Zwei Handschriften, zwei Temperamente, eine gemeinsame Sprache: Marie Salamagne und Fabrice Pellegrin zählen zu den einflussreichsten Parfümeuren ihrer Generation. Beide arbeiten für Firmenich, eines der weltweit führenden Duft- und Aromahäuser, bekannt für seine Verbindung aus wissenschaftlicher Innovation, nachhaltiger Rohstoffarbeit und höchster Parfümeriekunst. Ihre Kreationen bewegen sich an der Schnittstelle von Handwerk, Emotion und zeitgenössischer Ästhetik – leise im Ausdruck, präzise in der Wirkung.
Marie Salamagne kreiert aus der Intuition heraus. Ihre Düfte entstehen aus inneren Bildern, Erinnerungen und Atmosphären, weniger aus festen Konstruktionen als aus einem feinen Gespür für Balance und Sinnlichkeit. Ihre Handschrift ist modern, weich und zugleich selbstbewusst. Kreationen wie Chloé Nomade, Byredo Young Rose oder Yves Saint Laurent Black Opium Neon stehen für eine neue Form olfaktorischer Eleganz, die Weiblichkeit nicht festschreibt, sondern offen interpretiert.

Marie Salamagne kreiert aus der Intuition heraus.
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Fabrice Pellegrin arbeitet stärker aus der Struktur heraus.
zVgFabrice Pellegrin arbeitet stärker aus der Struktur heraus. In Grasse aufgewachsen, ist sein Ansatz tief in der klassischen französischen Parfümerietradition verwurzelt, zugleich geprägt von Klarheit und materialbezogener Präzision. Er ist bekannt für seine souveräne Arbeit mit natürlichen Rohstoffen und für Kompositionen, die durch Ruhe, Tiefe und Charakter überzeugen – darunter Diptyque Philosykos, Jean Paul Gaultier Le Male Le Parfum oder Mercedes-Benz Club Black.
In der Begegnung dieser beiden Positionen entsteht kein Ausgleich, sondern ein Spannungsfeld. Intuition trifft auf Architektur, Sinnlichkeit auf Konstruktion. Das Ergebnis ist eine Form von Luxus, die nicht laut ist, sondern nachhallt – getragen von Respekt, Neugier und einem gemeinsamen Verständnis von Duft als kulturellem Ausdruck. Wir treffen die beiden renommierten Parfümeure in Kopenhagen, anlässlich der Lancierung ihres jüngsten gemeinsamen Projekts: Lumière, dem neuen Duft von Issey Miyake. In entspannter Atmosphäre sprechen sie über Licht als olfaktorische Idee, über Intuition und Struktur und darüber, wie aus unterschiedlichen Sensibilitäten eine gemeinsame Vision entsteht.

Lumière, der neuen Duft von Issey Miyake.
zVgDenken Sie beim Kreieren eines Parfums an eine bestimmte Frau oder einen bestimmten Mann?
Marie Salamagne: Nein, bewusst nicht. Sobald man sich eine konkrete Person vorstellt, schränkt man die eigene Vorstellungskraft ein. Mich inspirieren vielmehr Reisen, Bilder und Emotionen. Erst später, wenn Menschen den Duft tragen, entsteht vielleicht eine Projektion.
Also eher eine Geschichte als ein Typus?
Marie Salamagne: Ja. Oft schöpfe ich aus eigenen Erinnerungen: eine Reise nach Grasse, ein Besuch bei Fabrice, ein Aufenthalt in Marokko, wo ich Orangenhaine gesehen und gerochen habe. Diese Eindrücke setzen sich ganz natürlich fest und fliessen in die Kreation ein.
Und wie ist das bei Ihnen Fabrice?
Fabrice Pellegrin: Auch ich denke nicht an eine bestimmte Person. Ich denke an die Materialien, mit denen ich arbeite. Genau deshalb liebe ich die Orangenblüte – sie ist reich, lebendig und vielseitig.
Heute verschwimmen die Grenzen zwischen Damen- und Herrendüften zunehmend. Wie sehen Sie das als Parfümeure?
Marie Salamagne: Die Unterschiede sind weniger festgelegt als früher, auch wenn sie weiterhin existieren. Für mich ist entscheidend, mit hochwertigen Rohstoffen möglichst authentisch zu arbeiten. Ein Duft ist vor allem Emotion: Wenn er jemanden berührt, ist er für diese Person gemacht – unabhängig vom Geschlecht.
Nischenparfümerie hat diese Entwicklung stark geprägt.
Fabrice Pellegrin: Absolut. Sie hat dazu beigetragen, dass Männer heute selbstverständlich femininere Düfte tragen und Frauen maskulinere. Diese Freiheit gab es zwar immer, aber sie wurde nicht offen gelebt. Heute ist das anders – ähnlich wie in der Mode. Für uns ist das ein spannendes Spielfeld, weil wir neue Ausdrucksformen erforschen können.
Wie haben Ihre unterschiedlichen Sensibilitäten bei der gemeinsamen Arbeit funktioniert Fabrice?
Fabrice Pellegrin: Sehr harmonisch. Ich bringe eher eine maskulinere Duftvision ein, Marie eher eine femininere. Gemeinsam suchen wir das Gleichgewicht.
Was macht diese Zusammenarbeit besonders?
Marie Salamagne: Sie ist sehr natürlich, nicht erzwungen. Neben der Freundschaft verbindet uns grosser gegenseitiger Respekt und Neugier auf die Arbeit des anderen. Wir lesen unsere Formeln gegenseitig, hinterfragen Ansätze und lernen voneinander. Dieses Gleichgewicht entsteht ganz organisch.
Was war der ursprüngliche kreative Impuls hinter dem neuen Duft Lumière von Issey Miyake?
Fabrice Pellegrin: Der Ausgangspunkt war die Idee, ein Bild von Licht zu schaffen. Dieses Licht wollten wir olfaktorisch übersetzen, und dafür erschien uns die Orangenblüte als der passendste Rohstoff.

