In den letzten Monaten musste man nicht viel Zeit auf Instagram verbringen, um dem endlosen Strom alter Paparazzi-Fotos von John F. Kennedy Jr. und Carolyn Bessette-Kennedy zu begegnen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Influencer Carolyn zur ewigen Stil-Ikone erklären. Ihre Mäntel, ihre Sonnenbrillen, ihre schlichten schwarzen Kleider – alles wird auf den sozialen Medien seziert, katalogisiert und neu verpackt, inklusive Empfehlungen, wie wir alle ihren Stil kopieren können.
Auslöser dieses überzogenen Kults ist die neunteilige Serie «Love Story: John F. Kennedy Jr. & Carolyn Bessette», die derzeit auf Disney+ läuft. Doch die eigentliche Frage lautet: Warum hält diese Hysterie um eine Mode-Ikone der 1990er-Jahre so lange an, einer Celebrity, die 1999 tragisch mit ihrem Mann und ihrer Schwester bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam?
Die Antwort ist so einfach wie frustrierend: Verzweiflung. Wir suchen verzweifelt nach Klasse, nach Stil, nach Glamour – vor allem nach diesem schwer zu definierenden «It», diesem besonderen Etwas, das Figuren wie Carolyn Bessette-Kennedy ganz selbstverständlich besassen und das in der Gegenwart so offensichtlich fehlt. Denn: Mit diesen Kennedys sind nicht nur zwei Menschen von der Bildfläche verschwunden. Es ist eine ganze Welt von Modemomenten nicht mehr da, nicht nur im Fall von Carolyn Bessette-Kennedy.
Einer dieser Momente gehörte 1994 einer jungen Chloë Sevigny, in New York als Skatemädchen entdeckt und mitsamt ihrer Gang so cool, dass sie Regisseur Larry Clark spontan zu «Kids» inspirierte, einem Skandalfilm über einen unmoralischen Teenager. Der Schriftsteller Jay McInerney wollte die damals 19-jährige Chloë für das Magazin «New Yorker» interviewen. Sie sagte zu, sofern er ihr ein Kleid von Helmut Lang kaufte. Nichts an ihrer Bedingung war inszeniert, nichts kalkuliert. Sie war nur ein Mädchen mit Geschmack, das genau wusste, welches Kleid man in jenem Moment tragen musste. Kurz danach wurde das Mädchen in «Kids» weltberühmt.
Heute hingegen tragen Influencer einen endlosen Strom geschenkter, zugeschickter Sachen. Sie ziehen sie wie Roboter an. Was Reichweite bringt, löst aber noch lange keine Emotionen aus. Das Problem: Niemand mag mehr Mut oder Persönlichkeit in Kleidung investieren. Mode verliert ihr Kultpotenzial.
Ganz anders 1994, als Tom Ford Kreativdirektor bei Gucci wurde. Alle waren verrückt nach den Samt-Hosenanzügen und halb offenen Blusen des exzentrischen Designers aus Texas. Das Gucci-Logo wurde zu einem Sexsymbol, das G zierte Armbanduhren, sogar Unterwäsche. Heute bemüht sich Gucci, den Kult wiederzubeleben, jüngst mit Designer Demna. Aber ohne neue kreative Überraschungen funktioniert die Referenz an die Vergangenheit nicht. Tom Ford lancierte 2005 sein eigenes Label, konnte dort aber keinen einzigen Fashion-Moment mehr produzieren. 2024 hat er das Designzepter an Haider Ackermann übergeben, sitzt selber nur noch in der Front Row seiner Shows. Sinnigerweise sagte Ackermann: «Tom war das Nachtleben, ich bin der Morgen danach.» Einer, der wenig Licht bringt.
Miuccia Prada zeigte zwischen 1994 und 2000 eine neue Form von Coolness: Looks, die zugleich hässlich und schön waren: Nylon neben Brokat, hochgeschlossen, zu jeder Tageszeit passend. Um ihre Kreationen entstand eine «Prada-Elite» aus Moderedakteurinnen und denen, die Geld und Style hatten. Pradas Suzy-Wong-Kollektion von 1997 war sofort ausverkauft. Die Plateau-Sandalen wurden von der Günstigmarke Buffalo kopiert und fanden so zwei Saisons später ihren Weg in die Klubwelt.
Als Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw 2000 in «Sex and the City» eine winzige Tasche, kaum grösser als ein Brotstück, Tag und Nacht trug, war die erste It-Bag geboren: die Fendi Baguette. Es gab sie aus Leder, Strick, Denim, mit Pailletten. Schon die schlichteste Version war so teuer, dass Frauen sie wie ein Geheimnis unter dem Arm trugen.
Und dann war da noch Stella McCartney. Ende der Neunziger brachte die Tochter vom gleichnamigen Paul als Kreativdirektorin bei Chloé eine Leichtigkeit ein, die süchtig machte. Hochgeschnittene Jeans mit weiten Beinen, rockige T-Shirts, Seidenblusen mit Ananas-Prints, alles war unangestrengt und doch edgy, so wie man sein wollte, umweht von einem Hauch Beatles-Glam. In den 1990ern stand Mode für Zeitgeist.
Heute proklamieren Redakteurinnen Comebacks zu allem: Boho sei zurück, heisst es, weil Kate Moss ein Blumenkleid von Etsy trägt. Winona Ryders gothisch-romantischer Balletcore-Stil, den sie nach ihrem Erfolgsfilm «Black Swan» zelebrierte, soll wieder da sein, das zeige sich in den neuen Schuhkollektionen. Es ist normal, sich nach den guten alten Zeiten zu sehnen. Aber zu viel Nostalgie bedeutet, dass die Gegenwart düster ist. Bleibt uns die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Carolyn Bessette-Kennedy übrigens hätte niemals Looks von anderen nachgestylt. Sie war ihre eigene Inspiration.

Einmal Baguette, bitte! Sarah Jessica Parker alias Carrie machte die Fendi-Tasche zur It-Bag.
Fendi