Zwanzig Behauptungen an Tom Lüthi «Mein Töff hat keine Seele»

Den WM-Titel vor zwölf Jahren konnte Tom Lüthi kaum geniessen. Jetzt wäre der Emmentaler Moto2-Pilot bereit. Und nächste Saison gehts endlich in die MotoGP.
Tom Lüthi
© Christoph Köstlin

Tom Lüthi: «Ohne Helm bin ich ein anderer Typ. Wenn ich das Visier zuklappe, kippt ein Schalter, und ich bin im Rennmodus.»

Bereits zwölf Jahre ist es her, seit Motorradfahrer Tom Lüthi in der 125ccm-Klasse überraschend Weltmeister wurde. In der schnelllebigen Sportwelt eine halbe Ewigkeit. Und noch immer jagt der Emmentaler auf den Rennstrecken dieser Welt zwei grossen Träumen hinterher: Dem WM-Titel in der Moto2 und dem Aufstieg in die Königsklasse MotoGP.

Der eine erfüllt sich für den 30-Jährigen definitiv: Ab nächster Saison fährt Lüthi für das Team MarcVDS Honda in der höchsten Rennkategorie. Das könnte ihm den nötigen Schwung verleihen zum Titelgewinn in der Moto2. In elf Saisonrennen (Stand 15. August) steht er diese Saison neun Mal auf dem Podest und liegt sieben Rennen vor Saisonschluss 26 Punkte hinter Leader Franco Morbidelli auf Rang zwei. Der Italiener wird in der MotoGP vom Gegner zum Teamkollegen Lüthis.

In seiner Karriere wurde Lüthi schon wie ein Held gefeiert, fallengelassen, wieder hochgejubelt, abgeschrieben und wieder beklatscht. Auf der Rennstrecke hat er sich trotz Verletzungen, Unfällen, Teamwechseln, Materialproblemen und Formtiefs immer wieder zurückgekämpft. Wir wollten wissen, ob er unsere zwanzig Behauptungen mit genauso viel Geduld und Hartnäckigkeit zu kontern weiss.

1. Sie sind in der Form Ihres Lebens!
Stimmt. Ich kann nun die Teile, an denen ich jahrelang gearbeitet habe, zusammenfügen. Zum einen hatten wir kaum Veränderungen im Team, mein Cheftechniker ist geblieben. Ruhe und Kontinuität sind wichtig. In der Moto2 kann jeder fahren, es kommt auf Details an. Dann hatte ich Glück, dass ich ohne Verletzung in die Saison starten konnte. Körperlich war ich noch nie so fit. Das wirkt sich auch mental aus. Schon als Bub hörte ich von meinem Vater: 70 Prozent spielen sich im Kopf ab. Damals wusste ich noch nicht, was er meint, heute weiss ich, dass er recht hat.

2. Ihnen klopfen heute Leute auf die Schulter, die Sie schon lange abgeschrieben hatten.
Ja, die gibt es. Es sind oft die gleichen, die einem in einer Krise kritisieren, die sich im Rampenlicht sonnen, wenns wieder läuft und sagen: Ich hab immer gewusst, dass du es nochmals bringst! Aber das ist mir mittlerweile egal.

3. Alles andere als der WM-Titel wäre eine Enttäuschung.
Das nicht. Aber es ist das logische Ziel, nach dem zweiten Rang im letzten Jahr. Ich will gewinnen. Aber Morbidelli ist sehr stark, konstant und vor allem extrem ruhig – er wird nicht nervös! Ich bin nun darauf angewiesen, dass er auch mal Fehler macht.

Tom Lüthi
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Lüthi fährt am GP Katalonien im Juni auf den 3. Rang. Im Feiern hat er Übung: Es ist der 6. Podestplatz im 7. Saisonrennen.

4. Im Motorradsport ist eine gewisse Aggressivität nötig. Das entspricht nicht Ihrem Naturell.
Stimmt. Ohne Helm bin ich ein anderer Typ. Wenn ich das Visier zuklappe, kippt ein Schalter, und ich bin im Rennmodus. Das musste ich lernen. Der Start und die ersten Runden waren meine Schwachpunkte. Da braucht man Ellbogen!

