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Mittelklasse

Nur ein bisschen Menschlichkeit, bitte!

2025 ist vorbei. Global gesehen vermisste unsere Kolumnistin vor allem eines im gerade vergangenen Jahr: Menschlichkeit. Sie hofft, dass Toleranz, Wohlwollen und Hilfsbereitschaft 2026 wieder ein bisschen mehr in Mode kommen.

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Sandra Casalini

Für Sandra wird die Interaktion mit Menschen immer mehr Wert haben als die mit KI. Sie hofft, dass das auch andere so sehen, insbesondere nachkommende Generationen.

Lucia Hunziker

2025. Wir zählen über 60 Terroranschläge weltweit. Ein Massaker im Sudan im Februar kostet 433 Leben. Ein Auto, das im gleichen Monat in München in einen Demonstrationszug fährt, zwei. Jedes ist eines zuviel. Im Mai greift ein fanatischer Abtreibungsgegner im amerikanischen Palm Springs ein Zentrum an, das Abtreibungen durchführt. Kurz vor Weihnachten richten zwei radikale Islamisten in Sydney, Australien, 15 friedlich Feiernde einer jüdischen Gemeinschaft hin. In Kriegen sterben weltweit über 200’000 Menschen.

2025. Es gibt noch keine offiziellen Zahlen, aber in der Schweiz wurden schätzungsweise um die 50 Leute umgebracht, über die Hälfte davon sind Fälle von häuslicher Gewalt. Im November zählen wir 25 Femizide. Männer bringen Frauen um. Islamisten bringen Juden um. Israeli bringen Palästinenser um. Es geht um Macht, Geld, Ideologien, persönliche Vorteile. Menschen bringen Menschen um. Weil sie das Gefühl haben, sie bekommen nicht das, was ihnen zusteht. Macht, Geld, Aufmerksamkeit, Liebe, die unbedingte Loyalität einer Frau.

2025. Entlassungswellen treffen die Industrie-, Technologie-, Finanz- und Medienbranche. Auch in der Schweiz. Viele haben das Gefühl, als Arbeitnehmende nur noch Nummern zu sein. Fähigkeiten und Einsatz sind egal, obs einen trifft, ist Zufall. Krankenkassenprämien und Wohnungpreise steigen in astronomische Höhen. Leute in den Chefetagen in Politik und Wirtschaft zucken die Schultern. Ist halt so. Kann man nix machen. Hauptsache, der eigene Bonus stimmt.

2025. In einer Umfrage unter amerikanischen Jugendlichen gibt ein Drittel an, schon mal eine Liebesbeziehung mit einem Chatbot geführt zu haben. KI ist nicht nur Liebes- und Sexualpartner, sondern auch Ratgeber, Freund, Coach. «Seine Komfortzone zu verlassen, wird künftig bedeuten, nicht die einfache Interaktion mit KI zu wählen, sondern die mit Menschen», sagt mir Jugendforscher Simon Schnetzer im Dezember in einem Interview.

«2025. So viele Menschen, die sich einen Scheiss für andere Menschen interessieren. Vom Täschli auf dem Zugsitz bis hin zu Terror und Krieg.»

2025. Ich erlebe in meinem Umfeld verzweifelte Menschen auf Job- oder Wohnungssuche. Zu alt, zu jung, zu weiblich, zu männlich, zu ausländisch, oder sonst nicht ins Schema passend. Ich sehe Freundschaften zerbrechen, weil niemand bereit ist, über den grossen Schatten seines Egos zu springen. Ich sehe jeden Morgen im Zug Leute, denen es wichtiger ist, ihr Täschchen auf dem Sitz neben sich zu deponieren als einer alten Dame einen Sitzplatz anzubieten. Menschen ignorieren und degradieren Menschen. Es geht um Macht, Geld, persönliche Vorteile. Menschen behandeln Menschen respektlos. Weil sie das Gefühl haben, es steht ihnen irgendwie mehr zu als anderen.

Philosophisch gesehen definiert sich Menschlichkeit über Güte, Milde, Toleranz, Wohlwollen und Hilfsbereitschaft. «Der rücksichtslose Mensch, der sich nicht für andere Menschen interessiert, ist nicht human», sagte Cicero. 2025. So viele Menschen, die sich einen Scheiss für andere Menschen interessieren. Vom Täschli auf dem Zugsitz bis hin zu Terror und Krieg.

2026. Kriegen wir es hin, wieder menschlicher zu werden? Wenigstens ein bisschen?

Von SC am 6. Januar 2026 - 07:30 Uhr