Der YB-Held im Gespräch mit Kabarettist Bänz Friedli Guillaume Hoarau: «Ich wär lieber ein besserer Papa»

In seinem Programm «Ke Witz» verhandelte Autor und Kabarettist Bänz Friedli das ewige Scheitern von YB. Für die «Schweizer Illustrierte» traf er Guillaume Hoarau, den Mann, der gestern Dienstag den Einzug in die Champions League erspielt hat. 
Guillaume Hoarau SI Shooting YB-Meisterfeier Ausgabe 21/2018
© Geri Born

Rock 'n' Roll: Die gelb-schwarze Fender-Gitarre gehört dem Fotografen. Guillaume Hoarau spielt dieselbe Marke.

Federnd schreitet er durch die Gänge des Stade de Suisse, grüsst lässig, posiert für Selfies und sieht aus, als käme er direkt von einem Laufsteg: Fila-Schuhe, die Socken über die beige Hose gestülpt, blaues Sakko, rote Mütze, darunter lugen die blondierten Haare hervor, und ein freundlich neugieriges Gesicht. Der imposante Schlaks ist der Rockstar des Schweizer Fussballs. Er schoss YB und ganz Bern gestern Dienstag in den Fussball-Himmel — mit zwei Toren in die Champions League. Bänz Friedli und Guilliaume Hoarau führten das Interview im Mai 2018 vor dem Cupfinal gegen den FCZ.

Guillaume Hoarau, stimmt es, dass Blonde – wie Rod Stewart sang – mehr Spass haben?
Ich wollte ein Zeichen setzen und hab den Garçons gesagt, dieses Jahr färbe ich mir die Haare blond. Alle wollten mitmachen.

Sie taten es dann Wochen vor den anderen. 
Einer musste es halt ausprobieren. 

Typisch! Sie waren auch der Erste, der sagte, er wolle mit YB Titel gewinnen – vor eineinhalb Jahren, als niemand davon zu träumen wagte. 
Ich hatte das Gefühl, dass man sich etwas hinter der Überlegenheit von Basel versteckte, deshalb sprach ich es aus. Natürlich entstand dadurch ein gewisser Druck, aber manchmal brauchts den. Je ne regrette pas.  

Sie brachten die Mentalität, die Dinge auszusprechen, nach Bern.
Finden Sie? So bin ich halt. Ich mochte Floskeln nie. Basel schien unschlagbar, aber man soll doch sagen dürfen, dass man gewinnen will – mit aller nötigen Demut.

Sie sind der einzige Fussballer, der nach entscheidenden Toren zugibt, dass Sie sich für sich selber freuen. Dann fürs Team. Schliesslich für den Klub. Alle anderen heucheln: «Ich bin froh, konnte ich der Mannschaft helfen.»
Ich sondere keine auswendig gelernten Phrasen ab. Man hat mich auch gewarnt: «Pass auf, Gui! Die Leute werden denken …» Aber ich träume von einer Welt, in der «die Leute» nicht «denken». Ich bin ich.

Guillaume Hoarau SI Shooting YB-Meisterfeier Ausgabe 21/2018
© Geri Born

Ballkünstler: 13 Tore schoss der ehemalige französische Nationalspieler in der Rückrunde für YB.

Und Bern ist Bern! Wer hier sagt, er wolle gewinnen, wirkt schon arrogant. 32 Jahre lang flirtete man mit der Niederlage.
Stimmt, mit den Jahren hat sich das offenbar eingeschlichen. Dass wir nun gewonnen haben, wird das Niveau der ganzen Liga heben.

Von Züri-West-Sänger Kuno Lauener gibt es den legendären Spruch: «Rang zwöi isch ou suberi Büez.» 
Mais non! Der Zweite ist der erste Verlierer. Wir haben ein Ego und wollen nicht Zweite werden. Diesen Geist soll auch unser Meistersong «Stand Together, YB Forever!» rüberbringen. 

Danke dafür! Bern war sich solch fröhliche Lieder nicht gewohnt. Hier dominiert seit Jahrzehnten e-Moll.
Um einen neuen Song zu schreien, fehlte die Zeit. Also haben wir ein Lied aufgepeppt, das die Band Open Season und ich 2016 aufgenommen hatten. Auch die Rapper von Wurzel 5 machten mit. 

