Leihmutter verlor ihr erstes Kind Schiedsrichter Erlachner und sein Partner wollen ein Baby

Vergangenes Jahr das öffentliche Outing, nun der nächste Schritt: Fussball-Schiedsrichter Pascal Erlachner und sein Freund Mike führen eine Bar. Damit wollen sie ein Zeichen setzen – und weiter aufklären.
Pascal Erlachner Mike Ruch
© Geri Born

Gutes Team: Pascal Erlachner (r.) und Mike Ruch sind privat ein Paar und führen zusammen das «Goccetto» in Wangen bei Olten SO.

Bei einem Tröpfchen kam die Idee fürs Tröpfchen. Nach einem Glas Wein am Dorffest kommt bei Pascal Erlachner und seinem Partner und Restaurantfachmann Mike Ruch der Gedanke, eine Bar zu übernehmen. Tage später ist klar: Sie sind die neuen Wirte des «Goccetto» – zu Deutsch Gläschen oder Tröpfchen – in ihrer Heimat Wangen bei Olten. «Dass zwei Schwule hier eine Bar führen, ist ein grosser Schritt. Damit wollen wir ein Zeichen setzen», sagt Erlachner.

Seit Ende vergangenen Jahres übernimmt der 38-Jährige eine Vorreiterrolle: Der Fussball-Schiedsrichter, der seit sechs Jahren in der Super League pfeift, outet sich als Erster der Schweizer Fussballszene öffentlich als homosexuell – in einem DOK-Film des Schweizer Fernsehens. Für den Mut stand er am 2. November zur Wahl für den Prix Courage.

Pascal Erlachner
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Job: Seit sechs Jahren ist Pascal Erlachner Super-League-Schiedsrichter. Nun legt er eine Pause ein.

«Ich war innerlich zerrissen»

Ein knappes Jahr nach seinem Outing taucht Erlachner nochmals in die Vergangenheit ein, gibt Einblick in seine Gefühlswelt vor dem 30. Lebensjahr. In jenem Alter setzt er seine Familie ins Bild. «Ich habe ein Doppelleben geführt, hatte zwei Identitäten und zwei Handys – eines nur für meine männlichen Bekanntschaften. Das Schwerste für mich war: Wenn ich etwas Schönes erlebte, konnte ich es niemandem erzählen! Das war eine traurige Zeit, ich war innerlich zerrissen.»

Vor allem von Vater René, selber ehemaliger Fussballspieler und heute Trainer, habe er sich unbewusst unter Druck gesetzt gefühlt, Frauen nach Hause zu bringen. Doch seine Bedenken verfliegen, die Eltern reagieren unterstützend auf sein Outing. Wie auch sein Grossvater, von Kind auf enge Bezugsperson, dem er sein Geheimnis am Sterbebett anvertraut. «Jedes Outing war eine grosse Befreiung für mich», sagt Erlachner. Sieht man, wie offen er über seine Erlebnisse spricht und wie er mit jedem Gast das Gespräch sucht, kann man ahnen, wie schwierig es gewesen sein muss, jahrelang einen Teil seiner selbst zu verleugnen.

Pascal Erlachner Mike Ruch
© Geri Born

Stammgäste: Ruchs Mutter Priska und ihr Partner Urs Hänggi kommen jede Woche auf ein Glas Wein und ein Plättli vorbei.

Im Spitzensport-Umfeld gilt ein Outing als homosexuell noch immer als aussergewöhnlich. Das zeigt auch das Beispiel des ehemaligen Kunstturners Lucas Fischer, der unlängst offen sagt, dass er Männer liebt: «Im Spitzensport ist es nach wie vor ein grosses Tabu. Wenn von schwul gesprochen wird, dann entweder im Witz oder als Beleidigung.» Fischer, 28, glaubt, dass er auch deswegen nicht früher zugelassen habe, erotische Gefühle für einen Mann zu hegen. Einen Partner hat Fischer zurzeit nicht.

Pause als Schiedsrichter

Anders Erlachner. Mit Freund Mike, 23, ist er seit eineinhalb Jahren zusammen. Der Altersunterschied von 14 Jahren ist kein Thema. Jetzt teilen die beiden seit Kurzem neben Privatleben auch den Job. «Das ist durchaus eine Prüfung, besonders in Stresssituationen», sagt Erlachner, der gerade für die Wirteprüfung büffelt. Zusätzlich arbeitet er nach wie vor zu 60 Prozent als Sportlehrer an der Sekundarschule und ist Gemeinderat der Wangener FDP. Als Schiedsrichter legt er jedoch bis Jahresende eine Pause ein.

Pascal Erlachner Mike Ruch
© Geri Born
Service: Ruch mixt alkoholfreie Drinks, Erlachnerserviert Bier und Wein.

Die Auszeit hat aber nichts mit dem Outing zu tun. Die Reaktionen seien in der Schule und im Fussball positiv ausgefallen. Es habe aber auch Fragen gegeben wie: Musst du dich derart exponieren? Er findet: Ja. «Mir ging es nie darum, im Mittelpunkt zu stehen. Es ist wie im Fussball: Als Schiedsrichter musst du kurz auf die grosse Bühne, um die Situation zu klären, dann ziehst du dich wieder zurück. Für viele ist das Schwulsein etwas Fremdes. Aber wenn sie Fragen stellen können, realisieren sie, dass wir ganz normal sind.»

Bald gemeinsam Kinder?

Einen Treffpunkt für den Austausch zwischen den Generationen wollen Erlachner und Ruch mit dem «Goccetto» schaffen. Der Start sei gelungen, finden sie. Es habe aber schon Fragen gegeben von Gästen, einige lustig, andere weniger. «Ob das eine Bar für alle sei, oder ob man hier sagen dürfe, dass es ein bisschen warm sei.» Erlachner sagts mit einem Schmunzeln, nimmts locker.

Pascal Erlachner Mike Ruch
© Geri Born
Küchenspass: Erlachner bereitet das Käseplättli vor, Ruch den Focaccia-Teig. «Warme Mahlzeiten gibts vielleicht in Zukunft.»

Wenn Erlachner und Ruch nach dem Zusammenleben auch das Zusammenarbeiten meistern, können sie sich den nächsten Schritt vorstellen: Kinder. «Es gab einen Versuch. Leider hat die Frau das Baby verloren», sagt Erlachner. Für den Moment ist der Traum in den Hintergrund gerückt. Den Kritikern, die der Meinung sind, zwei Männer könnten kein Kind aufziehen, entgegnet er: «Ein Kind braucht Liebe, unabhängig vom Geschlecht der Eltern!»

Bis es so weit ist, widmen sich Erlachner und Ruch der Aufklärung – und ihrem anderen Baby, dem «Goccetto».

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