Meierwas?», fragte die Presse damals und vermutete, Bundesrätin Doris Leuthard habe ihn auserwählt, weil er der CVP angehört. Heute, zehn Jahre später, muss er sich solche Sticheleien nicht mehr anhören. Er hat mit Erfolgen gepunktet – zuletzt mit der Aufdeckung des Postauto-Skandals.

Stefan Meierhans
© Kurt Reichenbach

Weckruf: Der Preisüberwacher klopft die Parlamentarier symbolisch wach: beim Bronzeguss auf der Bundesterrasse.

Als Erster bemerkte er, dass bei der Postauto AG grosse Gewinne anfallen, die offenbar verschleiert wurden, und er hörte nicht auf, ungemütliche Fragen zu stellen. «Das ist mein Job», sagt Meierhans lapidar. Im Gespräch gibt er sich zurückhaltend, ja richtig bescheiden. Auf die Frage, ob er schon als Kind einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, sagt er: «Das würde sich jetzt gut machen, aber ich kann mich nicht daran erinnern.» 

Ein besonnener Mann mit Mundtabak

Meierhans parkiert sein Velo vor der Ka-We-De. Die einzige Badi in Bern, die Eintrittsgeld verlangt, stellt er fest. «Aber die Architektur und die Stille – eine echte Oase!» Seit 20 Jahren lebt der St. Galler in Bern. Im Beizli kramt er ein Döschen mit Mundtabak aus seiner Tasche, «vielleicht das Verwegenste an mir». In Skandinavien ist er auf den Geschmack gekommen, in Oslo und Uppsala hat er Rechtswissenschaften studiert.

Korrekt und angepasst, das sei er schon immer gewesen, in der Schule habe er nie zu den Wortführern gehört, sagt Meierhans. Aufgewachsen in Altstätten SG, bekam er als Bub ein schlechtes Gewissen, wenn er freihändig Velo fuhr. Nie hätte er sein Töffli frisiert oder in der Schule ein Weggli geklaut. «Ich hatte Respekt vor Vorschriften.» Vielleicht sei er auch einfach ein Bünzli, sagt er, «na und?».

Stefan Meierhans
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Der Kritische: Als Preisüberwacher ist er Schnittstelle zwischen Kunde und Organisation. Bei den Machenschaften mancher Unternehmen muss sich Meierhans des Öfteren an den Kopf langen: «Das geht doch nicht!»

Auch wenn er nie zu den Lauten gehörte – heute hat sein Wort Gewicht. Zwar verfügt er eher selten. Denn: Wenn immer er es mit Behördengebühren zu tun hat, also in den meisten Fällen, kann er höchstens eine Empfehlung aussprechen. Aber er kann öffentlich Druck aufbauen.

Der die Kunden vertritt

Rund 2500 Beschwerden landen jährlich in seinem Postfach. Der momentane Aufreger: Die Swisscom fährt die Leistung von Internet-Abos hoch und passt gleichzeitig die Preise an – ohne das Einverständnis der Kunden einzuholen. «Das geht doch nicht», sagt Meierhans nüchtern. Er ist keiner, der laut in den Kampf zieht. Er ist einer, der mit Leidenschaft über Paragrafen und Gesetze diskutiert. Im Fall der Swisscom werde er wohl nicht eingreifen können. «Aber ich schliesse nicht aus, dass ich den Chef mal anrufe und sage, überlegt euch das nochmals.»

Wünscht er sich manchmal mehr Macht? «Ich möchte Fristen setzen können», sagt er und nennt als Beispiel die Generika. In der Schweiz sind die Preise dafür doppelt so hoch wie in den umliegenden Ländern. «Abzockerei», sagt Meierhans. Seit bald zehn Jahren mache er beim Innenministerium Druck, doch erst jetzt komme Bewegung rein.

Ich möchte Fristen setzen können

Kein Verständnis für Meierhans’ Vorgehen hat Intergenerika-Präsident und SVP-Nationalrat Thomas de Courten: «Die Beharrlichkeit ist dem Preisüberwacher nicht abzusprechen. Es kann aber auch in Spiegelfechterei ausarten. So wie bei den Generika, da ist er auf dem Holzweg.»

Meierhans, der liebende Familienmensch

In der Badi rollen die letzten Gäste ihre Tücher zusammen, da stürmen zwei blonde Mädchen mit Schulrucksäcken heran: Lena, 9, und Sophie, 7, die Töchter von Meierhans. «Sorry für die Verspätung», ruft Mama Béatrice Wertli hinterher, «heute war ein unmöglicher Tag!» Ihr Haar ist zerzaust, auf der Toilette zieht sie sich noch schnell die Lippen nach. Wenn bis dahin eine gewisse Distanz an Meierhans haftete, dann bröckelt sie spätestens jetzt. Papa hier, Papa da, seine Töchter sprudeln – und er mit.

Stefan Meierhans
© Kurt Reichenbach

Quartett: Stefan Meierhans mit Ehefrau Béatrice Wertli und den Töchtern Sophie und Lena (r.) in der Badi Ka-We-De.

Seine Frau arbeitet noch bis Ende September als Generalsekretärin der CVP, dann kommt «etwas Neues». Daheim kümmert sie sich vorwiegend um das «Termin-Management», er saugt, wäscht und putzt wie sie. Sie «kocht» am liebsten Birchermüesli, seine Spezialität ist Fleischniedergaren. Beim Einkaufen sei er kostenbewusster geworden, sagt Meierhans: «Aber ich bin kein Schnäppchenjäger.» Ein letztes Familienbild noch. «Papa, deine Frisur», ruft Lena – und bringt husch seine Fransen in Form.

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