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  4. Klimastreik: «Meteo»-Mann Thomas Bucheli über Klima und Wetter

Thomas Bucheli zum weltweiten Klimastreik

Der Klimawandel ist nicht an jeder Katastrophe schuld

Hagelgewitter, Hochwasser, Hitzesommer: Die globale Erwärmung erklärt alles. Oder doch nicht? SRF-Meteorologe Thomas Bucheli weiss: Es ist nicht ganz so einfach! Und liefert zum weltweiten Klimastreikam 15. März, gewohnt anschaulich, eine Erklärung. 

Thomas Bucheli 2019
Denkpause: Thomas Bucheli, 57, vor dem SRF-Hauptsitz im Leutschenbach. Der TV-Meteorologe studierte an der ETH Zürich unter anderem Klimatologie und Atmosphärenphysik.    Martin Guggisberg

«It is not easy.» So sprach mein Meteorologie-Professor an der Universität in Reading bei London, wenn wir wieder mal ein besonders verworrenes Wetterereignis zu ergründen versuchten. Trotz ETH-Abschluss in Atmosphärenphysik musste ich damals von einem ‹alten Hasen› erst lernen, dass die Praxis mitunter noch viel komplizierter ist als die Theorie. Gerade beim Wetter. Doch heute scheint alles ‹very easy›: ein Hagelgewitter über dem Gürbetal, Wirbelstürme über den Philippinen? Die Erklärung ist offenbar simpel: Der Klimawandel ist schuld!

So jedenfalls tönt es gerne aus den Medien. Als ob das Klima das Wetter macht. Dabei ist es gerade umgekehrt: Zuerst gibt es Wetter. Und dieses darf – mit Verlaub – machen, was es will. Das Klima kommt erst nachher. Nach einer Zeitspanne von 30 Jahren Wettermessung wird abgerechnet, wird Statistik gemacht. Typische Klimagrössen sind Mittelwerte, Häufigkeiten, Rekorde des Wetters. Sie beschreiben die Vergangenheit und sagen nichts über die Zukunft. Das aktuelle Wetter ist hier und jetzt – und hat sich um diese Statistik nicht zu kümmern. Im Prinzip.

Wobei: Das momentane Wetter kann natürlich mit Klimawerten aus früheren Zeiten verglichen werden. War es schon mal solange so heiss? Wie häufig kam es damals zu Überschwemmungen?  Sind Gewitter heftiger geworden? 

Auf unserer Erde spielt das Wetter immer 

irgendwo verrückt

Solche Fragen zeigen: Wetter war schon seit je nicht nur lieblich und nett. Unzählige Relikte erzählen von vergangenen Überschwemmungen, von Erdrutschen und Felsstürzen. Auch die historisch hohen Gletscherstände aus der Kleinen Eiszeit sind keineswegs Zeugen von paradiesischen Verhältnissen.

Die anhaltende Kältewelle ab dem späten Mittelalter brachte Hunger, Seuchen, Not und Tod. Und heute? Sind Hurrikane über Florida oder Murgänge in den Alpen schlimmer als damals?

Vermutlich schon! Denn heute leben ungleich mehr Menschen auf unserer Erde. Unsere Verletzlichkeit ist viel grösser als zur Römerzeit, die Infrastruktur massiv teurer als noch vor 500 Jahren und der Lebensraum beschränkter und kostbarer als noch Anfang des letzten Jahrhunderts. Es ist eng geworden auf unserem Planeten. Die Folgen von Unwettern schlagen zu Buche – in jeder Hinsicht. Die Medien sind stets dabei.

«Ohne den natürlichen Treibhauseffekt wären wir alle nicht da»

Auf unserer Erde spielt das Wetter immer irgendwo verrückt. Das daraus abgeleitete Klima blieb über die vergangenen Jahrhunderte, Zehntausende oder gar Millionen von Jahren aber nirgendwo stabil. Verantwortlich für Klimaschwankungen sind: Kontinentalverschiebung, Änderung der Sonneneinstrahlung, Vulkanausbrüche – und veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre.

So besteht unsere Luft unter anderem aus Kohlendioxid, Methan, Lachgas und Wasserdampf. Diese Gase haben grosse Durchlässigkeit für das einfallende Sonnenlicht. Anderseits bilden sie eine wirksame Barriere für die austretende Wärmestrahlung. Diese Eigenschaft macht sie zu den sogenannten Treibhausgasen. Ohne diesen natürlichen Treibhauseffekt wäre es auf unserer Erde massiv kälter – wir wären alle nicht da. Das ist Physik!

Thomas Bucheli 2019
Routinier: Seit 1992 steht Bucheli als «Wetterfrosch» vor der Kamera, seit 1995 leitet er das «Meteo»-Team. Seine Auf- und Abtritte: stets souverän! Martin Guggisberg

Kohlenstoff ist der wichtigste Rohstoff für unsere Existenz. Davon gab es genügend in unserer Atmosphäre, und zwar in Form von viel Kohlendioxid. Es war damals entsprechend heiss. Die ersten Mikroorganismen und späteren Pflanzen – das beginnende Leben auf unserer Erde – labten sich von diesem Gas. Sie atmeten es ein, trennten mithilfe des Sonnenlichtes den Kohlenstoff vom Sauerstoff, bauten Ersteren in ihre Biomasse ein und hauchten Letzteren zurück in die Luft. Das Fazit: Die Atmosphäre verlor an Kohlendioxid und gewann an Sauerstoff. Die Temperatur der Erde sank kontinuierlich auf den heutigen Stand. Das Leben gedieh – der Mensch ebenso.

Wo ist der damals eingefangene Kohlenstoff heute? Er liegt über Jahrmillionen gespeichert in der Erde – in Form von Erdöl, Kohle, Erdgas. Respektive: Er lag dort. Denn seit rund 200 Jahren fördern wir diesen Kohlenstoff aus den uralten Lagerstätten, holen ihn raus und verbrennen ihn mithilfe des atmosphärischen Sauerstoffs wieder zu Kohlendioxid. Was die Natur vor Millionen von Jahren getrennt hat, führen wir wieder zusammen. Menschgemacht!

«Gebt nicht für jede Katastrophe dem Klimawandel die Schuld»

Die Folgen: Es wird wärmer. Wärmer heisst mehr Energie. Heisst das auch mehr Unwetter, mehr Rekorde? Natürlich. Denn Wärme ist Doping für gewisse Arten von Wetter, andere Extreme werden dafür seltener: Das Klima ändert sich. Dieser Wandel bedeutet Stress nicht nur für uns Menschen, sondern für die gesamte Natur und Umwelt. Und da die Welt ohnehin nicht im Lot ist, verstärkt der Wetterstress unsere Not.

Trotzdem rate ich den Umweltvertretern: Gebt nicht für jede Wetterkatastrophe reflexartig dem Klimawandel die Schuld. Und an die Adresse der ‹Klimaskeptiker›: Sagt nicht bei jedem Unwetter, ‹das gab es früher schon›. Wenn bei Ihnen zu Hause heute Abend am Stubentisch ein lautes Wort fällt, dann ist das ‹Wetter›. Das kann und darf passieren, ist normal und geschieht in jeder Familie. Sollten Sie aber über die Jahre feststellen, dass laute Worte bei Ihnen immer häufiger werden, dann müssen Sie wohl von einem Klimawandel sprechen. Spätestens dann sollten Sie etwas unternehmen; es soll ja nicht weiter eskalieren. Ziemlich einfach, oder?

Von Thomas Bucheli am 15. März 2019