«Es war wie in einem Kriegsgebiet» Sohn Julien spricht über den Mord an Martin Wagner

Ein Nachbar ermordete Staranwalt Martin Wagner und erschoss sich selbst. Das Drama von Rünenberg BL schockierte die Schweiz. Wagners Kinder waren im Haus. Sohn Julien Wagner sagt, wie es ihnen heute geht – und was er sich wünscht.
Julien Wagner Martin Wagner
© Geri Born

Jetzt redet der Sohn: «Warum darf einer, der das Sturmgewehr abgeben musste, eine Armeepistole haben?»

Julien Wagner wirkt älter, als er ist. Vor acht Monaten starb seine Mutter an einem Hirntumor. Vor vier Monaten wurde sein Vater, der renommierte Basler Anwalt Martin Wagner, 57, von einem Nachbarn erschossen. Jetzt ist Julien, 23, Vollwaise und das älteste von drei Kindern. Dennis ist 21 Jahre alt. Sedona, die «Kleini», ist neun.

Die drei sind aus ihrem Elternhaus ausgezogen, wohnen aber wieder zusammen. Wo, möchte Wagner aus Rücksicht auf seine Geschwister nicht sagen. Er hat das Sorgerecht für Sedona. «Wir halten zusammen», sagt er. «Das war schon immer so.»

Julien Wagner Martin Wagner
© Kurt Reichenbach
Tragödie: Medienanwalt Martin Wagner wurde zu Hause von einem Nachbarn ermordet.

«Wie in einem Kriegsgebiet»

28. Januar 2018. Sonntagmorgen im Baselbieter Juradorf Rünenberg. Julien Wagner und seine Geschwister sind zu Hause, als sie plötzlich Schüsse hören. «Es war krass», sagt der älteste Sohn. «Wie in einem Kriegsgebiet.»

Was ist passiert? Ein Paar aus der Nachbarschaft ist mit den Wagners lose bekannt. Die Frau holt Sedona manchmal ab, damit sie mit ihrer Tochter spielen kann. Ihr Mann kommt an diesem Morgen zum Haus der Wagners. Martin G., 39, hat seine Armeepistole dabei, geladen. Mit ihr schiesst er die Haustürscheibe zu Bruch, betritt das Haus und gibt drei Schüsse auf Martin Wagner ab, er trifft Körper und Kopf. Dann verlässt er das Haus und tötet sich selbst.

«Wir hatten saumässig Glück, dass uns nichts passiert ist», sagt Julien. Wo genau im Haus seine Geschwister und er während der Tat waren, was sie gesehen haben, möchte er nicht weiter ausführen. «Das erspare ich uns.» Den Täter kannte er kaum. «Wir haben uns manchmal zugewunken. Er war einfach ein Nachbar.»

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Verlust: Julien Wagner trauert um seinen Vater, Unternehmer Hermann Alexander Beyeler um seinen Freund und Anwalt.

Verfilmung der Geschichte des Bozzetto

Julien Wagner sitzt im opulenten Büro seines Freundes und Geschäftspartners Hermann Alexander Beyeler in Pratteln BL. Er wirkt gefasst, reflektiert, humorvoll. Ab und zu nimmt er die Brille ab, streicht sich über die Augen. Erstmals ist er bereit, von sich und seiner Familie zu erzählen.

Als 17-Jähriger zieht Julien Wagner in die USA, besucht in L. A. die Lee-Strasberg-Schauspielschule. «Aber dann habe ich mich ins Schreiben verliebt.» Er beginnt, eigene Drehbücher zu verfassen. Seine Eltern unterstützen ihn. «Mein Vater wusste immer, was uns gerade beschäftigt, welche Träume und Sorgen wir haben.» Doch nun ist es der Vater, der sich Sorgen macht. «Er hatte Angst, dass ich in einer brotlosen Branche lande.»

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Mann des Wortes: Neben seinem Jura-Studium schreibt Julien Wagner Drehbücher.

Also stellt der Anwalt Martin Wagner seinen Sohn Julien vor drei Jahren einem illustren Freund und Klienten vor: Hermann Alexander Beyeler, 65, Immobilienbesitzer und Kunstsammler. 2015 sucht Beyeler jemanden, der ein Drehbuch für seinen Roman «Bozzetto» entwerfen könnte. Martin Wagner schlägt Sohn Julien vor. «Nach der Zusage war mein Vater zum ersten Mal richtig beruhigt, was meinen Berufswunsch angeht», sagt Julien. Gemeinsam mit Beyeler gründet er eine Produktionsfirma. Nächstes Jahr verfilmen sie die mysteriöse Geschichte des Bozzetto – jener Holztafel, auf der Michelangelo angeblich sein «Jüngstes Gericht» entwarf.

