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Nationalrätin Tiana Moser über Anfeindungen

«Ich bin exponiert – das ist Teil des Jobs»

Was die Schweiz kochen lässt? An Drunter-Kommentaren im Netz gemessen Themen wie: die Klimakrise oder Vollzeit arbeitende Mütter. Wir sprachen mit der Grünliberalen-Fraktionschefin, Nationalrätin und Mutter Tiana Moser.

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Pascal Mora

Draussen wütet gerade ein perfekter Sturm. Das Klima, die Wirtschaft, unsere Gesundheit – all das befindet sich in einer Krise. Wie wird es mir ergehen? Wie viel kann ich verändern? Wie kann ich etwas beeinflussen? So wie die Lage momentan ist, hat auch die Fraktionschefin der Grünliberalen (restriktive Klimapolitik, liberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik) allen Anlass, sich Fragen zu stellen. 

Tiana Angelina Moser ist seit 2004 Parteimitglied. Von Anfang an also. Seit 2007 ist sie im Nationalrat, steht für Themen wie Umweltschutz, Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie selbst hat vier Kinder – drei Buben und ein knapp einjähriges Mädchen. Ihre Emotionen hat die 41-Jährige unter Kontrolle. Auch bei Themen, die ihr am Herzen liegen, spricht sie sachlich, jedoch ohne mechanisch zu klingen. Kritik sieht man ihr aber an der rechten Augenbraue an. Wenn sie zum Beispiel in der «Rundschau» das ausstehende Rahmenabkommen mit der EU verteidigen muss, schnellt diese kurz hoch. Bleibt sie oben und wird mit einem Lächeln gepaart, kündigt sich ein entwaffnendes Statement an. Den Stand der Augenbraue können wir während unseres Interviews leider nicht beobachten – es findet telefonisch statt. Auch nicht während der kurzen Diskussionen mit ihrem jüngsten Sohn, der ab und zu unser Gespräch unterbricht, um zu verkünden, dass er sich langweilt. Bei der Ruhe und Geduld, mit der Tiana Moser bei Otto noch etwas mehr Zeit aushandelt, vergisst man kurz: Draussen wütet gerade ein perfekter Sturm. 

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Style: Zu Hause mit vier Kindern ... Frau Moser, wie froh sind Sie, dass die Schulen wieder geöffnet haben? 
Tiana Moser: Man hat sich zwar in der Zeit ein wenig zu Hause einnisten können. Wir waren alle beieinander, was sehr schön war. Aber Homeschooling von drei Primarschülern, die Betreuung von einem Baby, Home Office zu zweit – das alles zusammen war natürlich herausfordernd. Während des Lockdowns standen wir jeweils um sechs Uhr morgens auf, lasen Zeitung, arbeiteten bis die Kinder aufwachten. Von neun bis eins gab ich Schule, und zwischendurch versuchte man, wieder zu arbeiten. Und dann müssen die drei Jungs natürlich auch mal raus, sich bewegen. Waldspaziergang, Velotour – wir mussten jeden Tag neue Ideen entwickeln, um die Energie der Kinder zu kanalisieren. Meine Kinder haben da zum Glück selbst sehr viele. Ich bin jetzt nicht so die Bastlerin, muss ich ganz ehrlich sagen, wir haben also viel draussen gemacht. Ja, alles in allem waren unsere Tage gut gefüllt. 

Und wenn es darum geht, etwas zu unternehmen, darum, welcher Film geschaut wird – nach welchem System trifft Ihre Familie Entscheidungen? 
Sie müssen sich auf jeden Fall untereinander einigen und machen mir anschliessend einen Vorschlag. Den segne ich dann ab. Tierdokumentationen schauen wir alle zusammen, bei Trickfilmen bin ich raus. 

Zu Beginn der Corona-Zeit gab es einen Text mit dem Titel «Heult leise!». Er handelt von einer ständig jammernden Mittelschicht. Darf man sich beschweren? 
Insgesamt sind wir in der Schweiz gut aufgestellt. Wir haben die Ressourcen, können Gelder ins System einschiessen, breit reagieren. Und man hat schnell reagiert. Die Politik hat schnell reagiert. Die Gesellschaft hat schnell mitgemacht. Auch wenn wir unsere Wirtschaft im internationalen Vergleich anschauen, können wir froh sein, wo wir stehen. Nehmen wir Italien oder Spanien, da war die Jugendarbeitslosigkeit schon vor der Krise immens. Aber klar, die wirtschaftliche Sorge ist auch hierzulande gross. Oder die Thematik mit der steigenden häuslichen Gewalt – auch da mache ich mir Sorgen. Leute, die sich in einer schwierigen Situation befinden, mit Einsamkeit zu kämpfen haben ... Das Jammern Einzelner über ausgefallene Überseereisen oder Ähnliches geht mir hingegen auf den Wecker. 

