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Mittelklasse

Das leere Nest

«Empty Nest Syndrome» nennt sich das Phänomen, wenn Eltern sich nach dem Auszug ihrer erwachsenen Kinder einsam fühlen. Unsere Kolumnistin hätte nicht damit gerechnet, dass ihr das passiert. Sie hat allerdings auch nicht damit gerechnet, dass beide ihre Kinder mehr oder weniger gleichzeitig ausziehen.

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Das war einmal. Mittlerweile sind beide Kinder unserer Kolumnistin flügge geworden.

Lucia Hunziker

Sie haben auch Vorteile, die einsamen Abende. Wirklich. Zum Beispiel kann ich endlich einkaufen und kochen worauf ich Lust habe, ohne darauf zu achten, dass Kind 1 keine Pilze und keinen Käse mag, oder mich darüber aufzuregen, dass Kind 2 wöchentlich irgend etwas anderes gerade nicht isst. Und wenn ihr mich direkt darauf ansprechen würdet, würde ich euch brandschwarz anlügen. Ich würde euch sagen, dass ich nicht fast jeden Abend nacheinander in zwei halb leere Teenager-Zimmer gehe, und mir für den Bruchteil einer Sekunde wünschte, das entsprechende Kind würde mich rausschmeissen und mir sagen, ich solle beim Rausgehen die Türe schliessen.

Jahrelang war ich mir sicher: Mich würde es nicht treffen, das «Empty Nest Syndrome». Dieses Syndrom, das Eltern befällt, wenn die erwachsenen Kinder ausgezogen sind. Diese Eltern machen dann ganz seltsame Dinge. Zum Beispiel in halb leeren Teeangerzimmern rumstehen.

«Das Ding mit diesem Nest ist, dass ich nicht damit rechnete, dass es so früh und so Knall auf Fall leer sein würde.»

Ich habe nie zu den Müttern gehört, die alten Zeiten nachtrauern. Die Baby- und Kleinkind-Zeiten waren schön, aber ich gehörte seit jeher zur Fraktion «lieber du als ich» wenn ich eine schwangere Frau oder eine mit Kinderwagen sehe. Es war eine Freude, meine Kinder beim Erwachsenwerden zu begleiten – meistens jedenfalls. Und es erfüllt mich mit riesigem Stolz zu sehen, wie sie selbstständig ihren eigenen Weg gehen. Auch wenn ich diesen nicht immer für richtig halte – sie müssen ihre Entscheidungen selbst treffen.

Das Ding mit diesem Nest ist, dass ich nicht damit rechnete, dass es so früh und so Knall auf Fall leer sein würde. Bei Kind 1 ging das ja noch mamafreundlich vonstatten. Während seines Zwischenjahres nach der Matura zeichnete sich immer mehr ab, dass ein Studium im Ausland eine Option ist. Die Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen seiner Wahl fanden vergangenen Frühling statt, einige Wochen später kamen die Zusagen. Das Studium begann im Herbst, ich hatte also genug Zeit, mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass mein älteres Baby sein eigenes Nest fortan gut 350 Kilometer weit weg von mir haben wird. Mein erster Trost: Es kommt regelmässig nach Hause und die Semesterferien sind lang. Mein zweiter Trost: Es gab ja Kind 2, das mir noch eine Weile erhalten bleiben würde daheim.

Womit ich nicht gerechnet hatte: Kind 2 schmiss seine Lehre, suchte einen Job, bei dem es gut verdient, und zog mit seiner Freundin zusammen. Mehr oder weniger von heute auf morgen und ziemlich zeitgleich mit Kind 1 packte Kind 2 sein Zeug zusammen und war weg. Wenigstens meldet es sich regelmässig, meist, um sich nach Dingen zu erkundigen, die das Erwachsenenleben betreffen (Nein, die Krankenkasse zahlt nicht jeden Arztbesuch, ab wann sie zahlt, konmt auf die Franchise an (bitte googeln). Nein, du hast nicht automatisch eine Haftpflichtversicherung, wenn ich eine habe, du musst selbst eine abschliessen.)

So gehören zu meinen grössten Freuden derzeit Online-Vorlesungen am Freitag, damit es sich für Kind 1 lohnt, nach Hause zu kommen, und keine zu grossen Verspätungen der Deutschen Bahn, sowie Fragen, die Kind 2 nicht telefonisch klären kann, und deshalb kurz ins Nest kommen muss. Auch wenns da ihm zufolge seit seinem Auszug eh nie was Anständiges im Kühlschrank hat.

am 1. Februar 2026 - 07:30 Uhr