5. Sie sind nicht mehr so mutig wie vor zehn Jahren.
Jein. Der Mut, den ich einsetze, ist stärker kalkuliert, während es in jungen Jahren auch jugendlicher Leichtsinn war. Jetzt ist es überlegter, aber nicht weniger mutig. Gewisse Leute haben das Gefühl: Augen zu und durch, noch später bremsen und voll drauflos sei das Rezept. Falsch. Ich muss aggressiv fahren und trotzdem mit dem Kopf. Eine Gratwanderung.

6. Der Sturz am GP von Deutschland Anfang Juli war der bitterste Moment Ihrer Karriere.
Nein, ganz klar nicht! Ich habe um den Sieg gekämpft und bin gestürzt. Ein harmloser Ausrutscher ohne gesundheitliche Folgen. Ich habe im Kiesbett kurz geflucht, das wars. Viel schlimmer ist es, wenn ich hinterherfahre. Ich muss ans Limit gehen, das wird von mir erwartet. Um zu gewinnen und um den Töff weiterzuentwickeln.

7. Die Angst, einen schweren Unfall zu haben, fährt immer mit.
Nein. Angst macht langsam. Respekt vor Geschwindigkeit und Gegner sind wichtig. Wenn daraus Angst wird, muss ich aufhören. Ich bin gut trainiert und geschützt. Wenn ich stürze, weiss ich, was ich zu tun habe: Mich möglichst weit vom Töff trennen, damit ich nicht drunterkomme, die Arme zum Körper nehmen, statt zu versuchen, den Aufprall abzubremsen.

8. Sie reden heimlich mit ihrem Töff.
Nein! Es gibt wirklich krass abergläubische Fahrer, die von ihrem Töff reden, als wärs die Freundin. Diese Vermenschlichung finde ich bizarr: Es ist eine Maschine, eine sehr coole Hightechmaschine, aber eine Maschine. Mein Töff hat keine Seele! Beim Fahren fluche ich höchstens mich selber an.

Tom Lüthi
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Tom Lüthi: «Angst macht langsam. Ich muss aggresiv fahren, aber trotzdem mit dem Kopf. Eine Gratwanderung.»

9. Für Ihren WM-Titel in der 125er-Klasse 2005 wurden Sie wie ein Nationalheld gefeiert. Die letzten Jahre haben Sie aber mehr geleistet.
Das sehe ich auch so, ja. Damals habe ich Rennen gewonnen, ohne zu wissen, warum. Da kommt sie wieder, die Unbeschwertheit! Heute weiss ich genau: Hier haben wir das oder das verändert, darum war ich schnell. Ich bin damals einfach gefahren und Weltmeister geworden. Der Rummel und der Hype waren too much. Schliesslich war es gar kein so schöner Moment für mich. Erst als ich zu Hause war mit meiner Familie und Freunden, konnte ich es geniessen. Ich war echt nicht darauf vorbereitet. Heute wäre das anders (lacht).

10. Dass Sie damals vor Roger Federer Sportler des Jahres geworden sind, war Ihnen unangenehm.
Vielleicht tatsächlich ein bisschen. Ich meine, Roger Federer, der Beste der Besten! Aber wenn ich zurückschaue, bin ich extrem stolz. Ich wurde vom Volk gewählt und freue mich über die Anerkennung.

11. Dass es mit dem Aufstieg in die MotoGP so lange nicht geklappt hatte, liess Sie zweifeln.
Nein. Es gab Situationen, in denen es schwierig war. Als jüngere und weniger erfolgreiche Fahrer den Sprung geschafft hatten und ich wieder übergangen worden war. Ich dachte, wieso der und ich nicht? Aber ich zweifelte nicht. Alles, was ich machen konnte, war, schnell zu fahren.