Wir führen dieses Gespräch auf Französisch. Sagen Sie mal etwas auf Berndeutsch!
Huere geil! 

Wir müssen uns bei Michael Frey bedanken. 
Ah bon?

Wäre er im Sommer 2014 nicht nach Lille gegangen, wären Sie nicht in Bern gelandet.
Eher müssten wir uns bei Marco Streller bedanken. Er liebäugelte im selben Sommer mit West Ham, blieb dann aber in Basel. Wäre er gegangen, hätte Basel mich wohl geholt. Stattdessen wurde es Bern. Ich kam an einem Punkt meines Lebens hierher, an dem ich Ruhe brauchte. Ich wohne auf dem Land, umgeben von Kühen, das ist super.

Verstehen Sie sich mit den Nachbarn?
Die sind total cool. Wir grillieren, singen und tanzen zusammen. YB erlaubt mir, nebenher meine Musik zu machen, solange die Leistung nicht leidet. Das wäre in Paris nicht möglich gewesen. 

Sehen Sie die Musik als zweite Karriere?
On verra. Ich trete gern vor Leuten auf, merke aber auch, dass es dazu grosser Arbeit bedarf. Momentan schaue ich mir viele Dokus an: über Kurt Cobain, Amy Winehouse, Avicii. Ihre tragischen Leben zeigen die Kehrseite des Popgeschäfts. Mir fällt es leichter, vor 30'000 Leuten Fussball zu spielen, als vor zehn Leuten zu singen.

Sie sind ein Rockstar des Fussballs. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll sind Ihnen aber nicht erlaubt.
Besser so. Die Disziplin, die der Fussball erfordert, könnte mir später helfen, mich im Griff zu behalten, sollte ich mich für die Musik entscheiden. Wer high ist, dem droht der Absturz. Ich bin wie Obelix als Kind in den Zaubertrank gefallen. Ich kann gut drauf sein, ohne Alkohol zu trinken und zu rauchen.

Behagt Ihnen die Rolle als Stimmungskanone vom Dienst?
Das bin schon ich, aber das heisst nicht, dass ich ständig ausgehe und feiere, wie das manche behaupten. Im Gegenteil. Ich gehe fast nie aus.

Guillaume Hoarau SI Shooting YB-Meisterfeier Ausgabe 21/2018
© Geri Born

Gelb-schwarze Leidenschaft: Autor und Kabarettist Bänz Friedli (l.) und Guillaume Hoarau im Stade de Suisse.

Gibt es denn auch den Guillaume, der einsam und traurig ist?
Ja, natürlich. Es gibt auch den Guillaume, der manchmal weint.

Wünschten Sie, dass man diese Seite mehr wahrnimmt?
Ich glaube, die Leute sehen schon, dass ich auch eine sensible Seite habe. Aber wenn man im Team ein Leader ist, muss man halt auch in schwierigen Momenten vorgeben, alles sei gut. Das fällt mir manchmal sehr schwer.

Ist denn der überschäumende Guillaume eine Art Schutz, um den privaten nicht zu entblössen?
Absolut, ja. Der lockere Gui ist keine Maske, aber ein Schutz. 

Nur nehmen manche wegen des Party-Images den Sportler nicht ernst.
Klar, wenn ich mich verletze, heisst es: Kein Wunder bei dem Lebenswandel! Aber solche Stimmen darf man nicht beachten. Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich halte mich an Nelson Mandela: Entweder gewinne ich – oder ich lerne daraus. Ich kenne keine Niederlage.

Wann sind Sie einsam?
Ich bin gern allein, aber oft vermisse ich die Grossfamilie, in der ich aufgewachsen bin. Meine Cousins sind meine besten Freunde. Diese Menschen, die mich gernhaben, kennen den wahren Gui.

Ihr Sohn wird bald zehn, er lebt bei seiner Mutter in Bordeaux.
Das ist sehr hart. Eigentlich wäre ich lieber ein besserer Papa als ein guter Fussballer. Leider gibt es im Leben auch Dinge, die wehtun. An dem Abend, als wir Meister wurden und das Stadion explodierte, waren überall jubelnde Kinder. Da hat es mich überwältigt, ich musste mich hinsetzen, mir kamen die Tränen. 

