1. Home
  2. Style
  3. Lifestyle
  4. Kolumne Mittelklasse: Das Patriarchat ist auch weiblich
Mittelklasse

Das Patriarchat ist auch weiblich

Die Epstein-Files beschäftigen unsere Kolumnistin. Nicht nur, weil so viele Männer ungestraft mit furchtbaren Straftaten davonkommen. Sondern auch, weil sie deutlich zeigen, sie sehr auch Frauen unter dem Einfluss des Patriarchats stehen.

Artikel teilen

Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker

Auch Frauen sind nicht vor Misogyne gefeit, sagt Kolumnistin Sandra Casalini – und schliesst sich selbst mit ein.

Lucia Hunziker

Gishlaine Maxwell. Mette-Marit von Norwegen. Sarah Ferguson. Drei der Namen von Frauen, die in den Epstein-Files auftauchen. Es gibt noch viele mehr. Die meisten von ihnen waren nicht aktiv an den Verbrechen von Jeffrey Epstein beteiligt. Aber das Verhalten der Damen zeigt eines ziemlich deutlich: Man muss kein Mann sein, um patriarchale Strukturen zu unterstützen.

Fakt ist: Auch Frauen lassen sich von Geld und Macht beeindrucken. Auch Frauen schauen weg. Auch Frauen lachen über misogyne Witze. Und im extremsten Fall – wie bei Maxwell – machen Frauen auch mit, vermitteln, tolerieren Missbrauch nicht nur, sondern unterstützen ihn.

Der Mechanismus der hier spielt, und das gilt nicht nur für Epstein und Konsorten, sondern auch im ganz «normalen» Leben: Ehrgeizige Frauen sehen ihren Weg nach oben – wo immer das auch sein mag – über die Mitgliedschaft im «Boys Club». Darüber, von Männern akzeptiert zu werden. Auch wenn sie sich ganz fest beide Ohren zuhalten müssen, um die frauenverachtenden Sprüche auszublenden.

Das Traurige: Sind diese Frauen dann auf dem Weg nach oben oder gar dort angekommen, nutzen sie ihre Position selten, um andere Frauen zu fördern. Im Gegenteil: Sie verteidigen ihre Einzigartigkeit mit aller Macht, sehen andere erfolgreiche Frauen als Konkurrenz und machen sie runter. Man nennt das Stutenbissigkeit. Ein harmloses Wort für ein Phänomen, das weitreichende Folgen hat. Stellt euch nur mal vor, alle Frauen würden zusammenstehen und einander unterstützen, statt anderen Frauen möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Das Patriarchat hätte einen sehr viel schwereren Stand, als es das jetzt hat.

«Stellt euch vor, keine Frau würde mehr online die Körper von anderen Frauen kommentieren oder ihren Erziehungsstil anprangern.»

Stellt euch vor, keine Frau würde mehr online die Körper von anderen Frauen kommentieren, ihren Erziehungsstil anprangern oder ihre Lebensweise niedermachen. Stellt euch vor, jede Frau würde ihre Stimme erheben, wenn sie in ihrem Umfeld Sexismus erlebt, auch, wenn er sie nicht persönlich betrifft. Stellt euch vor, jede Frau würde an der Urne für Frauenanliegen abstimmen. Stellt euch vor, jede Frau würde alle anderen Frauen einfach so leben und aussehen lassen, wie das für diese stimmt. Warum das nicht der Fall ist? Weil das Patriarchat tief in uns allen schlummert. Misogynie – der Gedanke, dass alles, was weiblich gedeutet wird, weniger Wert ist als Männliches – ist tief in uns verankert. Auch in uns Frauen. Auch in mir.

Auch ich benutze frauenfeindliche Ausdrücke wie «Sei keine Pussy» (ja, sorry!). Oder «Stutenbissigkeit». Auch ich habe schon über Frauen, die Vollzeit Kinder und Haushalt betreuen, gesagt, sie würden «nicht arbeiten.» Auch ich hab über «Frau am Steuer»-Sprüche schon säuerlich gelächelt, aber nichts gesagt. Das will ich ändern. Ich will Frauen unterstützen, fördern, ihnen nicht in den Rücken fallen. Dass ist mein Beitrag gegen das Patriarchat.

Wie fest uns dieses immer noch im Griff hat, führen uns die Epstein-Files brutal vor Augen. So viele Frauen, die über so viele Jahre schon von dem Missbrauch erzählen. So viele Männer, die zweifellos Straftaten begangen haben. Ein einziger von ihnen wurde verhaftet – wegen Amtsmissbrauch. 

Von SC am 1. März 2026 - 07:30 Uhr