12. Sie mussten nicht gleich gut, sondern besser sein als ein Italiener, Spanier oder Japaner, um einen Platz zu bekommen.
Ja, der Markt spielt eine Rolle, und die Schweiz ist ein kleiner Fisch. Darum hatte ich die Chance zuvor nie. Aber ich bin stolz, mein Land im MotoGP vertreten zu können.

13. In Ihrer Sportart gehts mehr um Geld als um Leistung.
Das würde ich nicht behaupten. In der Formel 1 ist es anders. Dort sieht es – von aussen zumindest – so aus, als könnten extrem reiche Leute ein Cockpit kaufen. Bei uns gibt es vielleicht einen Fahrer, der den Platz in der Königsklasse mehr oder weniger gekauft hat. Die anderen sind durch Leistung dorthin gekommen.

14. Sie sind zu alt für die MotoGP.
Vor einigen Jahren ist der Jugendwahn ausgebrochen, auch in der Moto2. Doch Valentino Rossi, mein grosses Vorbild, beweist mit 38 das Gegenteil. Wenn Gesundheit und Motivation stimmen, ist das Alter nicht limitierend.

15. Motorradsport ist Männersache!
Das ist wohl so. Keine Frau konnte sich bisher durchsetzen. Eine Spanierin fährt in der Moto3, ohne Chance. Im Motocross gibts eine Frauen-WM. Körperlich ist das happig. Ich mache das als Training und weiss darum etwa, wie es sich anfühlt.

16. Dass jeder das Gefühl hat, Sie schulden ihm Zeit und ein Selvie, nervt Sie.
Nein. Manchmal ist es nicht der richtige Zeitpunkt. Aber generell ist der Kontakt zu den Fans schön, und der Support hilft mir extrem. Kürzlich im Fitness zum Beispiel, besuchte ich den Kinderhort. Dort haben mir alle Kinder eine Zeichnung von mir und meinem Töff geschenkt. Sie hatten eine solche Freude, und ich auch. Oder in Ägypten, wo ich seit Jahren Kitesurf-Ferien mache, hat mir ein Angestellter ein besticktes T-Shirt geschenkt mit meiner Nummer 12. Das sind schöne Momente.

Tom Lüthi
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Tom Lüthi beim WM-Rennen in Le Mans im Mai in Führung. Am Schluss wird Lüthi Dritter.

17. Sie haben in Ihrer Karriere so viel verdient - Sie müssten danach nie mehr arbeiten.
Kommt auf den Lebensstil an (lacht). Ich muss wohl schon irgendwann noch arbeiten. Das will ich auch. Zukunftsgedanken sind immer wieder da. Doch zu stark will ich mich noch nicht damit befassen, um den Fokus nicht zu verlieren. Ich will noch einige Jahre Töff fahren.

18. Sie schlagen nie über die Stränge.
Stimmt nicht. Ich geniesse das Leben und gehe gern einmal mit meinen Jungs weg. Es ist mir egal, was andere darüber denken. Ich war schon im Ausgang und hatte am ganzen Abend ein einziges Bier, und es gab ein dummes Geschwätz – allen recht machen kann man es sowieso nicht. Ich muss auch mal locker lassen. Es macht müde, wenn man ständig nur den Sport im Kopf hat und denkt: Ich darf kein Glas Wein trinken, darf dieses nicht und jenes nicht.

19. Bei Ihnen gibts Proteinshakes und Quinoa statt Pommes und Cordon Bleu.
Nein. Mal Cordon bleu und Pommes – sehr gern. Wir müssen ja nur ein Mindestund kein Maximalgewicht haben (lacht). Aber um das Maximum herauszuholen, ist gesundes Essen – und da gehören die richtigen Shakes dazu – wichtig.

20. Echte Freundschaften unter Konkurrenten sind unmöglich.
Für mich ist das so, ja. Meine echten Freunde sind immer noch die gleichen seit Kindertagen. Das ist eine andere Ebene als mit Rennfahrer-Kollegen. Ich mache diese Trennung nicht bewusst. Aber mit Freunden verbindet mich mehr, als ein bisschen zusammen auf dem Rennplatz zu sein.

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