Wovor haben Sie Angst? 
Natürlich mache ich mir Sorgen um meine Eltern. Und um Instabilitäten wie steigende Arbeitslosenquoten, die die Situation generell bringt, und was das alles heisst für unser Land, für unsere Werte. 

Und was heisst es für die Welt? Könnte das nächste Opfer der Corona-Krise das Klima sein, wegen des wirtschaftlichen Druckes? 
Wir haben im Umweltbereich auch neben dem Klima grosse Herausforderungen, die mittlerweile ins Bewusstsein einer breiten Masse gelangt sind. Einer breiteren, als man es sich in gewissen politischen Kreisen zurechtzulegen versucht. Das Artensterben, der Insektenschwund, die Trinkwasserproblematik – ich glaube persönlich, dass dieses Bewusstsein wegen Corona jetzt nicht einfach weggeschwemmt wird. Die Bedenken sind nicht kleiner geworden. Vielleicht sogar im Gegenteil! Diese örtliche Gebundenheit, diese Verlangsamung, die in den vergangenen Wochen stattgefunden hat – vielleicht hat das beim einen oder anderen die Meinung über die Bedeutung von Nachhaltigkeit noch gestärkt. Ausserdem birgt die Klimapolitik ja auch eine wirtschaftliche Chance und Entwicklungsmöglichkeiten. Sie muss nicht nur mit Verzicht verbunden sein. 

Sie sind schon lange dieser Meinung, nicht wahr? 
Ich war schon immer sehr naturverbunden. Deshalb habe ich neben Politik- auch Umweltwissenschaften studiert. In der Politik bin ich gelandet, weil ich nicht primär diejenige bin, die Bodenproben nimmt, sondern weil es mich interessiert hat, etwas zu verändern. Und auch wenn es langsam vorwärtsgeht – die Schweiz von morgen zu gestalten, macht grosse Freude ... 

Oder die Schweiz von übermorgen ... 
Das kann man auch so sagen. Man darf sich nicht frustrieren lassen. Es braucht das Bewusstsein, dass dahinter komplexe Mechanismen stehen. Man muss anerkennen, dass andere etwas anders sehen, dass deren Ziele aber genauso respektabel sind. Und als Politikerin braucht es sicher eine dicke Haut. 

Könnten Sie mit jemandem befreundet sein, der «falsch» wählt? 
Ja, natürlich. Falsch ist so oder so relativ. Ich kann nachvollziehen, wenn man eine Sache anders sieht. Und ich bin keine Pol-Politikerin. Wenn man an einem Pol angesiedelt ist, hat man extremere Positionen zu vertreten und auch eine grössere Distanz zum anderen Pol. Ausserdem bin ich auf dem Land – in Weisslingen, im Kanton Zürich – aufgewachsen, wohne mittlerweile in der Stadt Zürich, habe in Barcelona und München gelebt, kenne auch durch meine unterschiedlichen Anstellungen und Studentenjobs genug unterschiedliche Perspektiven, um zu begreifen, dass andere Meinungen nicht minderwertig sind. Klar, bei Vereinbarkeitsfragen oder solchen, die die Umwelt betreffen, sprich da, wo halt mehr Herzblut drinsteckt, ist es schwieriger, zu verstehen. Da denke ich mir schon oft: «Warum sieht man jetzt nicht, wie dringlich das ist?» 

An der Stadt Zürich schätzen Sie die hohe Vielfalt. Was eher weniger? 
Zum Beispiel, was es für eine Familie heisst, in der Stadt zu wohnen. Die Kosten sind enorm. Und die Familienfreundlichkeit ist oft nicht sehr gross. Im Vergleich zu anderen Städten in anderen Ländern wird man hier mit Kindern oft nur geduldet. Das ist bedauerlich. Wir sind ein so wohlhabendes Land, sie sollten doch Platz haben. Wenn ein Kind im Tram weint, wird man nicht selten böse angeschaut oder sogar zusammengeschissen. 

