Ein Objekt, das keiner Erklärung bedarf. Man erkennt ihn sofort: schweres Leder, gestanzte Messingbeschläge, Motive von Kühen, Sennen, Sonne und Brauchtum. Er ist dort verankert, wo Tradition sichtbar wird, wo Handwerk zählt und Funktion Vorrang vor Inszenierung hat. Und doch wird der Appenzeller Gurt heute neu gelesen. Streng genommen gehört der sogenannte Sennen- oder Appenzeller Gurt – im Dialekt auch Chüeligurt – nicht zur eigentlichen Sennentracht. Sein Ursprung liegt nicht im Kleid, sondern im Handwerk, genauer gesagt in der Sennensattlerei. Der Sennensattler arbeitet nach einer jahrhundertealten Technik, die bis heute eine treue Anhängerschaft hat. Neben beschlagenen Hosenträgern, Schuhschnallen, Glocken und Treicheln entstehen dort Gürtel aus kräftigem Leder, versehen mit Silber- oder Messingbeschlägen. Viele Ornamente, die heute als typisch gelten, stammen ursprünglich von den Hosenträgern, die allerdings üppiger beschlagen sind als die Gürtel: gleiche Formen, gleiche Symbolik, gleiche handwerkliche Sprache.

Produzent und Sennensattler Daniel Fuchs platziert sorgfältig die traditionellen Ornamente auf dem Gurt.
zVgÜber den genauen Ursprung der Gürtel erzählt fast jeder Sennensattler seine eigene Geschichte. Häufig ist von den 1920er- und 1930er-Jahren die Rede, als die Gurte zunächst mit einfachen Polsternägeln versehen waren und erst später ornamentale Beschläge erhielten. Eine überlieferte Anekdote erzählt von einer Gräfin, die nach Appenzell reist und sich einen Gurt wünscht, der den dortigen Hundehalsbändern gleicht – schwer, dekoriert, sichtbar. Ob Legende oder Wahrheit: Die Geschichte verweist auf das, was den Gurt bis heute ausmacht – seine Nähe zu Funktion, Tier, Arbeit und Alltag. Diese handwerkliche Tradition bildet Jahrzehnte später die Grundlage für ein Label, das den Appenzeller Gurt aus dem rein Regionalen löst. Seit seiner Gründung 2012 bewegt es sich bewusst an der Schnittstelle von Brauchtum und Gegenwart. Der klassische Gurt bleibt das Herzstück, doch sein Kontext verschiebt sich: weg vom folkloristischen Objekt, hin zu einem kulturellen Statement. Für Gründer Caspar Eberhard, 47, war von Beginn an klar, dass es nicht um Nostalgie geht: «Ich glaube, wir haben es wirklich geschafft, dass der Appenzellergurt als Fashion Piece wahrgenommen wird und nicht nur als Heritage der Schweiz.»

In der Kooperation mit dem New Yorker Modelabel Bode steht der New Yorker Künstler Benjamin Bloomstein im Mittelpunkt. (Photo by Kristy Sparow/Getty Images)
Getty ImagesFrüh sucht das Label den Dialog mit anderen ästhetischen Welten. Kollaborationen mit Musik-, Mode- und Designschaffenden sorgen national wie international für Aufmerksamkeit. Dabei geht es nie um Folklore-Reproduktion, sondern um Übersetzung. «Es war mir wichtig, den Appenzeller Gurt ein bisschen aus dem Ethno-Bereich herauszunehmen und dass man ihn mit jedem Stil kombinieren kann.» erklärt Eberhard. Gefertigt werden die Gurte bis heute in traditioneller Handarbeit. Leder wird geschnitten, geprägt, genäht, die Beschläge einzeln gesetzt. Das verwendete Leder stammt überwiegend von Schweizer, teils süddeutschen Kühen aus nachvollziehbaren, regionalen Lieferketten. Gegerbt wird es nicht mit Chrom, wie es in der industriellen Lederproduktion üblich ist, sondern vegetabil – also pflanzlich, umweltfreundlicher und ungiftig. Die langsamere Gerbung braucht Zeit, entwickelt jedoch eine natürliche Patina und verleiht dem Material jene Tiefe, die industriell kaum reproduzierbar ist. Kleine Abweichungen gehören dazu. Sie gelten nicht als Mängel, sondern als Teil des Objekts.

Gründer Caspar Eberhard hat im Bereich Design und Kommunikation gearbeitet, bevor er sich 2014 selbstständig machte.
zVgQualität steht bewusst über Tempo sagt der Gründer: «Die Idee ist schon bei uns, dass man etwas hat, das auch lange hält und nicht einfach nur für eine Saison.» So sehr, dass die Gürtel inzwischen nicht nur getragen, sondern auch weitergegeben werden. Die Marke fragt gebrauchte Exemplare gezielt an, um sie erneut in Umlauf zu bringen – als gelebter Beweis für Dauerhaftigkeit statt Austauschbarkeit. Diese Haltung des Dauerhaften öffnet zugleich den Weg für neue Formen. Neben dem klassischen Gurt gibt es, neben dem Online-Shop, im neuen Laden im Zürcher Niederdorf am Stüssihofstatt 7 Hundehalsbänder, die das traditionelle Lederhandwerk in den urbanen Alltag übertragen, sowie Clogs, die Ende 2025 auf den Markt kommen. Es sind keine historischen Zitate, sondern zeitgenössische Objekte – reduziert, funktional, kompromisslos. In einer Modewelt permanenter Neuerfindung wirken sie wie ein Gegenentwurf. Man sieht die Gurte heute an jungen Kreativen in Cafés, kombiniert mit Jeans und weissem T-Shirt.

Traditionelles Appenzeller Hundehalsband aus Rindsleder mit typischen Messingverzierungen, von Appenzeller Gurt von Hand gefertigt.
zVgDie Clogs tauchen in urbanen Kontexten auf, getragen zu weiten Hosen oder Arbeitsjacken, während die Hundehalsbänder an Stadtleinen in Parks sichtbar werden. Alles wirkt selbstverständlich, nichts verkleidet. Was all diese Objekte verbindet, ist ihre Konsequenz. Sie sind nicht nachhaltig, weil es im Trend liegt, sondern weil sie dafür gemacht sind, zu bleiben. Sie sind nicht authentisch, weil man es behauptet, sondern weil man es ihnen ansieht. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man sie heute wieder trägt: nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Wunsch nach etwas Echtem.
