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59 % der Schweizerinnen wurden schon sexuell belästigt

Die aktuellen Zahlen von Amnesty International sind schockierend? Ja. Aber auch nicht gerade überraschend. Wir erzählen euch unsere Geschichten.

Frau sitzt traurig auf ihrem Bett
40 Prozent der Schweizer Frauen machen sich in ihrem Alltag Sorgen, sexuell belästigt zu werden. Getty Images

Mindestens jede fünfte Frau ab 16 Jahren hat einen sexuellen Übergriff erlebt, mehr als jede zehnte Frau durchlitt Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen. 59 Prozent hat eine Belästigung in Form von unerwünschten Berührungen, Umarmungen oder Küssen erlebt. Uff. Die Zahlen, die aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Amnesty International hervorgehen und eine Petition zur Reform des Schweizer Sexualstrafrechts unterstützen sollen, sind erschütternd.

Überrascht war hier auf der Redaktion leider trotzdem niemand, denn eine kurze Frage in die Runde ergibt: Wir alle waren schon in unangenehmen bis potenziell gefährlichen Situationen, wie sie oben beschrieben werden. Ein Übergriff fängt nicht erst beim unfreiwilligen Sex an. «Anzügliche und peinliche Bemerkungen mit sexuellem Bezug, sexistische Körpersprache oder Gesten, unerwünschte Berührungen, sexuelle und körperliche Übergriffe bis hin zur Nötigung und Vergewaltigung», listet die Schweizerische Kriminalprävention unter der Kategorie sexuelle Übergriffe auf. 

In den unten stehenden Episoden erzählen wir euch, wie wir solche Momente erlebt haben. Um aufzuzeigen, welch unterschiedliche Formen sexuelle Gewalt annehmen kann. Und dass keine davon verharmlost werden darf. Aus Gründen der Diskretion wurden die Statements anonym abgegeben. 

Im Ausgang

«Ich gehe als 26-jährige Oma nur noch selten in Clubs, unter anderem, weil ich früher so viele negative Erfahrungen gesammelt habe. Mehrmals wurde mir von hinten an den Po gefasst, meiner Freundin einmal an die Brüste. Traurig: Es war irgendwie ganz normal. Das einschneidendste Erlebnis hatte ich aber an einer Mini-Homeparty, bei der ich mit 16 zu viel getrunken habe. Ich musste mich in einem anderen Raum hinlegen, weil es mir – ganz offensichtlich – nicht gut ging.

Statt einem Glas Wasser wurden mir eklige Annäherungsversuche vom ebenfalls betrunkenen Freund des Gastgebers serviert. Ich konnte mich wegen meines Alkoholpegels nicht gegen die Berührungen wehren und war unglaublich erleichtert, als zufällig meine Freundin ins Zimmer kam, um nach mir zu schauen. Da ist er schnell abgezischt.»

Im Job

«Ja, auch ich. Traurigerweise sogar in einem journalistischen Arbeitsumfeld bei einem Praktikum und Volontariat. Da kam mir mein «Mentor» eindeutig zu nahe, hat mir jeweils die Hand auf die Schulter oder aufs Bein gelegt und ab und zu sogar einen Kuss auf die Wange gegeben, zum Verabschieden oder zum Gratulieren. Ich habe mich damals an mehrere Mitarbeiterinnen gewendet – einige von ihnen haben die Szenen auch beobachtet und fanden sie ebenfalls völlig unangebracht.

Ich kam damals gerade aus der Kanti, war also irgendwie 19 Jahre alt und fürchtete um meine Stelle. Er war schon lange im Business und hatte auch den Ruf, dass er einem allenfalls die Karriere vermiesen könne. An einem Punkt wars mir dann aber echt zu viel. Ich habe mich so unwohl gefühlt bei der Arbeit und insbesondere, wenn er mit mir gemeinsam in einem Raum war, dass ich in sein Büro gegangen bin und ihm gesagt habe, dass er mir zu nahe kommt. Er tat ganz überrascht, hat sich auch entschuldigt und liess mich dann mehr oder weniger in Ruhe bzw. gingen wir uns einfach möglichst aus dem Weg. Den Griff auf die Schulter hat er aber auch nach dem Gespräch noch ab und zu gewagt – unmöglich echt. 

