Cédric Wermuth So lebt der SP-Mann in Baden

Er ist Nationalrat und wohnt in einer WG. SP-Mann Cédric Wermuth zeigt, wo er in Baden seine Feste feiert, wo er abspeckt und wo er sich mit «Munition» für politische Debatten eindeckt.

Für einmal gilt selbst für einen Armeegegner: Stillgestanden! Denn hinter Cédric Wermuth droht der Abgrund. Und so steht der SP-Nationalrat stramm auf der schmalen Mauer der Ruine Stein, hoch über Baden AG. Höhenangst? «Nein, ich bin kein besonders ängstlicher Mensch.» Im Gegenteil. Im Verlauf der letzten Armeedebatte im Nationalrat bezeichnete Wermuth – er rüttelt mit Vorliebe an Tabus – das Sturmgewehr als Phallusersatz. Dafür hagelte es (nicht zum ersten Mal) harsche Reaktionen. Der böseste Schmähbrief hat einen Ehrenplatz an der Pin-Wand der WG-Küche: «Landesverräter», «Plauderi» oder «Nichtsnutz» steht da. «Das muss man mit Humor nehmen.»

Mit zwei Männern und einer Frau teilt sich der frühere Juso-Präsident mitten in der Altstadt im ältesten Haus der Rathausgasse (1386) eine (Ur-)Altbauwohnung. Die Gänge sind eng, die Decken tief. «Dafür ist der Charme-Faktor hoch.» Sein Schlafzimmer: schlicht. Ein (gemachtes) Bett, eine Kleiderstange für Hemden und Anzüge, ein Ikea-Büchergestell (Modell Expedit) und eine Kommode «für allerlei Puff».

Seit vier Jahren lebt Wermuth in Baden. Die Stadt sei so etwas wie eine Mini-Metropole. Tatsächlich, der 18 000-Einwohner-Ort lockt mit einer schmucken Altstadt, bietet eine urbane Kulturpalette, punktet als Wirtschaftsstandort (ABB, Alstom, Axpo), das Casino lockt selbst Zürcher an. «Für aargauische Verhältnisse ist Baden – mit Geri Müller als Stadtammann – politisch sehr links», sagt Wermuth. Die Treppe runter, einmal ums Haus, schon sitzt Cédric Wermuth in seinem Stammlokal, der charmanten Unvermeid-Bar, geführt von der stadtbekannten Transsexuellen Stella Palino. «Die Bar ist Start- oder Endpunkt jeden Ausgangs.» Hier lud Wermuth nach seiner Wahl in den Nationalrat zur Feier mit Freibier für alle – via Facebook. «2000 Franken kostete das, obwohl man mir nur den Einkaufspreis verrechnete.»

Zu Fuss – «ich habe nicht einmal ein Velo, weil hier alles so nah beieinander liegt» – gehts durch den Bahnhof zum industriellen Viertel Badens. Hier ist der Migros Fitness-Park, wo Wermuth ein bis zwei Mal pro Woche trainiert. Er schlüpft in ein T-Shirt der SP-Untergruppe «Secondos Plus» und beginnt, Gewichte zu drücken. Er müsse aufpassen, dass er nicht an Gewicht zulege. Denn je grösser die Arbeitsbelastung, desto ungesünder sei seine Ernährung. Inzwischen kennt Wermuth hier auch den «Gastgeber». «Früher grüsste mich stets ein älterer Herr, den ich nicht kannte, der mir aber bekannt vorkam. Irgendwann realisierte ich, dass es Migros-Chef Herbert Bolliger ist, der ebenfalls hier trainiert.»

Auf dem Heimweg schaut Wermuth in der Buchhandlung Librium vorbei. Er steuert auf die Abteilung zu, wo die politische Fachliteratur aufgelegt ist. Zu Hause liest er derzeit «Freiheit statt Kapitalismus» der linken deutschen Spitzenpolitikerin Sahra Wagenknecht und «Wie man die Welt verändert» von Historiker-Star Eric Hobsbawm. Wermuth blättert mehrere Bücher durch, die meisten der revolutionär klingenden Titel kennt er. Dass er mitunter politisch extreme Positionen vertrete, verneint Wermuth. «Die radikale Linke möchte mit wehenden Fahnen untergehen, das ist nicht mein Weg.» Er wolle revolutionäre Visionen mit konkretem Fortschritt verbinden. Dafür müsse man auch mal an Tabus rütteln. «Denn auch linke Politik kann ‹fadegrad› sein, das ist kein Privileg der SVP.» Da nimmt Cédric Wermuth gern in Kauf, dass man ihn mal «Landesverräter» schimpft.

 
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