Leben Sie CO2-neutral? 
Es ist im familiären Alltag natürlich nicht nur einfach, das zu hundert Prozent umzusetzen, aber ich versuche es. Würde ich auch, wenn ich nicht politisierte. Ich esse sehr wenig Fleisch, bin praktisch Vegetarierin. Ich vermittle meinen Kindern, dass man Fleisch nicht einfach wie Guetsli essen sollte. Dass man eher mit dem Zug fährt, dass man Essen nicht wegschmeisst oder dass das Fliegen für die Umwelt einen hohen Preis hat. 

Mit Ihrem Partner stimmen Sie darin überein? 
Das sind natürlich Grundwerte, die auf die Lebensformen Einfluss nehmen. Mit jemandem zusammenzuleben, der die Alltagsfreude primär darin definiert, dass man übers Wochenende mal schnell irgendwohin jettet, würde das Zusammenleben anspruchsvoll machen. Ähnliche Wertvorstellungen sind schon wichtig. 

Wo machen Sie denn Abstriche? 
Bei der Wohnsituation. Wir haben zwei Wohnorte, pendeln zwischen Zürich und Bern. Das bringt durchaus Herausforderungen mit sich, aber wir haben nun mal Familien an beiden Orten. Es ist keine unüberwindbare Distanz und durchaus möglich, an beiden Orten daheim zu sein. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. 

Mal schauen, was sie beruflich bringt: Leuthard, Sommaruga, Widmer-Schlumpf – das ist noch nicht Ihre Liga. Könnte es aber werden? 
Politische Laufbahnen lassen sich nicht so gut planen. Ich kann mir ein Exekutivamt auch auf kommunaler oder kantonaler Ebene durchaus vorstellen. Wer weiss, vielleicht verschlägt es mich an einen ganz anderen Ort. 

Bei Besuchen von Schulklassen werden Sie von Mädchen oft gefragt, wie Sie mit Angriffen gegen sich als berufstätige Mutter umgehen. Das ist also schon bei Schülerinnen ein grosses Thema. 
Anfeindungen, Angriffe, die mich als Mutter betreffen, sind eine Realität. Aber ich möchte all diesen Frauen Mut machen, weil es so wichtig ist, dass es mehr von ihnen gibt in der Politik. Es gab zwar 2019 eine Verschiebung im Parlament, doch wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Nach Auftritten in der «Arena» werde ich manchmal in Mails als Frau und Mutter in der Politik angegriffen. Und zwar in einer Aggressivität, die unglaublich ist. Ich werde oft gefragt, ob ich da noch schlafen könne. Auch von Schülerinnen. 

Wie können Sie noch schlafen? 
(Lacht.) Ich schlafe sehr gut. Ich bekomme auch viele positive Rückmeldungen. Die Anfeindungen dürfen nicht zu viel Raum einnehmen. Trotzdem darf man sie nicht wegschweigen oder ignorieren. Der Frauendachverband Alliance F beispielsweise geht jetzt mit seinem Projekt «Stop Hate Speech» systematisch gegen Anfeindungen und Diskriminierung im Internet vor. Aber Kritik gehört halt dazu. Ich will die Welt ja gestalten, und es gefällt nicht allen, wie ich das mache. Ich stehe in der Öffentlichkeit, bin exponiert – das ist Teil des Jobs. Ich geniesse diese Exponiertheit nicht, aber habe gelernt, damit umzugehen. 

Ihre Beziehung mit SP-Nationalrat Matthias Aebischer hat Sie noch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Sind Sie jetzt ein Promi? 
Nein, nein. Ich habe 2004 begonnen, zu politisieren. Seither stieg das Interesse für die Person immer mehr. Die Öffentlichkeit hat den Anspruch – den Wunsch –, die Menschen einer Partei besser zu kennen, nicht mehr nur, welche Position sie vertreten. Ich öffne mich da, doch es gibt Grenzen. Darunter fallen mein Zuhause, meine Kinder ... Ich will auf keinen Fall, dass Anfeindungen, die mir gelten, auf meine Kinder übertragen werden. 

Sind Sie Ihren Kindern auch manchmal peinlich? 
Bis jetzt nicht. Sie sind auch noch zu jung dazu. Doch sie bemängeln, dass ich zu viel und zu oft mit Leuten spreche, wenn wir unterwegs sind. 

Von Rahel Zingg am 26.06.2020
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