Aus dem Dornröschenschlaf erweckt Schriftsteller Tim Krohn möbelt eine 400-jährige Chasa auf

Schriftsteller Tim Krohn zog vor drei Jahren ins Münstertal. In Santa Maria GR haucht er einem alten Palazzo neues Leben ein. Mit Crowdfunding: 70'000 Franken benötigt er für die Heizung. Als Belohnung winkt lebenslange Gastfreundschaft an einem Ort voller Magie.
Tim Krohn
© Caroline Micaela Hauger

Viel Arbeit! In der Chasa Parli sollen Kunsträume für Musiker und Maler entstehen.

Die Winternächte im Münstertal sind kalt. Dafür wärmen eine Million Sterne das Herz. Wer die 400-jährige Chasa Parli in Santa Maria betritt, spürt den Zauber der Vergangenheit. Vor 30 Jahren wurde die Bibel im Lesezimmer zugeklappt. Seither ist das Haus unbewohnt. Das Gefühl, der Pfarrer hätte es nur kurz verlassen, um Besorgungen zu machen, begleitet einen auf Schritt und Tritt.

Ob Schaukelpferd, Holzschlitten, Louis-Trenker-Rucksack, Bettgestelle, Ahnengalerie, gefaltete Bettwäsche in prächtig bemalten Bauernschränken: Die Besichtigungstour gleicht einer musealen Reise und entlockt den Gästen ständig neue «Ahs» und «Ohs». Dass das Bijou noch steht, grenzt an ein kleines Wunder: Fast hätte es einem grossen Parkplatz weichen müssen, weil es davon im Dorf zu wenige gibt.

Tim Krohn
© Caroline Micaela Hauger

Guter Geist: Der bäuerliche Charme von Santa Maria verzauberte Tim Krohn und seine Familie.

Ein Ort mit guten Vibes

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt hat das historische Bauernhaus Tim Krohn, 52. Vor drei Jahren zog der Glarner Schriftsteller mit seiner Familie ins Val Müstair. Die Familie Parli, die das Gebäude von Generation zu Generation weitervererbte, mochte Krohns Romane («Vrenelis Gärtli», «Quatemberkinder», «Einsiedler Welttheater 2013», «Herr Brechbühl sucht eine Katze»). Und so fragten sie diesen Sommer den Schriftsteller und seine Frau Michaela Friemel, die ebenfalls Romane schreibt, ob sie es nicht kaufen wollten.

Warum nicht? Die Krohns hatten schon verrücktere Ideen. Ein offenes Haus, ein Kraftort fürs kleine Budget soll es einmal werden. Seither arbeiten sie Tag und Nacht an der Verwirklichung ihrer Vision. «Es ist ein Ort mit guten Vibes», sagt Tim Krohn im Arven-Stübli, als könne er durch die Wände hindurch in die Lebensgeschichten der Bewohner eintauchen. Es sind Geschichten vom Kommen und Gehen, Geborenwerden und Sterben, voller Ironie und Heiterkeit – so wie er sie selber gerne erzählt.

Tim Krohn
© Caroline Micaela Hauger

Schatzkammer: Das 400-jährige Haus Parli stand 30 Jahre leer. Zuletzt wohnte der Pfarrer hier.

Ein Ort der Kreativität

Schon im nächsten Sommer sollen hier Menschen wohnen, die in Frieden arbeiten und als Musiker, Maler, Fotograf und Schriftsteller in Freiheit denken und ihre Kreativität ausleben wollen. Einsam sind sie dabei nicht. So wie auch Tim und Michaela mit ihren Kindern Milo, 4, Zilla, 3, und Carlotta (3 Monate) seit ihrer Ankunft nie einsam waren. «Seid ihr verrückt, an den Arsch der Welt zu ziehen?», wurden sie von Freunden gefragt. «Das ist doch das totale Abstellgleis!» Oder: «Sind die Münstertaler nicht träge?» – «Gott sei Dank sind sie das», antwortet Tim Krohn jeweils. «Trägheit hat uns schon vor manchem Unsinn bewahrt. Überall wird nur noch auf Effizienz, Profit und Angepasstheit geschaut.

