Pat Schafhauser Treffen mit Herzklopfen

Seit einem Hockeyduell mit Oliver Roth sitzt Pat Schafhauser im Rollstuhl. Negative Gefühle gab es zwischen den Spielern nie. Trotzdem haben sie sich 14 Jahre nicht gesehen. Bis heute.

Vorsichtig betritt Oliver Roth, 38, kurz vor dem WM-Spiel Lettland gegen Österreich die Eisfläche der Berner PostFinance-Arena. Er zittert. Der ehemaliger Hockey-Profi hat für einmal keine Kufen unter den Füssen. Seine Unsicherheit hat andere Gründe.

«Hi, Oliver», sagt Pat Schafhauser mit einem charmanten Lächeln und streckt Roth eine Hand entgegen, deren Haut über die Jahre von den Reifen seines Rollstuhls zu Leder gegerbt wurde. Oliver Roth nimmt die raue, kräftige Hand, sagt: «Hello, how are you?» Und ist erleichtert.

14 Jahre ist es her, seit sich die beiden Eishockeyspieler zum letzten Mal gesehen haben – im Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Sein Englisch habe damals nicht ausgereicht, um auszu­drücken, wie leid ihm das alles tue, sagt Roth. Es war Dezember, kurz vor Weihnachten. Und Pat Schafhauser, 1,83 Meter gross, Modellathlet, lag regungslos im Krankenbett. Einer seiner Halswirbel war gebrochen. Das Rückenmark zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel verletzt. Diagnose: Tetraplegie.

Der Unfall geschieht am 5. Dezember 1995, abends, gegen 22 Uhr. Das Spiel zwischen dem HC Davos und dem HC Lugano ist längst entschieden. Davos, die Heimmannschaft, führt nach 48 Minuten mit 5:2. Auf der Höhe des Lugano-Tors kämpfen Oliver Roth und Pat Schafhauser um den Puck. Roth, der lauf­starke und verlässliche Flügel, liefert sich mit dem schweizerisch-amerikanischen Doppelbürger Schafhauser, einem Kraftbolzen mit viel taktischem Gespür, ein Laufduell.

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Die beiden fahren auf die Bande zu. Es kommt zum Zweikampf, wie er im Eishockey typischer nicht sein könnte: Die Spieler prallen aneinander, Schulter gegen Schulter, ein fairer Check. Roth fällt zu Boden. Schafhauser prallt kopfvoran in die Bande. Roth steht auf. Schafhauser bleibt liegen. Roth fährt zur Spielerbank. Schafhauser bleibt liegen. Die Halle erstarrt. Schafhauser – bleibt liegen.

Zwei kleine Töchter hätten sie, erzählen Pat und seine Frau Angie, 39, als sie mit Oliver Roth in der Berner Eis-Arena stehen: «Anna und Grace. Beide fünf Jahre alt – Zwillinge! Und du?» –«Ich habe auch zwei Mädchen, Naima ist acht, Laura elf Jahre alt», sagt Oliver Roth.

Pat Schafhauser wollte und konnte nach seinem Unfall Kinder haben. Als seine erste Ehefrau Mary-Beth ihn kurz nach dem Unfall verliess, kehrte er als Junioren-Trainer in seine amerikanische Heimat Minnesota zurück. Baute sich ein neues Leben auf. Angie lernte er kennen, als sie beide mit gemeinsamen Freunden ein Hockeyspiel schauten. 2002 haben die beiden geheiratet. Die Flitterwochen verbrachten sie in Lugano, «für mich immer noch einer der schönsten Flecken auf der Welt», sagt Pat, «auch weil man mich hier immer unterstützt hat.»

Mit seinen Hill Murray Pioneers, einer US-Highschool-Mannschaft von 15- bis 17-jährigen Jugendlichen, hat Pat gerade den Meistertitel geholt. «Unbelievable!», schwärmt der Amerikaner mit Schweizer Grosseltern. Eishockey ist immer noch sein Leben. Nur manchmal, sagt er, wenn sich eine ähnliche Spielszene wie jene vom 5. Dezember 1995 entwickle, müsse er kurz wegschauen.

«Ich lernte, mit der Frustration zu leben: Immer wieder will ich einfach aufstehen und loslaufen»

Seinen jungen Spielern könne er dank seiner Vergangenheit vor allem beibringen, mit Frustration umzugehen, sagt Schafhauser: «Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich akzeptierte, dass sich mein Zustand definitiv nicht mehr verbessern wird und die Lähmung bleibt. Trotzdem: Ich bin noch heute immer wieder frustriert, dass ich nicht einfach aufstehen und los­laufen kann. Aber ich lernte, mit dieser Frustration zu leben.»

«Bist du noch aktiv im Hockeysport?», fragt Pat, während er und Oliver auf dem Eis für ein Bild posieren. Die beiden schwingen die Werbetrommel für die Pat Schafhauser Stiftung (siehe Box). «Nicht wirklich», sagt Roth, «ich arbeite inzwischen als selbstständiger Immobilienmakler. Daneben bin ich zwar noch Mitglied bei den Senioren des HC Davos, aber da geht es eher ums gemütliche Beisammensein.»

Oliver Roth war nach dem folgenschweren Zweikampf mit Pat Schafhauser nicht mehr der Gleiche. Er fragte nach dem Warum. Hatte Schuldgefühle, obwohl ihm nie jemand Schuld zuwies. Schon gar nicht Pat. Er stand nur eine Woche nach dem tragischen Unfall wieder auf dem Spielfeld. Allerdings mit der Zustimmung der ganzen Familie Schafhauser – und mit Angst in den Knochen.

Auf dem Eis verhielt er sich bis zu seinem Rücktritt 2002 eher zurückhaltend. «Ich hatte Angst, jemanden zu verletzen», sagt er. Noch heute denkt Oliver sofort an Pat, wenn er zu Hause in Davos den Rega-Helikopter hört, jemanden im Rollstuhl sieht oder von einem schlimmen Unfall erfährt. Er hat Pats Lebensweg kontinuierlich mitverfolgt, alle Berichte über ihn gelesen.

Zu einem Treffen kam es allerdings nicht. Bis heute. «Wenn es Pat und seiner Stiftung etwas bringt, komme ich gerne zu diesem Treffen», sagte Oliver Roth noch am Dienstagabend vergangener Woche. Die Nacht darauf war dann doch nicht seine beste: «Mir war etwas mulmig.»

Jetzt ist der Familienvater ganz gelöst. Während sich die Halle in Bern langsam füllt, das Trommeln der WM-Fans allmählich lauter wird, unterhält er sich draussen mit Pat und Angie über deren Hobbys. Fischen. Und Ski fahren: «Eines der wenigen Dinge», sagt Pat, «die im Sitzen fast noch mehr Spass machen als im Stehen!»


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