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Tanja Frieden über den Klimawandel

«Winter wirds in der Schweiz immer geben»

Hat der Schneesport trotz Klimawandel eine Zukunft? Olympiasiegerin Tanja Frieden will die Kinder in der Schweiz wieder auf die Pisten bringen. Sie engagiert sich für den Klimaschutz und baut zurzeit ihr Elternhaus nachhaltig um. 

Tanja Frieden 2019

Naturverbunden: Tanja Frieden am Thunersee in Gwatt BE. Von ihrem Büro aus sieht sie nach Oberhofen. Dort residiert der Internationale Skiverband FIS, den sie kritisiert. 

Keystone

Das Elternhaus von Tanja Frieden, 43, in Gwatt BE ist zurzeit eine einzige Baustelle. Die Snowboard-Olympiasiegerin von 2006 und ihr Partner, Kitesurf-Coach Marc Ramseier, 45, bauen es um. Es wird ein Plusenergiehaus mit neuem Dach und neuer Hülle, Wärmepumpe statt Ölheizung, Solarzellen und zwei Wohnungen. «Wir brauchen für unsere kleine Familie weniger Platz als früher meine Eltern», sagt Frieden.

Beim Umbau ist Nachhaltigkeit für Tanja und Marc das oberste Gebot – und Regionalität: Die 3S-Solarpanels werden in Thun produziert, die Firma Allenbach aus Frutigen kombiniert Holzbau und Solartechnik. Und der Frutiger Nationalrat und GLP-Präsident Jürg Grossen sorgt mit Smart Energy Link für den nachhaltigen Energiehaushalt. «Ein geniales Konzept, das die Welt kennen muss», sagt Tanja Frieden ganz begeistert. «Es ist online gekoppelt an die Wetterprognosen und verwendet den Solarstrom vorausschauend und dann, wenn er produziert wird.»

Tanja Frieden 2019

Ein Plämpu für Tanja Frieden! Die Thunerin holte in Turin 2006 überraschend Olympia-Gold im Boardercross. Heute arbeitet Tanja Frieden als Mindset-Coach – «ich liebe Veränderungen» – und ist Präsidentin der Schneesportinitiative GoSnow.ch.

Keystone

Tanja Frieden, wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit?
Sehr wichtig, auch wenn es häufig als Gummi-Wort gebraucht wird. Seit vielen Jahren bin ich in Foren engagiert, wo es um Nachhaltigkeit geht, etwa beim Swiss Energy and Climate Summit, bei Aktionen von Climeworks oder bei Eiger Climate Excursions, wo wir die Folgen des Klimawandels für die Jungen erlebbar machen wollen. Als Sportlerin war ich viel unterwegs und habe auf der ganzen Welt gesehen, was passiert in den Bergen, mit den Gletschern, am Meer. Das ist für mich der Antrieb, persönlich etwas zu den Klimazielen 2050 beizutragen. Ein bewusster Umgang mit unseren Ressourcen sollte selbstverständlich sein.

Wie sieht denn Ihr persönlicher Fussabdruck aus?
Ich bin sicher kein Engel. Zwar fahre ich hier, in der Region Thun, meistens mit meinem Stromer-Bike, selbst wenn ich unseren Sohn Luam dabeihabe oder halt zerzaust zu einem Fotoshooting komme (lacht). An den Autosalon nach Genf bin ich im Zug gefahren. Aber ich fliege zu viel. Früher als Snowboard-Profi sowieso, heute für Ferien und die Familie auch. Marc gibt während zehn Wochen im Jahr überall auf der Welt seine Kitesurf-Kurse, sogenannte Wave Clinics. Zuletzt waren wir mit Luam in Indonesien, wo Marc eine Zeit lang gelebt und ein Haus gebaut hat. Auch jetzt leitet und macht er einen grossen Teil des Umbaus selber.

Und Auto fahren?
Wir haben ein Auto, aber noch kein Elektroauto. Das ist der nächste Schritt. Die Ladestation via Solarpanels beim Haus haben wir jetzt bereits eingeplant.

Zurzeit reden alle vom Klimawandel, auch viele Jugendliche. Wenn Sie 15 wären, würden Sie ebenfalls fürs Klima streiken?
Vielleicht. Schon als Jugendliche hatte ich eine rebellische Ader und wollte etwas bewegen. Auf jeden Fall freue ich mich sehr über deren Engagement und auch, dass die Kraft der sozialen Medien für einmal positiv eingesetzt wird. Schliesslich ist ein intaktes Klima wie die Gesundheit der Grundstein der Menschen.

Machen Sie sich Sorgen?
Ja, sehr! Wir müssen handeln, auch wenn es vielleicht schon zu spät ist. Im Vergleich zu anderen Weltregionen haben wir in der Schweiz noch ein Luxusproblem. Doch wir sollten damit rechnen, dass es künftig vermehrt Klimaflüchtlinge geben wird.