«Das Care-Team war überfordert»

Nach den Schüssen auf seinen Vater werden Julien und seine Geschwister zu Nachbarn gebracht. «Das Care-Team war überfordert», erzählt er. «Zum Glück zeigte ein Hilfssanitäter Empathie. Er setzte sich zu uns, hatte Tränen in den Augen und sagte, dass sie alles probiert hätten, um unseren Vater zu retten.»

Es folgen seltsame Tage. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb schaltet sich ein, beschliesst, dass Julien Wagner für seine Schwester, die neunjährige Sedona, sorgen kann. Bereits im Erbvertrag war er von seinem Vater als Sorgeberechtigter vorgesehen. «Falls mir mal etwas passiert», habe Martin Wagner nach dem Tod seiner Frau gesagt. Derweil werden Julien Wagner und sein Bruder Dennis belagert. «Die Journalisten campierten auf einem Feld oben an unserem Haus.»

Überhaupt, die Medien. Bei diesem Thema wirkt Julien Wagner aufgebracht. Seine Stimme wird lauter, die Gesten grösser. «Alle spekulierten darüber, ob es ein Beziehungsdelikt war», sagt er. «Keiner schrieb über das eigentliche Thema: Warum hatte ein Mann, der sein Sturmgewehr abgeben musste, noch eine Armeepistole zu Hause?»

«Ich will mit meinen Filmen etwas verändern»

Die Diskussion über das Waffenrecht findet Wagner scheinheilig. «Angeblich werden mit Armeewaffen ja nur wenige Verbrechen begangen – sagen Sie das meiner kleinen Schwester.» Auch die These, eine Waffe diene der eigenen Sicherheit, klingt in seinen Ohren wie Hohn. «Mein Vater und ich hatten beide eine Armeewaffe im Haus. Das hat uns nichts genützt.»

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© Geri Born

Mann der Kunst: Hermann Alexander Beyeler und Julien Wagner in der CB Galerie in Pratteln BL.

Politisch engagieren möchte Julien Wagner sich nicht. «Ich will mit meinen Filmen etwas verändern.» Einer davon wurde dieses Jahr am Marché du Film in Cannes gezeigt. «Weekend Tide» handelt von vier Jugendlichen, denen die Vergänglichkeit des Lebens bewusst wird.

Der Papst war betroffen vom Schicksal

Martin Wagners Freund Hermann Alexander Beyeler hat der Tod seines Anwaltes sehr getroffen: «Das Einzige, was mich tröstet, ist, dass ich durch Julien weiterhin mit der Familie verbunden bin. Ich sehe so viel von Martin in ihm. Er hat die gleiche Entschlossenheit.» Beyeler hat für Julien, Dennis und Sedona eine Audienz im Vatikan organisiert. Ihr Schicksal habe den Papst sehr betroffen gemacht.

«Mein Vater gab mir ein Gefühl von Sicherheit», sagt Julien Wagner. «Mit ihm konnte ich alles besprechen.» Heute gehe es den Geschwistern den Umständen entsprechend gut. «Wir haben bessere und schlechtere Tage.»

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© Geri Born

Freundschaft: Wagner bespricht bei Beyeler (r.) in Pratteln BL ihr gemeinsames Filmprojekt.

Die neunjährige Sedona gab ihm Kraft

Sedona hat durch den Umzug ein neues Umfeld, eine neue Schule gefunden. «Sie kann dort einfach noch Kind sein.» Die Verantwortung für sie zu übernehmen, sei das Schönste, was ihm je passiert sei und habe ihm Kraft gegeben, sagt Julien Wagner. «Sie war der Grund, warum ich am Montag nach der Tat überhaupt aus dem Bett kam. Dank ihr habe ich das Gefühl, mein Vater wäre stolz auf mich.»

Der 21-jährige Dennis beginnt im Sommer sein Jura-Studium in Basel. Julien Wagner studiert ebenfalls Jura, im sechsten Semester. «Das liegt uns wohl im Blut.» Als Ältester der drei muss er sich überlegen, was nun mit dem Elternhaus in Rünenberg geschehen soll. Doch alles zu seiner Zeit. Jetzt muss er los – die «Kleini» von der Schule abholen.

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