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Der ganz normale Wahnsinn

Klar hab ich ein Lieblingskind

Eine vierfache Mutter gesteht in einer britischen Talkshow, dass ihre jüngste Tochter ihr Lieblingskind ist. Alle verwerfen die Hände. Dabei haben Studien längst gezeigt, dass über die Hälfte aller Eltern eines ihrer Kinder bevorzugen. «Wie ist das eigentlich bei mir?», fragt sich unsere Familienbloggerin.

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Sandra Casalini, bei sich zu Hause in Thalwil, mit ihren Kindern Gian und Joya, am 04.12.2018, Foto Lucian Hunziker

Ob unsere Familienbloggerin ein Lieblingskind hat? Klar – immer gerade das, das nicht ganz so laut schreit.

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Laut Familienforschung sind die Gründe, ein Kind zu bevorzugen, vielfältig. Man tut's, weil man ein Kind als besonders begabt wahrnimmt, oder, im Gegenteil, als besonders hilfsbedürftig. Oder weil man mit ihm emotional auf einer Wellenlänge liegt. Und hier liegt dieser Studien-Hund begraben. Eine der bekanntesten Umfragen in dieser Richtung, durchgeführt von der University of California, stellte die Frage nämlich wie folgt: «Welchem Ihrer Kinder fühlen Sie sich emotional am nächsten?» Auf «Haben Sie ein Lieblingskind?» hätten nämlich eh alle Nein gesagt. Also emotionale Nähe gleich Lieblingskind? Ich weiss nicht.

Mein emotionales Spiegelbild 

Die Frage ist für mich nämlich relativ leicht zu beantworten. Kind 2 ist mein emotionales Spiegelbild. Und genau deshalb hat es das Potenzial, mich so kolossal auf die Palme zu bringen wie niemand sonst auf der Welt. Weil ich mich über niemanden sonst so aufrege wie über mich selbst. Jedesmal, wenn das Kind so gleichgültig die Schultern zuckt und sagt «Sch mr egal», und ich weiss, dass es ihm wirklich egal ist, weil es nämlich das Kind ist, das nie weiss, was es will, aber immer, was es nicht will. Dann könnt ich schreien «entscheid dich doch mal, Mensch!» – im Wissen, dass ich mit diesem Satz genauso gut mein Spiegelbild anschreien könnte.

Wenn ich also wiedermal über der Einkaufsliste brüte und mich nicht entscheiden kann, was ich kochen soll, und Kind 2 zuckt die Schultern, und Kind 1 sagt «Rindsfilet mit selbst gemachtem Kartoffelstock und Sauce und mit Honig glasierten Rüebli», dann, ja dann ist das entscheidungsfreudige Kind 1 total mein Lieblingskind. Und wenn ich dann im Laden stehe, und realisiere, was das Wunschmenü von Kind 1 kostet, und mich entscheide, doch einfach Pasta zu machen, im Wissen, dass Kind 1 sich unglaublich nerven wird («Warum fragst du dann, wenn du's eh nicht machst?»), während Kind 2 total okay damit ist, wenns zum dritten Mal diese Woche Pasta gibt – dann mag ich Kind 2 grad tatsächlich etwas lieber.

«Wir denken, wir müssten unsere Kinder ständig alle gleich liebhaben. Wie soll das gehen?»

Hab ich ein Lieblingskind? Klar. Heute Morgen wars das, das beim Aufstehen weniger gemotzt hat. Heute Abend wars das, das sein Geschirr freiwillig abgeräumt hat. Und das war nicht das gleiche wie das, das ich am Morgen noch netter fand. Die Aussage «du hast ihn bzw. sie lieber als mich» über Geschwister haben wir alle schon mehrfach gehört. Wenn wir ehrlich wären, würden wir darauf antworten: «Im Moment gerade schon. Aber das ändert wieder.» Tun wir nicht, weil wir irgendwie denken, wir müssten unsere Kinder ständig immer gleich liebhaben. Wie soll das gehen? Kinder sind manchmal doof, und sie sind nicht immer gleichzeitig gleich doof. Da darf man auch mal ein Lieblingskind haben.

Von Sandra C. am 5. November 2022 - 18:00 Uhr