«Wer meine Musik kennt, kennt mich» Rapperin 11Ä passt nicht ins Hip-Hop-Klischee

Die zweifache Mutter und Alleinerziehende Romy Eigenmann passt gar nicht zu den glamourösen Klischees der Hip-Hop-Szene. Als Rapperin 11Ä mischt die Bernerin derzeit mit ehrlichen Versen über ein Leben voller Hürden die Musikszene auf.
Romy Eigenmann 11Ä Hip-Hop
© Kurt Reichenbach

Am Freitagabend taufte Rapperin 11Ä (Berndeutsch für «Elfe») ihr Album «Hie» in Bern.

Rap war mal was, «das Gangster in Amerika tun». So erklärte es Papa vor über 20 Jahren, als Romy den Sprechgesang zum ersten Mal im Autoradio hörte. Später war es etwas, das ihre zwei Brüder viel besser konnten als sie, weswegen sie sie ein wenig belächelten.

Heute ist Romy Eigenmann, 32, der neue Stern am Schweizer Rap-Himmel. Mit ihrem Debütalbum «Hie» hat sie unter dem Künstlernamen 11Ä (Berndeutsch für «Elfe») die Charts gestürmt. Jetzt ist sie mit einer neuen Single am Start. Dabei passt die Bernerin als alleinerziehende Mutter überhaupt nicht ins glamouröse Hip-Hop-Klischee. Sie wohnt in einem Stöckli auf dem Land. Vor ihrer Haustür schlammige Gummistiefel statt Fancy Sneakers. Und in der Garage kein heisser Schlitten, dafür in ihrer Küche ein Schaf.

«Regt die Milchbildung an»

Ein Bock, genauer gesagt. Momo stupst mit der Stirn gegen Romy Eigenmanns Bein. Das tut er immer, wenn er mal in die warme Stube darf. «Regt die Milchbildung an», sagt Romy lachend. Sie hat Momo mit dem Schoppen aufgepäppelt und freut sich, dass er bald Onkel wird, gleich zwei kleine Lämmchen sind unterwegs!

Kinder und Schafe zieht die Rapperin zwischen Bern und Biel gross, irgendwo in den Hügeln, weitab vom Schuss, wo nicht einmal ein Postauto hält. Rapperswil (wie passend!) heisst das Dorf, zu dem der Weiler gehört. Romy ist hier aufgewachsen. Nach der Scheidung vom Vater ihrer zwei Töchter kehrte die gelernte Köchin und gescheiterte Nagelstudio-Besitzerin vor drei Jahren hierhin zurück. Im Musikzimmer im Erdgeschoss sind die 15 Rap-Tracks entstanden, mit denen 11Ä in den Top Ten der Hitparade debütierte.

Romy Eigenmann 11Ä Hip-Hop
© Kurt Reichenbach

Bockiger Mitbewohner: Momo ist ein Familienmitglied. Die drei Eigenmann-Frauen haben ihn mit dem Schoppen aufgezogen.

Explizite Wortwahl gehört zur Rapkultur

Aus den Boxen tönen Kinderstimmen. «Wir teilen uns ein Eis und machen gern Musik! Yeah, yeah …» Jolina, 9, und Janna-Ina, 7, haben sich Mamis Mikrofon geschnappt, um ein selbst komponiertes Lied über Freundschaft zum Besten zu geben. Nach dem Applaus bitten sie, ob sie ihre Freundinnen Lia und Jaël in der «Schweizer Illustrierten» grüssen dürfen. Aber klar doch!

Romy lächelt. Eigentlich haben ihre beiden «Babygirl-Homies» die ausdrückliche Erlaubnis, beim Jammen – aber nur dann! – auch wüstes Vokabular zu benutzen. «Wixer zum Beispiel», sagt Janna-Ina und kichert. Oder «Fuck», doppelt Jolina nach. Die explizite Wortwahl gehöre zur Rapkultur und sei gesünder, um Dampf abzulassen, als irgendwas kaputt zu schlagen, meint die Mama. «Aber sobald solche Wörter kein Tabu mehr sind, verlieren sie eh ihren Reiz.»

Video: 11Ä - «We Du Mi Aluegsch»

«Wer meine Musik kennt, kennt mich»

Auch die Rapperin verzichtet in ihren Songs auf eine ordinäre Sprache. Stattdessen reimt sie sich Kummer, Sorgen und Wut eines Lebens am Existenzminimum, mit depressiven Phasen und gebrochenem Herzen in poetischen Bildern von der Seele. «Übelst überfordert» sei sie manchmal mit allem, gibt sie in einem Lied zu. Ihren Töchtern verspricht sie: «O we aui Stricke risse, wirde z Läbe lang für öich i suuri Öpfle inebisse.» In einem anderen Song heissts: «Chume uf ke Punkt vor luter wunde Pünkt» – damit können Männer gemeint sein genauso wie Stimmungsschwankungen, sagt 11Ä.

Eins ist klar, dem Zuhörer genauso wie der Rapperin selbst: «Wer meine Musik kennt, kennt mich.» Und Rap ist für Romy Eigenmann heute auch eine Überlebensstrategie.

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