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Ein Corona-Krimi im Kleinkunst-Milieu, Folge 1

Hinter der Bühne

Der 55-jährige Schriftstellern, Publizist und Familienvater Pedro Lenz schreibt in der «Schweizer Illustrierten» monatlich «Gschichte vo hie und hütt».

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Jonas Messmer / format.ch

Dafflon stützte den Kopf mit beiden Händen. Es war halb elf am Vormittag, aber Dafflon war müde wie am Ende eines anstrengenden Tages. Er starrte auf die Tischplatte und sagte fast unhörbar leise: «Das Theater ist geschlossen. Verstehen Sie doch, Dottore! Ge-schloss-en!»

Ihm gegenüber, in der Theatergarderobe, stand Salerno, im Mundwinkel eine filterlose Lucky Strike, im Gesicht ein aufgesetztes Lächeln, in der Brusttasche ein seidenes Taschentuch. Zum Reden nahm Salerno die Zigarette nicht aus dem Mund: «Nein, mein lieber Dafflon, nein, nein, nein. Ich glaube, wir reden aneinander vorbei.» Der Besucher trug einen perfekt geschnittenen Nadelstreifenanzug. Er suchte in der engen Garderobe den Punkt, der am weitesten vom verzweifelten Dafflon entfernt war. Social Distancing – der Begriff gefiel ihm schon deshalb nicht, weil das Wort «sozial» darin enthalten war. Sozial war etwas, was in seiner Welt keinen Platz hatte. Dennoch suchte er physische Distanz, und als er weit genug weg stand, sagte er: «Wissen Sie, Dafflon, mein Problem ist das Geld, das Sie mir schulden. Sie sollten mir das Geld zurückzahlen. Und was tun Sie stattdessen? Sie erzählen von Ihren Problemen. Unser gemeinsames Problem ist allerdings, dass mich Ihre Probleme nicht interessieren. Ihre Probleme langweilen mich. Mich interessiert nur mein Problem. Und mein Problem beläuft sich mittlerweile auf 54'000 Franken.»

Dafflon, der Theaterdirektor, hob langsam den Kopf, um seinen Besucher anzusehen: «Aber Dottore, woher soll ich das Geld nehmen, wenn wir nicht mehr spielen können? So lange der Lockdown gilt, kommt hier kein Franken mehr ins Haus!»

«Das habe ich schon verstanden, mein Freund. Aber ich bin Geschäftsmann, und ich brauche das Geld, das Sie mir schulden. Ich brauche die 54 Riesen jetzt. Woher die kommen sollen, müssen Sie sich selbst überlegen. Für mich ist nur wichtig, dass ich sie erhalte, sehr bald erhalte!» Dafflon schwitzte. Seine Worte schienen am Gaumen zu kleben: «Wenn wir wieder spielen, bekommen Sie Ihr Geld, Dottore. Ich verspreche es!»

Salernos Lächeln erstarb. «Nicht erst dann, lieber Dafflon, nicht erst dann. In einer Woche komme ich wieder. Dann liegt hier auf dem Tisch der ganze Betrag in Bargeld, schön abgezählt, keine Tausendernoten.»

«Aber Dottore, das ist ganz und gar unmöglich, ich sagte Ihnen doch …»

Salerno hob eine Hand zum Zeichen, dass von nun an nur noch er reden würde: «Es täte mir unendlich leid, wenn es nicht klappen sollte. Es täte mir leid um Ihr Theater, um Sie und ganz besonders um Ihre rührende Familie. Wie traurig wäre es, wenn Ihrer bezaubernden Frau oder Ihren hübschen Kindern etwas zustossen sollte, nur weil Sie Ihre Schulden nicht im Griff haben? Das wollen wir doch beide nicht!»

Dafflon wollte seinen Besucher festhalten. Er wollte ihn nahe haben, um ihm ins Gesicht zu sagen, was für ein Hund er war. Aber bevor er es schaffte, seinen schweren Körper in Gang zu setzen und auf Salerno zuzugehen, hatte dieser den Raum schon verlassen.

Dafflon hörte noch, wie die Aussentüre ins Schloss fiel, dann war es still in der Garderobe, totenstill. Nur der Rauch der Lucky Strike hing noch in der Luft.

