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  4. Ein Interview mit Big Zis, die am Gurtenfestival spielt

Zuhause bei Big Zis

«Frauenrap ist kein Schimpfwort»

Big Zis ist noch da. Noch … Furchtbar, dieses Wort. Unpassend auch – denn wir bekommen nicht genug und wollen noch mehr von der Schweizer Rapperin. Kriegen wir. Mit ihrer neuen Platte. Live auf dem Gurtenfestival. Und im Interview.

Big Zis

Z wie Zukunft: In der hat neben Kindern und Garten die Musik wieder einen höheren Stellenwert.

Ornella Cacace

«Zis … Zis … Zis … Zi-is.» Wie ein zarter Beat untermalt die Stimme der vierjährigen Olga das Interview. Geduldig, aber bestimmt sucht sie die Aufmerksamkeit ihrer Mama und unserer Gesprächspartnerin Big Zis. Man will immer wieder dazwischenwerfen «… my name is …», aber das wäre dann ja wieder eine Referenz auf einen dieser männlichen Berufskollegen, Rapper Eminem. Und von denen hören wir schon genug. Zeit für die Frauen im Ring. In dieser musikalischen Kampfzone des Hip-Hops. In den Nullerjahren haben wir heftig zu ihren Songs getanzt und ihre rotzigen Texte nachgesungen. Die Wahlzürcherin rappte: «Wasch los, Wixer, laa min Arsch los.» Ohne Maulkorb. Auch die Alben Nummer zwei und drei (2005 und 2009) der gelernten Zimmerin, die sich ihr Leben damals als Barfrau und an der Kinokasse in Zürich finanzierte, schlugen ein. Erstaunlich ist, was Franziska Schläpfer danach machte: nichts. Zumindest kein Album. Sie habe eine Zeit lang mehr Kinder als Musik produziert, sagte die 43-Jährige 2015 zur «Aargauer Zeitung». Drei Kinder in sechs Jahren. Aber jetzt ist die gebürtige Winterthurerin zurück aus dem Untergrund. Mit einem besorgten Blick auf unsere Zeit. Mit dem Album «Béyond». Mit «Cluster», einem Stück über modernen Feminismus. Mit «Hang», einem Stück übers Älterwerden. Auf ihre Stimme ist nach wie vor Verlass.

Style: Schön, sind Sie wieder da. Aber warum eigentlich?

Big Zis: Ich war genau genommen gar nie weg, habe immer Musik gemacht, bin mit meiner Liveband aufgetreten – halt einfach ohne offizielles Label.

Was war der Anlass, Ihre Musik wieder produzieren zu lassen?

Weil es schon Spass macht. Die Kinder sind nun auch etwas grösser, und der Fokus verschiebt sich wieder auf die eigene Erfüllung … Oder so.

Big Zis

Tatort: Ohne grosse Kombinationsgabe zu erkennen – Zis wohnt nicht allein hier.

Ornella Cacace

Neulich fühlte ich mich fast alt, als ich mit Kolleginnen über «Hunger», eine Ihrer ersten Singles (2002), gesprochen habe. 

Ja, ja, es ist eine Ewigkeit her. Das checke ich schon auch. Letztens sprach ich mit jemandem, der oft mit jungen Rappern arbeitet. Für die ist Old School ein Pott. Egal, ob es um die Musik von dem Schweizer E.K.R. oder um meine geht – alles verschmilzt zu einer einzigen Masse, obwohl zwischen ihm und mir gefühlt Generationen liegen.

So ein Frust!

Nein, das ist nicht schlimm. Es war eher spannend, zu hören. Ich dachte mir nur: «Ah ja, so ist das jetzt also!»

Scheren Sie sich ums Älterwerden?

Ich bin teilweise sogar froh darum.

Warum?

Es war manchmal schon anstrengend, jung zu sein. Dieser Stress mit sich selbst – wer bist du, wie kommst du daher, wie wirkst du …

Jetzt wissen Sie alles?