Sie engagieren sich als Präsidentin der Schneesportinitiative GoSnow.ch dafür, dass Jugendliche in der Schweiz den Wintersport entdecken. Warum?
Weil der Schneesport zur DNA, zum Kulturgut der Schweiz gehört. Eine Woche Skilager bringt einen grossen Mehrwert für Schüler. Und ich finde, dass jedes Kind in der Schweiz, egal woher es kommt, die Berge und die Faszination Schnee kennenlernen sollte. Das ist unsere Vision, das ist meine Mission. Ich erlebe das jetzt gerade bei Luam. Er ist drei Jahre alt, zuerst habe ich ihn aufs Brett gestellt, jetzt auf die Ski – er hat einfach Freude daran. An der Bewegung, am Gleiten, an der Geschwindigkeit. Mein erster Schneesport war übrigens mit zwei Jahren Langlauf in Norwegen.

Tanja Frieden mit Marc Ramseier 2019

Ressourcenschonend: Tanja Frieden saniert mit ihrem Partner Marc Ramseier ihr Elternhaus – und setzt auch auf 3S-Solarpanels aus Thun. 

Keystone

Wo gehen Sie am liebsten snowboarden oder Ski fahren?
Wenn möglich im Berner Oberland, hier hats für alle etwas: Hasliberg, Schilthorn, Grindelwald First, Adelboden, Niederhorn. Und mit Luam gehe ich gerne nach Aeschi oder ins Diemtigtal.

Aeschi und Diemtigtal sind kleine, tiefer gelegene Skigebiete, die wegen des Klimawandels gefährdet sind. Wird man da in zwanzig Jahren noch Ski fahren können?
Ich weiss es nicht, und das macht mich auch traurig. Diese kleinen Skigebiete sind extrem wichtig für Familien, für den sozialen Austausch. In Aeschi sind jeweils alle Generationen am gleichen Lift. Und diese Skigebiete sind auch Zulieferer für die grossen. Deshalb wünsche ich mir etwas mehr Solidarität, eine stärkere Zusammenarbeit. 

Vielleicht werden wir den Winter in Zukunft so gar nicht mehr erleben.
Winter wird es in der Schweiz immer geben, aber er wird anders sein. Vielleicht mit mehr Schnee in einer kürzeren Zeit, und dann wird es wieder warm. Oder es verschiebt sich die Saison. Darauf müssen wir uns als Gesellschaft einstellen und unsere Winterferien im März machen, wenn die Bedingungen oft am besten sind.

Bei der FIS gibts viele blinde Flecken, nicht nur in der Klimapolitik

Was halten Sie für die grössere Herausforderung für den Schneesport: den Klimawandel oder die Kinder auf die Pisten zu bringen?
Ganz klar den kulturellen Wandel. Heute hat die Jugend viel mehr Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten. 

FIS-Präsident Gian Franco Kasper glaubt nicht an den Klimawandel.
Seine realitätsfremden Aussagen schockieren mich total. Aber bei der FIS gibts viele blinde Flecken, nicht nur in der Klimapolitik.

Welche Rolle spielt überhaupt der Spitzensport? Sind Skifahrer noch die Helden für die Jungen?
Ja, sicher! Gestern sagte mir ein junger Skifahrer aus der Region, dass er beim Abschlussrennen auf der Engstligenalp unbedingt aufs Podest wolle – weil dort Beat Feuz die Medaillen überreiche. Wenn ich so etwas höre, bekomme ich Hühnerhaut. Dieser Bub will wegen Beat Feuz eine Medaille holen, selbst wenn er im Ranking zurückliegt. Unsere Sporthelden sind mutig, riskieren viel, geben alles. Und was tun wir als Gesellschaft?

Was?
Wir versinken im Mittelmass. Dabei sollten wir doch unserer Jugend andere Werte vermitteln, sie ermuntern, auch Ausserordentliches zu leisten. So finde ich, dass wir es verpasst haben, mit Olympischen Spielen in der Schweiz etwas zu bewegen.

Wie bitte?
Ja, bei Olympia geht es – wie beim Klima – um unsere Zukunft, um unsere Jugend. Wir müssen doch zeigen, was möglich ist! 

Und das IOC macht da mit?
Im Endeffekt ja! Es bleibt ihm ja nichts anderes übrig. Sonst finden Olympische Spiele nur noch in Diktaturen statt. Heitere Fahne, jetzt kommt mir wieder dieser Kasper in den Sinn, und das ärgert mich. Denken Sie nur an Lillehammer 1994, das war nachhaltig! Aber Sotschi 2014, Winterspiele am Meer, das geht gar nicht!

Apropos Lillehammer: Norwegen, das Wintersportland Nummer eins, ist Ihre zweite Heimat. Aber klimapolitisch gesehen sind dort die Widersprüche gross: einerseits ein Land mit Erdöl, anderseits führend in der Elektromobilität, weil Elektroautos steuerlich und mit Gratis-Parkplätzen gefördert werden.
Ja, Erdöl ist das eine, aber etwas provokativ kann ich sagen: Norwegen ist eines der führenden Länder, auch weil mehr Frauen in der Politik sind und weil Frauen anders denken – weniger ich, mehr wir. Und bildungspolitisch ist Norwegen, ja ganz Skandinavien fortschrittlicher als die Schweiz. Man hat weniger Angst vor Veränderungen, man ist mutiger.

Sind Sie mehr Norwegerin oder mehr Schweizerin?
Das frage ich mich manchmal auch (lacht). Aber meine Mutter war sicher sehr prägend. Und mein Vater hat sich damals wohl auch in diese Offenheit meiner Mutter verliebt. 

Von Stefan Regez am 16. März 2019