Die Menschen hier gehen hingebungsvoll, uneitel und arbeitsam ihren Aufgaben nach. Sie sind kauzig, aufrichtig und liebenswert. Irgendwann zahlt sich aus, dass sie nicht jeder Mode, jeder Angst und jeder oberflächlichen Verlockung hinterherrennen.»

Die Krohns zahlten fast eine halbe Million Franken für die Chasa

Tim Krohn wählt seine Worte mit Bedacht. Man spürt das innere Feuer. Eigentlich müsste es ja im braunen Kachelofen lodern, an dem sich während der Grenzbesetzung 1914/16 die Soldaten wärmten. Unten im Stall frassen 90 Pferde Hafer und Heu. Doch der Ofen im Wohnzimmer bleibt kalt – wie alle anderen Heizkörper im Haus Parli.

Tim Krohn
© Caroline Micaela Hauger

Wie zu Grossmutters Zeiten: Autor Krohn renoviert sanft. Die Schlichtheit von Haus Parli soll bewahrt werden.

Eine knappe halbe Million Franken zahlten Krohns für die Chasa, die zu den schönsten im ganzen Tal gehört. Jetzt ist ihr Privatvermögen aufgebraucht. Eine zündende Idee musste her. «Warme Füsse für die Kunst» heisst das Crowdfunding-Projekt, das Tim Krohn und Michaela Friemel auf der Internet-Plattform «wemakeit» lancierten. Noch bis 21. Dezember ist man ab 25 Franken als Gönner dabei. Wer tiefer ins Portemonnaie langen will, wählt zum Beispiel das «Kleine Abenteuer zu zweit». Man erhält dafür Kost und Logis und eine Gute-Nacht-Geschichte – vom Hausherrn höchstpersönlich erzählt. Die «Ewige Sommerliebe» kostet 12 000 Franken, ist der Jackpot und nur einmal zu vergeben! Als Belohnung winken lebenslange Ferienwochen. Dazu wird man ein Leben lang von der Familie geliebt. 

Tim Krohn
© Caroline Micaela Hauger

Papa aus Leidenschaft: «Die Kinder sind glücklich hier.» Tochter Zilla geht in die Spielgruppe.

20 Jahre wohnten Krohns im Zürcher Multikulti-Quartier Kreis 5. «Unsere Kinder sollten an einem schönen Ort mit Garten aufwachsen.» Und so stiessen sie 2014 per Zufall auf ein Inserat. Das heruntergekommene Haus befand sich in Santa Maria Val Müstair. «Ein Jahr lang teilten wir die Räume mit den Handwerkern.» Das Gebäude war uralt, finster, verschmutzt und bis unters Dach vollgestopft.

Seit der Falsche gehängt wurde, spukt es im Dorf

Dass es im Gebäude nebenan spuken soll, ist einer wahren Begebenheit zu verdanken. Vor 250 Jahren legte der Vorbesitzer einen Brand, der 14 Häuser erfasste. Und er blockierte den Löschwasserkanal. Gehängt wurde ein Fremder, der dort zufällig seine Jacke vergessen hatte. Seither treiben Geister ihr Unwesen.

Das Schmuckstück ist ein Mehrgenerationenhaus. Die Familie ist gut integriert: «Wir hätten es uns nicht schöner erträumen können.» Auch die Eltern von Michaela und Tims 85-jährige Mutter leben mit ihnen unter einem Dach. Um der Dame im Erdgeschoss ein Bad zu ermöglichen, lancierte Krohn 2015 sein waghalsigstes literarisches Projekt.

Tim Krohn
© Caroline Micaela Hauger

Unter einem Dach: Krohn und seine Frau Michaela, die Kinder Milo, Zilla und Baby Carlotta, Mutter Marlies und die Schwiegereltern Magdalena und Otmar.

Aus einem Katalog von 1000 «menschlichen Regungen» konnte man sich von «Aalglatt» bis «Zynismus» ein Gefühl aussuchen und bekam für 250 Franken eine Story geschenkt. Die 130 Geschichten sind nachzulesen in Krohns ersten beiden Serien-Romanen. Mit jeder Geschichte taucht man in einen neuen Kosmos der Gefühle ein. Wie in einer alten Chasa, wo sich immer neue, spannende Räume auftun.

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