Wir haben oft das Gefühl, wir wüssten genau, das ist so, das ist so und so weiter. Und das macht alt! Wenn man festgefahren ist und nicht immer wieder versucht, die Dinge neu zu überdenken. Kinder zu haben, hilft einem dabei. Die halten jung – im Kopf. Aber gleichzeitig machen sie einen so alt. Weil sie einfach plattmachen.

Big Zis

Bei ihren Auftritten fällt sie nicht nur mit ihren Texten auf.

Ornella Cacace

2009 erschien Ihre letzte offizielle Platte. Was hat sich seitdem im Musikbusiness verändert? 

Er fing da schon an. Der Abstieg. Seither ist es einfach noch einmal ein bisschen schwieriger geworden, Geld damit zu verdienen. Aber man kann seine Musik dafür heute viel autonomer – das heisst ohne grosses Label – an die Leute bringen. Die Frage ist: Wie bekommt man die Aufmerksamkeit?

Oder das Geld, um zu produzieren.

Ich konnte mir noch nie sicher sein, dass über eine längere Zeit viel Kohle reinkommt. Es gab früher noch Musiksender wie Viva, von denen man Geld bekam, wenn die Clips
gespielt wurden. Aber das war auch eher ein Taschengeld. Finanziell gesehen, hat die Zeit nicht viel verändert. Es war immer schwierig. Schon Prince verklagte – wohl aus Angst, zu kurz zu kommen – mal einen Fan, eine junge Frau, weil sie illegal seine Musik runtergeladen hatte. Und Mann! Das ist doch so paradox. Man verklagt doch niemanden, der deine Musik mag und hören möchte! 

Big Zis

«Schawing» heisst so viel wie: Es läuft. Und das tut es bei der Schweizer Künstlerin Big Zis.

Ornella Cacace

Zu seiner Verteidigung: Auch Prince musste essen. Zukunftsangst kennen Sie nicht? 

Nein. Ich weiss nicht genau, woher diese Zuversicht kommt. Vielleicht weil wir in der Schweiz leben und ich das Gefühl habe, uns geht es wirklich sehr gut. Und wenn es einen mal verbäset, bekommt man Hilfe. Weil es Leute gibt, die helfen könnten. Das heisst natürlich noch lange nicht, dass sie es dann tun … Aber theoretisch gäbe es sie. 

Und praktisch: Leben Sie von Ihrer Musik?

Ja. Mehr schlecht als recht. Aber das ist natürlich auch wieder eine Frage der Zeit. Ich kann nicht hier den Haushalt schmeissen, meine drei Kinder erziehen, Musik machen und noch einen zusätzlichen Job haben. Das geht gar nicht. Das war ein Grund mehr, musikalisch noch einmal richtig Gas zu geben.

Wann haben Sie sich entschlossen, ganz auf die Musik zu setzen?

Ich kann Ihnen keinen exakten Zeitpunkt nennen. Aber vor ein paar Jahren habe ich mir überlegt, was sich bisher immer durch mein Leben gezogen hat. Sicher nicht der Job an der Kinokasse … Musik war immer da, mein ganzes Leben lang. Also beschloss ich irgendwann, mich Musikerin zu nennen. Und das bin ich nun. Hauptberuflich.

Sie meinten vorhin mal, dass Sie alles in Ihrer Wohnung zurücklassen könnten. Gibt es denn nichts, was Sie retten würden?

Vielleicht die Comic-Sammlung. Aber am Schluss gilt selbst dort: Dann ist sie halt weg. Wäre auch gar nicht mal so schlecht, wenn die Wohnung mal ganz ausgeräumt würde. Dieser Überfluss, diese Anhäufung von immer mehr Trash – das gibt einem doch kein gutes Gefühl.

Big Zis

Ihr entspannendstes Hobby und vielleicht der ­Ursprung ihrer Gelassenheit: Stricken. Om.

