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Joëlle schaut fern

Die Moral aus zehn Jahren «Auf und davon»

Was unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil nach zehn Jahren «Auf und davon» gelernt hat, sollte der Inhalt eines Glückskekses sein. So viel Weisheit will geteilt werden. 

auf und davon
Familie Schönbächler mitten im Nirgendwo von Kanada, wo sie ihr Glück gefunden hat.  SRF

Es gibt sie zu genügend: Reality-Formate, die sich aufs Scheitern und Dramen fokussieren, weil sie ein voyeuristisches Bedürfnis des Zuschauers befriedigen wollen. Man möchte sich als Zuschauer dem Protagonisten überlegen fühlen und dessen Fehler vorhersehen, damit man sich schliesslich auf die eigene Schulter klopfen kann und sich überlegen fühlt. Ganz anders war das schon immer beim SRF-Format «Auf und davon».

Am Samstagabend feierte die Auswanderer-Sendung zehnjähriges Bestehen. Es war die Jubiläums-Folge, in der Moderatorin Monat Vetsch, 42, einige alt bekannte Auswanderer-Gesichter wieder besucht hat, um zu erfahren, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist.

Trocken wie Zwieback

Im Fokus stand meine Lieblingsfamilie: Familie Schönbächler. Die Berner zog es 2010 nach Kanada, mitten ins Nirgendwo. Das Nirgendwo hat einen Namen, nämlich Rosswood. Mag wohl keinem ein Begriff sein, denn ausser Weite und Bäume und Bären gibts dort nicht viel. Aber die Schönbächlers haben genau das gesucht und gefunden: Einsamkeit.

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Familie Schönbächler lauscht zusammen mit Mona Vetsch Gölä in der Einsamkeit Kanadas. Aufgefangen auf dem Bild: Der wohl emotionalste Gesichtsausdruck von Papa Schönbächler (der mit Jahrhundertbart).  SRF

Vater Hermann hatte schon immer seinen ganz eigenen Charme. Trocken wie ein Zwieback und charmant wie ein Stabmixer, und dennoch drückte stets eine gewisse Wärme durch. Das sind Leute, die das Herz am rechten Fleck tragen.

Nach zehn Jahren sind die Kinder wohlauf, die Eltern ebenso. Das Haus steht und alle sind heiter und munter. Die Geschichte von Hermann Schönbächler war noch nie die Auswanderer-Geschichte eines Träumers, der in Los Angeles Superstar werden wollte. Es war schon immer die Geschichte eines bodenständigen Typen, der noch tiefere Wurzeln schlagen wollte. Es ist diese Zufriedenheit und Bescheidenheit, die mich als Zuschauerin berührt.

«Uruguay? Noch nie gehört»

«Auf und davon» hat nicht nur bekannte Gesichter besucht, sondern auch einige Familien gezeigt, welche es eigentlich nicht in die Sendung geschafft haben. Familien, die sich vor Jahren beworben hatten. Eine davon war Familie Flury, die einem scheinbar unstillbaren Fernweh hinterher reist.

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Familie Flury zieht es von Land zu Land. Ohne Vorahnung, ohne Planung. Und irgendwie funktioniert es und sie sind zufrieden. «Glück lässt sich eben nicht immer planen», würden kluge Menschen nun sagen.  SRF

Das eigentliche Ziel war Australien. Vor Ort funktionierte dann etwas mit der Aufenthaltsbewilligung nicht, also zog die Familie weiter. Irgendjemand erzählte etwas von Uruguay. «Noch nie von diesem Ort gehört», erinnert sich der Vater. «Also lass uns mal hingehen.» Kinder und Koffer gepackt und auf die andere Seite der Welt ging es. Dort wurde es dann auch etwas zu langweilig und heute lebt die Familie in Florida. So naiv diese Vorgehensweise auch ist, so schön ist es zu sehen, wie auch die Flurys zufrieden sind und für ihr Glück vor allem eins brauchen: sich selbst.

Noch eine Prise Gölä zum Schluss

Zum Schluss überraschte Gölä, der den Titelsong der Sendung singt, die Schönbächlers auf ihrem Anwesen. Gölä ist ebenfalls etwas Zwieback und so rieben sich Zwieback an Zwieback und wurden dicke Freunde. 

Die Moral der Geschicht ist wohl etwas kitschig. Aber wenn uns «Auf und davon» während zehn Jahren doch gelehrt hat, dann dies: Renne dem Glück etwas hinterher, lass es aber vor allem auf dich zukommen und erkenne es, wenn es da ist. Und dann sei einfach zufrieden und dankbar. 

Von Joëlle Weil am 17. Februar 2019