Die Orangenblüte soll die Kraft und die Helligkeit Südfrankreichs verkörpern.
Getty Images/500pxWarum steht gerade die Orangenblüte für Licht?
Fabrice Pellegrin: Ich komme aus dem Süden Frankreichs, aus Grasse. Dort ist das Licht sehr intensiv, die Sonne sehr stark und die Orangenblüte verkörpert genau diese Kraft und diese Helligkeit. Deshalb wollte ich unbedingt mit ihr arbeiten.
Viele verbinden den Duft der Orangenblüte eher mit dem Abend, wenn das Licht nachlässt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Marie Salamagne: In der Parfümerie gibt es verschiedene weisse Blüten, etwa Jasmin, Tuberose und Orangenblüte, und jede hat ihren Moment, in dem sie am intensivsten duftet. Die Tuberose entfaltet ihre Kraft eher zum Sonnenuntergang oder sehr früh am Morgen. Die Orangenblüte hingegen braucht die Sonne über den Tag hinweg, um ihre Intensität aufzubauen. Erst dadurch kann sie später ihren charakteristischen Duft entwickeln – genau das hat uns an ihr interessiert.
Wenn Sie für Issey Miyake entwickeln – eine Marke mit japanischen Wurzeln. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?
Fabrice Pellegrin: Wenn wir für Issey Miyake kreieren, müssen wir die Marke und ihre DNA tiefgehend verstehen. Dieses Verständnis begleitet den gesamten Prozess und gibt uns einen Rahmen. Es beeinflusst die Wahl der Rohstoffe, die oft natürlicher sind als bei westlichen Marken. Unbewusst reisen wir gedanklich und diese Haltung lenkt unsere Arbeit.
Die Duftlinie «Issey» entwickelt sich langsam, fast meditativ. Ist das ein bewusst japanischer Ansatz?
Fabrice Pellegrin: Ja. Die Odyssee begann 1995, vor 30 Jahren. Diese lange Zeitspanne entspricht einer japanischen Auffassung von Zeit: Dinge dürfen sich entwickeln, reifen, sich setzen. Es gibt keinen Druck, sofort das Nächste zu definieren.
Ist das auch der Grund, warum es heute weniger sogenannte Flanker gibt?
Marie Salamagne: Damals ging es darum, das Thema Wasser in all seinen Facetten zu erkunden. Heute stehen andere Elemente wie Salz und Licht im Fokus. Jeder Duft besitzt seine eigene Präsenz, seine eigene Aura – nicht mehr Variationen, sondern klare Aussagen.
Wie werden Parfümeure für eine Marke, ein Projekt, ausgewählt?
Fabrice Pellegrin: Es ist ein Wettbewerbsprozess. Mehrere Parfümeure arbeiten parallel an einem Projekt. Entscheidend ist, wer die Botschaft der Marke am präzisesten versteht und olfaktorisch umsetzt.
Geht es dabei um das Sichtbare oder eher um das Unsichtbare?
Marie Salamagne: Ganz klar um das Unsichtbare. Licht lässt sich nicht sehen, sondern nur empfinden. Jeder erlebt es anders und genau diese subjektive Wahrnehmung versuchen wir in Duft zu übersetzen.

Eine Neuentdeckung in der Welt der Parfümerie ist Pistazienholz.
Getty ImagesGibt es heute noch unbekannte natürliche Duftstoffe?
Marie Salamagne: Die Natur ist unerschöpflich. Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, ständig zu forschen. Wir arbeiten mit einem Team, das gezielt neue Rohstoffe entdeckt. Synthetische Stoffe bringen Modernität, natürliche Rohstoffe bringen Poesie. Erst ihre Kombination macht einen Duft lebendig.
Natürliche Rohstoffe gelten als instabil. Ist das ein Problem?
Fabrice Pellegrin: Nicht wirklich. Natürliche Rohstoffe leben, sie verändern sich, erzählen eine Geschichte. Wie Wein sind sie abhängig von Herkunft, Klima, Boden und Sonne. Deshalb prüfen Spezialisten ständig die Qualität, damit wir als Parfümeure verlässliche Bezugspunkte haben.
Warum kennzeichnet man Parfums dann nicht wie Wein mit Jahrgängen?
Fabrice Pellegrin: Weil wir versuchen, die Düfte möglichst konstant zu halten. Kleine natürliche Unterschiede gibt es immer und genau darin liegt auch der Zauber unserer Arbeit.
Das klingt nach viel Poesie.
Marie Salamagne: Das ist es auch. Und genau das macht diesen Beruf so besonders.