Das waren keine Freudentränen?
Alles kam zusammen: Freude, Erleichterung und Trauer. Zu Beginn der Saison hatte uns der Coach gebeten, eine Vision zu zeichnen und in unserem Spind aufzuhängen. Ich zeichnete meinen Sohn mit dem Meisterpokal. Und nun hätte ich mir so gewünscht, er hätte es miterlebt.

Spielt Ihr Sohn Fussball?
Er ist Torwart. Aber neuerdings liebäugelt er mit Tennis.

Macht er Musik?
Er hat mal ein bisschen Gitarre gespielt, aber es hat ihm nicht gefallen. Vielleicht kommt das später. Ich brachte mir das Gitarrenspielen erst bei, als er zur Welt kam und ich ihm Schlaflieder vorsang. 

Welches war der grösste Schritt in Ihrer Karriere?
Der Schwierigste war, von La Réunion nach Frankreich zu kommen, im Januar 2004. Überall Schnee! Ich hatte nie zuvor Schnee gesehen. Da war ich sehr allein und dachte: «Mein Traum war der Profi-Fussball, aber doch nicht das hier!» 

Wir glaubten den Rassismus überwunden, aber er ist überall. Mehr denn je

Haben Sie je Rassismus erlebt?
Frankreich ist ein Land, das auf Immigration beruht. Für mich gibt es keinen Rassismus, deshalb nehme ich ihn auch nicht wahr.

In Bern kursierte ein Bonmot, das besagte: «YB-Tor: von Ballmoos. Verteidigung: von Bergen …»
«Rest: von Afrika.» Ich sah es und habe gelacht.

Sie finden das lustig?
Überhaupt nicht. Aber Lachen ist die beste Antwort. Ich komme von einer Sklaveninsel. Wir glaubten den Rassismus überwunden, aber er ist überall, mehr denn je. Nur: Diejenigen, die sich über zu viele Dunkelhäutige im Team beschwerten, sind bestimmt die Ersten, die beim Meistertitel gejubelt haben. Wenn du gewinnst, hast du keine Farbe.

Heute früh habe ich mit «Torriecher» geduscht. Hat meine Frau mir geschenkt. 
Sie haben eine tolle Frau.

Sie sind der erste Fussballer in der Schweiz mit eigenem Duschgel. Wirkten Sie an der Kreation mit?
Man hat mir vier Duftnoten zur Auswahl gegeben. Ich durfte wählen.

Auch Ihre Rückennummer, die 99, ist zur Marke geworden.
Ich möchte in Bern wirklich Spuren hinterlassen. Und warum soll ich vom Erfolg nicht profitieren? Wer weiss, wann sie von mir die Schnauze voll haben. 

Ach, kommen Sie! Bern vergöttert Sie. Sie sind längst unsterblich wie Geni Meier, Robert Prytz, Martin Weber.
Um Himmels willen – wir haben nur einen Pokal gewonnen! Bald einen zweiten, hoffe ich. Bern hat mir einen neuen Karriereschub ermöglicht, und es ist toll, dass ich etwas zurückgeben konnte. Aber das Leben geht weiter. 

Was machen Sie in zehn Jahren? Trainer? Musiker?
Heute würde ich den Künstler bevorzugen. Ich bin nicht wirklich Musiker. Aber Entertainer. Ich liebe es, die Leute zu unterhalten. So, wie Sie es tun!

Ihr Lieblingssong?
Ich soll einen einzigen nennen? Unmöglich! 

Sagts, greift nach der Fender Antigua, die bereitsteht, und spielt eine hinreissende Version des Metallica-Titels «Nothing Else Matters». Man erwartete ein grosses Ego und hat einen bescheidenen Menschen kennengelernt.

Bedacht seine Wortwahl, elegant sein Französisch, reflektiert seine Aussagen. Er ist am Gegenüber interessiert, fragt zuletzt gar, wann er eine Vorstellung von mir besuchen könne.

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