Ornella Cacace

Sind Sie nach nichts süchtig? Nicht einmal nach Applaus?

(Lacht.) Ich habe zwei Seiten. Die eine geniesst es extrem, wenn sie auch mal keine Aufmerksamkeit bekommt. Ich würde beispielsweise nie meinen Geburtstag feiern. Aber ob meine andere Seite ganz ohne die Bühne leben könnte, weiss ich nicht – da müsste ich wirklich mal eine längere Zeit nicht vor Menschen stehen. Auch wenn ich nun seit Jahren kein Album veröffentlicht habe, bin ich immer aufgetreten. Hatte also nie eine Pause davon.

Und damit sind Sie einer der seltenen weiblichen Lichtblicke in der sonst sehr männerlastigen Rapszene. Warum ist das noch immer so?

Darauf habe ich keine Antwort. Wenn es ein paar Exotinnen gibt, tut das nichts zur Sache, sondern bestätigt nur die Regel. Dieses Hinstehen, Posen, das muss man mögen. Das ist eine Typfrage. Es hat jedoch auch viel mit Strukturen zu tun, mit Förderung. Und Förderung meine ich dabei nicht in einem institutionellen Sinn, sondern mehr untereinander. Und da scheitert es noch in allen Bereichen. Auch in der Wissenschaft. Wenn in wissenschaftlichen Arbeiten hauptsächlich Männer zitiert werden – auch von Frauen – dann bremsen wir uns alle gegenseitig. Hier müssen wir alle anfangen, uns untereinander und gegenseitig zu unterstützen.

Big Zis

An der Decke, unter dem Mond, hängt das Werk der Künstlerin Maja Hürst, die auch den gesamten visuellen Auftritt von ­Big Zis gestaltet.

Ornella Cacace

Die britische Autorin Zadie Smith sagte mal in einem Interview, dass die Idee vom Frausein für sie wie eine Menge Arbeit wirke. Empfinden Sie das auch so?

Ist für mich jetzt nicht so viel Arbeit. Ich schminke mich praktisch nie, schneide mir die Haare immer selber. Wenn sie mich nerven, binde ich sie zusammen …Und sonst nicht. Aber ab dem Alter von neun oder zehn Jahren begann ich, mich zu dick zu fühlen. Ich wusste da schon, dass ich chubby, speckig, bin. Und das ist irgendwie crazy! Dass einen so was schon als Kind prägen kann. Woher kommt das? Durch die Modeindustrie, die Werbung …

Was ist Ihre Definition von Schönheit? 

Also, da gibt es ja zwei Aspekte. Der eine ist der Mensch an sich. Und der andere diese Äusserlichkeiten. Das spielt dann zusammen. Aber in einer direkten Begegnung interessiert mich das Äusserliche nun wirklich gar nicht.

Was raten Sie einer Zwölfjährigen, die technisch grossartig rappt, aber kein F-Wort auslässt?

Wenn sie Lust hat, soll sie das ruhig machen. Manchmal muss man Sachen auch abnutzen.

Fluchworte sind also erlaubt? 

Grusige Wörter an sich finde ich nicht schlimm. Ich würde sie jetzt selbst nicht mehr so exzessiv verwenden wie früher, habe aber nichts dagegen. Wenn ein Rap aber frauen- oder schwulenfeindlich ist – das ist dann eine andere Geschichte. Das machen ja auch nicht die Schimpfwörter aus. Also: Wenn du Bock hast, zu fluchen, dann mach!

Machen Sie es auch? 

Ja. Fluchen hat halt irgendwie was. Ich sage jetzt nicht ständig und überall: «Das isch doch en huere Scheiss.» Ich sage es nur, wenn es halt wirklich en huere Scheiss ist.

Liebe Big Zis, wir sehen uns am 20. Juli um 16h auf der Waldbühne des Gurtenfestivals! Mehr Infos dazu hier.

Von Rahel Zingg am 13. Juli 2019