Warum

SI-Fortsetzungskrimi

Corona bestimmt unser Leben. Lockdown, Ausgehbeschränkung, geschlossene Geschäfte, Kinos, Theater. Die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg lässt niemanden kalt. Im Wettlauf mit dem Virus werden Notspitäler errichtet, Soldaten eilen der Zivilgesellschaft zu Hilfe, Schulkinder büffeln im Homeschooling. Die Not setzt ungeahnte kreative Kräfte frei – auch bei SI-Kolumnist und Autor Pedro Lenz: Woche für Woche überrascht er sich – und uns – mit neuen Wendungen seines Corona-Krimis.

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Schreibt oft in Mundart: Schriftsteller Pedro Lenz.

Geri Born

Dafflon wusste, dass er handeln musste. Er suchte die Nummer eines Künstleragenten aus dem Appenzellerland: «Wicker, Dafflon hier, Dafflon aus Bern, ich brauche deine Hilfe!»

Wicker, Inhaber der Agentur Artist Delivery, hatte die letzten Tage damit verbracht, seinen Künstlern gut zuzureden und bereits abgemachte Auftritte abzusagen oder zu verschieben. Als er den Anruf entgegennahm, trank er eben den fünften Kaffee an jenem Vormittag.

«Wer spricht da? Dafflon? Vom Theater Aarelauf? Lange nichts von dir gehört, Dafflon! Was kann ich für dich tun in diesen schweren Zeiten?»

«Wicker, du musst mir ein paar deiner Künstler vermitteln. Leute, die Geld brauchen und bereit sind, weiter aufzutreten.»

«Die Theater sind geschlossen, Dafflon. Oder gilt das bei euch in Bern noch nicht? Geht ihr mal wieder etwas langsamer mit den Problemen um?» Dafflon ging nicht auf den lahmen Scherz ein. Er wollte keine Zeit verlieren und kam direkt zur Sache: «Ich habe ein Hinterzimmer mit geheimem Zugang. Ich kann ein paar Vorstellungen organisieren, unter der Hand. Die Leute gieren nach Kunst. Die Menschen wollen Ablenkung, sie wollen wieder lachen. Vermittle mir ein paar Comedy-Acts. Ich kümmere mich um den Rest. Ich habe Stammgäste, die bereit sind, für gute Unterhaltung gut zu bezahlen.»

«Hast du an konkrete Namen gedacht?»

«Egal, deine Bühnenkünstler sind sowieso alle gleich blöd. Schick irgendeinen Sprachverdreher, einen Kalauer-Poeten, einen, der Prominente parodiert, einen Blödelbarden mit Gitarre oder eines dieser jungen Mädchen, die vulgäre Sprüche und Genderwitze machen. Das spielt alles keine Rolle. Wichtig ist nur, dass sie verschwiegen sind und das Publikum zum Lachen bringen. Ach, und wenn es Fernsehgesichter sind, umso besser.»

Einen Augenblick lang blieb die Leitung still. Dafflon hörte nur sein eigenes Atmen, und er spürte die Schweisstropfen, die über seine Stirne liefen. Dann schien der Agent seine Stimme wiedergefunden zu haben.

«Dafflon, du verlierst deine Lizenz. Das ist kein Spass mit diesen Verordnungen des Bundesrats.» «Lieber riskiere ich meine Lizenz, als dass ich meine Familie nicht mehr ernähren kann. Also Wicker, sag mir, ob du ein paar Künstler vermittelst oder ob du lieber zuschaust, wie ein alter Partner kaputtgeht.»

Wieder war während einigen Sekunden, die Dafflon wie eine Ewigkeit vorkamen, am andern Ende der Leitung nichts zu hören.

«Mir ist das zu heiss, Dafflon. Ich sende dir alle Direktkontakte, und du redest selbst mit ihnen. Falls jemand fragt, weiss ich von nichts. Und noch etwas Dafflon: Dieses Telefongespräch hat nie stattgefunden!»

Als Dafflon sein Mobiltelefon weglegen wollte, sah er eine neue Nachricht auf dem Display: «Deine Zahlungsfrist beträgt noch 6 Tage und 23 Stunden. Lieber Gruss, Salerno.» Trotz der Hitze im Raum begann Dafflon zu frieren.

So gehts weiter

Gelingt es Dafflon trotz Corona-Shutdown und leeren Kassen, die geforderten 54'000 Franken aufzutreiben? Und: Macht Salerno seine Drohung wahr?

Hier gehts zur Folge 2...

Von Pedro Lenz am 09.04.2020
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