«Sternstunde Philosophie»-Moderator Yves Bossart «Ich habe genauso existenzielle Krisen, Tiefs und Ängste wie alle anderen»

Seit einem Jahr moderiert Yves Bossart die SRF-«Sternstunde Philosophie» – so vereinfacht und vergnüglich, dass ihn auch sein Grosi versteht. Weil er fragt wie ein Kind: Warum? Der «Schweizer Illustrierten» verrät der Familienvater, wie er trotz vieler Gedanken abschalten kann.
Yves Bossart Porträt
© Bernard van Dierendonck

Nachdenker: Yves Bossart posiert in seiner Wohnung in Zürich vor den Bildern seines Vaters Markward. «Ich gebe auch mal zu, wenn ich etwas nicht weiss.»

Dieser Mann hat nichts mit dem Urbild des Philosophen zu tun: mit diesem alten Griechen namens Sokrates, der so hässlich war, dass er selbst Spässe darüber machte und auch im Winter keine Schuhe trug. Yves Bossart, 34, trägt Socken und Fünftagebart. Rasch knöpft er sich noch sein Hemd zu, dann bittet er in seine Dreieinhalbzimmer-Wohnung am Zürichberg: in eine geschmackvoll-schlichte Stube mit tiefem Sofa und langem Esstisch; im Kinderzimmer füttert Tochter Yonna, 1, ihren Stoffaffen, in der Küche schäumt Michaela Bossart, 34, Milchkaffee auf.

Seine Diskussionen erinnern an die von Sokrates

Sokrates und Bossart – zwei Männer, zwei Welten. Und doch haben sie etwas gemein: Sie verwickeln die Menschen in tiefschürfende Diskussionen; Sokrates auf dem Athener Marktplatz, Yves Bossart beim Schweizer Fernsehen. Seit einem Jahr moderiert Bossart jeden zweiten Sonntag die «Sternstunde Philosophie». 60 Minuten lang spricht er mit einem Gast über ein Thema, über die Liebe oder den Tod, und versucht, die Zuschauer für Philosophie zu begeistern.

Sternstunde Philosophie mit Yves Bossart und Gast Reinhold Messner
© Screenshot / SRF

Im Studio: Mit Extrembergsteiger Reinhold Messner (l.) spricht Yves Bossart über die Grenze zwischen Leben und Tod.

Bossart denkt über die grossen Fragen des Lebens nach

Aber was macht eigentlich ein Philosoph? Yves Bossart nimmt einen Schluck Milchkaffee, hält inne, zwei Sekunden, drei – man spürt, dass er den Abstand zwischen sich und dem Elfenbeinturm möglichst breit halten möchte. «Meinem Grosi», sagt er dann, «erkläre ich jeweils, dass ich über die grossen Fragen des Lebens nachdenke: Wofür soll ich leben? Was kommt nach dem Tod?» Es gehe ihm nicht um endgültige Antworten. «Aber ich hoffe, dass ich durch das Nachdenken die Welt, mich selbst und andere besser verstehe.»

Yonna sitzt im Tripp-Trapp-Hocker und versteht gerade nicht, warum sie den Reis mit der Gabel essen soll. Könnte sie schon sprechen, würde sie vielleicht fragen: Warum geht das nicht von Hand? Wer bestimmt das? Und warum muss ich überhaupt essen?

Yves Bossart mit Familie
© Bernard van Dierendonck

Im Kinderzimmer: Yves Bossart, 34, mit seiner Frau Michaela, 34, und Tochter Yonna, 1. «Dienstag ist Papi-Tag.»

Kinder seien kleine Philosophen, sagt Bossart: «Sie sind neugierig und wollen alles ganz genau wissen.» Dabei gäbe es Fragen, die man nur schwer oder gar nicht beantworten könne. «Das sind dann die wirklich philosophischen Fragen.»

Bei «Sternstunde Philosophie» gibts wenig Applaus

Yves Bossart als Kind – man muss sich ihn als Strahlebub mit Unterhalter-Charme vorstellen. «Wenn wir auf Besuch waren, habe ich mich jeweils so verausgabt, dass ich zu Hause weinend zusammengebrochen bin», erinnert er sich. Bis heute möchte er anderen gefallen. Aber bei einer Nischen-Sendung wie der «Sternstunde Philosophie» ist der Applaus leise. Ab und zu ein «Gratuliere» in der Migros oder im Tram.

Eigentlich wäre Yves Bossart gerne Arzt geworden. «Aber», gibt er unumwunden zu, «ich bin psychisch labil, wenn es um Blut und Elend geht.» Im Gymnasium entdeckt er die Philosophie, kommt nicht los von der Frage: Was ist überhaupt wirklich? Ein Joint tut das Übrige.

Yves Bossart mit Frau Michaela und Tochter Yonna
© Bernard van Dierendonck

Schaut her! «Seit Yonna da ist, entdecken meine Frau und ich den Zauber des Kleinen wieder.» Michaela arbeitet als Kommunikationsbeauftragte.

Als Kantilehrer diskutiert er mit Jugendlichen 

«Lerne, was dir Freude macht», sagen seine Eltern, als er sich für das Philosophie-Studium entscheidet. Nach dem Doktorat heuert er als Praktikant bei der «Sternstunde» an. Daneben unterrichtet er an der Kantonsschule Willisau Philosophie. Pubertierende Jugendliche für zentnerschwere Gedanken begeistern – wie geht das? «Man muss in ihre Lebenswelt eintauchen», sagt Bossart, «etwa Schopenhauer anhand von Müslüm-Videos erklären.»

Ich habe genauso existenzielle Krisen, Tiefs und Ängste wie alle anderen

Geht er eigentlich alle Probleme des Lebens mit einer philosophischen Gelassenheit an? «Ich habe genauso existenzielle Krisen, Tiefs und Ängste wie alle anderen», sagt er. Aber er könne gut abschalten. Mit Yonna etwa – «durch sie kommt ein anderes Lebenstempo ins Spiel».

Yves Bossart bei sich Zuhause
© Bernard van Dierendonck

Kopf lüften: Am Klavier kann der Denker abschalten. «Ich improvisiere gerne für mich.»

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