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Der ganz normale Wahnsinn

Ab ins Ausland: Noch eine Lektion im Loslassen für Mama

Die Tochter unserer Familienbloggerin ist zu einem Auslandaufenthalt aufgebrochen. Ihrer Mutter bricht es zwar das Herz, ihre «Kleine» in die grosse weite Welt ziehen zu lassen. Aber die Freude überwiegt. Denn Sandra C. weiss aus eigener Erfahrung: Es ist etwas vom Besten, was man in jungen Jahren machen kann.

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Gleich geht es ins Flugzeug. Warten am Flughafen. Birmingham West Midlands United Kingdom *** Almost ready to board the plane Waiting at Birmingham West Midlands Airport United Kingdom Copyright: xRolfxPossx

Bye-bye: Die Tochter unserer Familienbloggerin zieht es ins Ausland.

IMAGO/Rolf Poss

Ich muss gestehen, ich schäme mich ein bisschen. Ich war die Einzige, die mein Kind zum Flughafen gebracht hat. Und ihm auch noch den Koffer gestossen hat. Alle anderen Kids waren ohne Eltern da. Ich hab mich schnell verabschiedet, damit's dem Kind nicht peinlich war, und bin abgerauscht. Wenigstens hab ich so nicht geheult beim Abschied.

Eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens 

Ich wundere mich ein bisschen über mich selbst. Meine Tochter ist 18, offiziell erwachsen, und geht für einen Monat nach Südengland. Das sind knapp 1’200 Kilometer von hier. Ich war jünger als sie, als es mich wegzog. Und zwar für ein ganzes Jahr, nach Australien. Über 16’000 Kilometer von zu Hause. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgend etwas anderes fühlte als Freude und Aufregung, während sich bei meiner «Kleinen» doch auch ein kleines bisschen Angst in die Vorfreude mischte, wie sie am Vorabend des Abenteuers gestand.

Dabei habe ich meinen Kindern schon im Primarschulalter gesagt, dass ich sie bei Auslandsplänen jederzeit unterstützen werde. Denn meine eigene Erfahrung ist bis heute eine der wichtigsten und prägendsten meines Lebens. Man ist vor so einem Auslandaufenthalt geneigt, zu denken, die grösste Herausforderung sei die Sprache. Das stimmt so nicht. Mit einer Familie zu leben, die nicht meine war, mich ihren Gewohnheiten und Regeln anzupassen, war nicht immer einfach. (Wer hätte gedacht, dass eine verkehrt aufgehängte WC-Rolle zu Diskussionen führen könnte?)

«Am meisten geprägt hat mich die Erfahrung, mir am anderen Ende der Welt ein Leben aufbauen zu können.»

Dasselbe galt für die Schule (ich hab mich bis zum Schluss nicht an diese Schuluniform gewöhnen können), das Essen (über Vegemite müssen wir nicht diskutieren, es ist gruusig. Aber wenn man sich bei einem Barbecue auf eine Wurst freut, und das Ding schmeckt zum Ausspucken, ist man einfach nur frustriert), und die Kultur (wie kann man den ganzen Tag beim Cricket verbringen und sich nicht langweilen?)

Am meisten geprägt hat mich die Erfahrung, mir am anderen Ende der Welt ein Leben aufbauen zu können. Das hat mein Selbstbewusstsein in einer Art und Weise gestärkt, wie es nie möglich gewesen wäre, wäre ich zu Hause geblieben. Zu meiner Familie und vielen Freundinnen und Freunden (von denen einige heute in Europa leben) habe ich immer noch, teilweise sehr engen, Kontakt.

Ein weiterer Schritt Richtung Unabhängigkeit 

Und: Ein bisschen Distanz zu gewinnen zu meinem Leben zu Hause, hat bewirkt, dass ich nach meiner Rückkehr vieles hinterfragt und nicht mehr ganz so wichtig genommen habe. Das wünsche ich mir auch für meine Tochter. Ich bin sehr gespannt auf ihre Erzählungen. Auch wenn ich mich, ehrlich gesagt, ein bisschen vor den nächsten Wochen ohne sie fürchte. Nicht nur, weil sie nicht hier ist, sondern weil es einen weiteren Schritt auf unserem Weg zu ihrer Unabhängigkeit bedeutet. Eine weitere Lektion im Loslassen für mich. Ob ich mich je daran gewöhnen werde?

Von Sandra C. am 1. Oktober 2022 - 17:58 Uhr