Jahre später kam übrigens raus, dass auch andere Praktikantinnen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Sie wollten sogar aktiv werden diesbezüglich. Was da schlussendlich genau passiert ist, weiss ich leider nicht. Dem muss ich vielleicht mal nachgehen.»

Im eigenen Zuhause

«Es war mein 25. Geburtstag. Und weil ich einige Tage davor seit Ewigkeiten mal wieder Kontakt mit ihm gehabt hatte, lud ich spontan auch meinen Ex-Freund zu dem Fest ein. Wir waren schon jahrelang getrennt. Der Abend war lustig, die Gespräche angeregt und ja, der billige Fusel floss in Strömen. Irgendwann machten sich zu vorgerückter Stunde dann auch die letzten Partygäste duselig auf den Heimweg. Alle. Bis auf meinen Ex.

Vielleicht war es, weil wir schon zu müde waren, um das Sofa zu beziehen, vielleicht aus reiner Dummheit, vielleicht aber auch einfach, weil ich mir ganz ehrlich nichts dabei dachte: Jedenfalls liess ich ihn in meinem Bett schlafen. Er links, ich rechts. Im Pyjama. Kaum hatte ich mich zur Seite gedreht, wanderte seine Hand auf meine Seite, berührte erst meinen Arm, dann meinen Bauch. Ich schob sie weg. Doch dann war sie gleich wieder da. Der Griff etwas fester. Auf meinem Oberschenkel, meinen Brüsten. Erneut drückte ich die Hand weg. Diesmal etwas bestimmter. Doch auch das half nichts.

Als nächstes rollte er sich mit seinem ganzen Gewicht auf meinen Körper, begann mich zu Küssen. Ich versteifte mich, die Panik kroch in mir hoch, bis ich ihn schliesslich laut schreiend von mir wegstiess. Endlich kam er zur Besinnung. Rollte sich zur Seite und schlief sofort ein. Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu und machte mir so sehr Vorwürfe dafür, während der Party eventuell falsche Signale gesendet zu haben, dass ich mich nicht einmal traute, den Vorfall bei der Verabschiedung am nächsten Tag anzusprechen. Einige Wochen später kam eine Email. Mein Ex entschuldigte sich für den Vorfall. Gesprochen haben wir uns seither nicht mehr.»

Im Alltag

«Ich bin eine der Glücklichen, der noch nichts Nennenswertes passiert ist. Klar, gab es im Club mal einen Po-Grapscher, hier und da einen aufdringlichen Spruch, Blicke, die mir unbehaglich waren oder Komplimente im professionellen Umfeld, die dort nichts zu suchen hatten. Aber, und hier kommt das für mich sehr wichtige 'Aber':  

In der Summe haben all diese Vorfälle zur Folge, dass ich mich sehr einschränke. Es ist ein steter Eiertanz. Ich fühle mich als Frau einfach nicht frei. Wenn ich am Abend im Dunkeln heimgehe, gebe ich vor, zu telefonieren, laufe, wenn möglich, Umwege oder gehe früher heim. Ich meide Taxis und Uber weil ich mich nicht sicher fühle. Gehe ich joggen und begegne einem Mann – versuche ich, den Weg zu wechseln, oder hinter ihm zu bleiben. All das ist nicht nur mir als Frau gegenüber unfair, sondern auch all den Männern, die nichts im Sinn haben und wegen einigen übergriffigen Arschlöchern ebenso verunsichert sind wie ich. Das ist, auf gut Deutsch, einfach scheisse!»

In der Familie

«Als ich zwölf war, hatten wir den Onkel von meinem Vater zu Besuch. Ein netter, älterer Herr, der tolle Geschichten erzählte und hobbymässig Bienen züchtete. Wir hatten ihn lange nicht gesehen und so wurde aus einem Kurzbesuch eine ganze Woche. Am letzten Tag, ich war eben auf dem Weg zur Schule, kam es zur Situation, die mich nachhaltig verstörte. Statt einer Umarmung und einem Tschüss gab es einen unerwartet feuchten Kuss, der mehrere Sekunden dauerte.

Hatte er mir da gerade seine Zunge in den Hals gesteckt? Ja, hatte er. Und scheinbar war es für ihn das Normalste auf der Welt. Ich erinnere mich, wie ich die nächsten Tage durcheinander war und mich ekelte. Ich habe ihn seither nie mehr gesehen.»

Von Marlies Seifert am 22. Mai 2019