Andrea Burri «Sex ist mein tägliches Brot»

«Intelligente Frauen haben besseren Sex»: Mit dem Resultat ihrer Studie hat die 29-jährige Sexual-Forscherin Andrea Burri diese Woche bis über die Landesgrenzen für Schlagzeilen gesorgt.

Stahlblaue Augen im kantigen Gesicht, Konturen wie gemeisselt. Sinnliche Lippen, die sich, noch bevor die Türe zur Wohnung ganz geöffnet ist, an einer saftigen Kakifrucht festsaugen: «Grüessech.» Das also ist Andrea Burri, 29, Sexual­forscherin. Die Bernerin sorgt derzeit mit ihrer Studie für internationales Aufsehen: «Intelligente Frauen haben besseren Sex.» Konkret: «Sie haben dreimal häufiger einen Orgasmus.»

Seit zwei Jahre forscht die attraktive Akademikerin, halb Schweizerin,
halb Portugiesin, in East London. Hier lebt sie in einer Wohngemeinschaft in einer ehemaligen Bierbrauerei. Sie plant, in einem Jahr in die Schweiz zurückzukehren, um ihre Studie weiterführen zu können. «Ich hoffe, dass die Schweiz dann reif ist für meine Forschung der menschlichen Sexualität.»

Burri ist eine Frau, die Männer ins Schwitzen bringt. «Ich bin ziemlich durchgeknallt», sagt sie von sich selbst und lacht: «Ich liebe Gegensätze, mag keine halben Sachen.»

Andrea Burri, Sie treffen einen Mann. Der fragt nach Ihrem Beruf, und Sie sagen: Sexforscherin. Wer bekommt da zuerst rote Ohren?
(Lacht.) Ich glaube, eher er als ich. Für mich ist Sex tägliches Brot.
Männer reagieren häufig eingeschüchtert. Sie denken, ich analysiere und durchleuchte sie wegen meines Berufs und aufgrund meiner Erfahrung.

Aber die Männer liegen damit bestimmt nicht falsch. Sie sind Sexforscherin. Da können Sie doch gar nicht anders!
Jetzt bekomme ich rote Ohren, und das passiert mir selten! Aber jede Frau denkt ab und zu bei der Begegnung mit einem Mann daran, wie er im Bett sein könnte. Ich vermute, dass ich das nicht viel häufiger mache als andere, nur weil ich Sexualforscherin bin.

Wer Andrea Burri begegnet, denkt nicht zuerst an Forschung. Das ist sie sich durchaus bewusst. Deshalb lenkt sie im Gespräch die Aufmerksamkeit immer wieder auf ihre wissenschaftliche Arbeit: Forschung auf dem Gebiet der Genetik und Sexualität. Für ihre aktuelle Studie hat sie während zweier Jahren 4000 Zwillinge, ausschliesslich Frauen aus England, am King’s College befragt. «Daten erheben,
Zahlen analysieren. Das Thema Sex kann manchmal ganz schön unspektakulär sein», sagt sie.

Sie sorgen derzeit mit Ihrer Aussage «Frauen mit hoher emotionaler Intelligenz haben besseren Sex» für Furore. Was ist emotionale Intelligenz?
Sie setzt sich aus ganz verschiedenen Faktoren zusammen. Sozialkompetenz, dann die Fähigkeit, seine Gefühle und die des Partners zu lesen, Emotionen auszudrücken und diese nach aussen zeigen zu können. Vereinfacht kann man sagen: Extrovertierte Personen sind häufig zufriedener mit ihrem Sexualleben.

Ist emotionale Intelligenz angeboren, oder kann man daran arbeiten?
Grundsätzlich geht man davon aus, dass 40 Prozent der emotionalen Intelligenz genetisch bedingt und 60 Prozent durch die Umwelt bestimmt sind. Man kann also daran arbeiten.

Wie?
Wichtig ist, dass man seine Bedürfnisse ausdrückt und gleichzeitig auf die des Partners eingeht. In der Sexualität ist Geben und Nehmen wichtig. Und dass man offen darüber spricht. So wie wenn man sagt, ich habe Hunger, sollte man sagen können, ich habe jetzt Lust auf Sex.

Warum sind Sie eigentlich Sexual­forscherin geworden?
Wenn zehn Publikationen vor mir liegen, und in einer geht es um Sex, greife ich zuerst zu dieser. Das war schon immer so. Zudem kann reine Forschung sehr trocken sein. Nach meinem Studium der klinischen
Psychologie und Psychotherapie in Zürich und der Sexualwissenschaften in Hamburg wollte ich nicht ein ganzes Leben lang an einzelnen Hormonen herumtüfteln. Ich empfinde es als sehr viel befriedigender, Forschung zu betreiben, die jeden etwas angeht. Ich habe Spass an Sexualität und deren Enttabuisierung.

Sie sagen, Sie sind mit Ihrem Job ­verheiratet. Wie meinen Sie das?
Ich liebe und lebe meinen Job, er befriedigt mich sehr (lacht verschmitzt). Aber ich habe neben der Ehe mit meinem Job auch einen festen Freund.

Seit zweieinhalb Jahren ist Andrea Burri mit dem 32-jährigen Informatiker Thomas aus Bern zusammen. Die beiden sehen sich jedes zweite Wochenende – mal in Bern, mal in London. «Mein Baby» nennt sie aber einen anderen: Der ist schwarz, bullig und aggressiv. Fireblade CBR, Marke Honda, ist ihre ganz grosse Leidenschaft. «Der macht bei 178 PS locker 300 Sachen», schwärmt sie. Wie sie im schwarzen Lederkombi auf Männer wirkt, weiss sie. «Mein Helm hat getönte Visierscheiben, da kann ich so tun, als bemerke ich die Blicke nicht.»

Sie leben eine Fernbeziehung. Wie halten Sie es mit der Treue?
Für mich persönlich ist Treue sehr wichtig. Als Forscherin glaube ich aber, dass Monogamie eine unnatürliche Beziehungsform für den Menschen ist. Untreue wird zu viel Bedeutung beigemessen. Es wird zu schnell alles hingeschmissen. Sex ist manchmal wie ein gutes Essen. Und für ein gutes Essen will man auch nicht immer ins gleiche Restaurant.

Färbt Ihr Beruf auf Ihr Privatleben ab?
Ich lebe die körperliche Beziehung vielleicht bewusster als andere
und kenne die Gefahren. Eine Liebe wird sehr schnell platonisch, wenn man aufhört, sich zu berühren und zu küssen, da gebe ich schnell Gegensteuer. Ich bin selber sehr unverkrampft, höre auf meine sexuellen Bedürfnisse, versuche diese zu befriedigen und kenne wenige Tabus.

Was für Eigenschaften muss ein Mann haben, der mit Ihnen mithalten kann?
Er muss mir gegenüber loyal, begeisterungsfähig, ausgeglichen,
humorvoll und lebensbejahend sein.

Und wie muss er im Bett sein?
Das kann ich ihm ja beibringen (lacht).

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