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«Untenrum»-Podcast

Sex-Talks als Chance

In ihrem Podcast «Untenrum» redet ­Naomi Gregoris, 31, mit Frauen über Sex und Lust. Warum das Gespräch darüber intimer sein kann als jedes Video.

Frau mit Kopfhoerer im Bett

Das Zuhören allein ist ein sinnlicher Vorgang und passt deshalb zum Thema Sex.

Getty Images

Wie kann es sein, dass zwei Menschen aus einer gemeinsamen Nacht gehen und der eine denkt: «Hey, gut gelaufen!», der andere aber im Taxi nach Hause weint? Sex lässt noch viele sprachlos zurück. So manches bleibt unausgesprochen bei diesem «irre schwierigen» Thema. Es kommt zu Missverständnissen, Unsicherheit. Wir müssen über Sex reden. Das ist eine Floskel, aber sie trifft den Kern. Wir sollten wirklich – und zwar ehrlich und offen. Um Licht zu machen, vor allem in den Grauzonen.

Im Podcast «Untenrum» dreht sich alles um die weibliche Sexualität. Die Journalistin Naomi Gregoris lässt dabei Frauen von ihren schönen, aber auch traurigen Erlebnissen erzählen. Also, Frau Gregoris: Lassen Sie es uns jetzt tun. Über Sex sprechen und darüber, warum Sie sich für so viel Intimität gerade dieses so florierende Medium ausgesucht haben.

Style: Was ist das Konzept Ihres Podcasts?
Naomi Gregoris: Ich lasse Frauen sprechen. Von ihren Erfahrungen mit Lust und Sexualität. Räume ihnen genug Zeit ein, um ihre Geschichte zu erzählen. Möglichst wertfrei. Möglichst ohne diesen Druck, mit seinen Erzählungen jemanden beeindrucken zu müssen.

Müssen wir mehr über Sex sprechen?
Ich glaube, es ist wichtig, dass sich Frauen gehört fühlen und in den Erfahrungen anderer wiedererkennen können. Es geht dabei auch um diese Situationen, bei denen man sich in einer Grauzone befand. Bei denen man selbst nicht einschätzen konnte, ob ein Übergriff stattgefunden hat – oder nicht. Ob man das wirklich wollte – oder nicht. Und ich glaube, das sind Momente, die jeder Frau widerfahren sind, die sie selbst aber für nichtig befand. Momente, bei denen es aber eben wichtig gewesen wäre, miteinander zu sprechen.

Was würde wohl passieren, wenn wir alle ungehemmt über Sex sprechen könnten?
Ich hoffe, dann würden sich die Machtverhältnisse etwas ausbalancieren. Es gäbe mehr Klarheit, Selbstbewusstsein, Lust – ein besseres Verständnis von Sexualität. Wenn man darüber sprechen kann, wenn man lernt, seine Unsicherheiten in Worte zu fassen, führt das zu einem höheren Verständnis. Für sich selbst, aber auch für seine Umwelt. Und dadurch könnten Ambivalenzen geklärt werden. Zu hören, dass es nicht okay ist, wenn der Arbeitskollege seine Hand auf jemandes Oberschenkel legt … Aber auch Männern, die durch die ganze Debatte das Gefühl bekommen, jetzt gar nichts mehr richtig machen zu können, weil es gegen sie verwendet werden kann, verhilft es vielleicht zu mehr Trennschärfe. Ja …  (atmet geräuschvoll aus). Aber das sind hohe Ziele.

Warum haben Sie sich das Podcast-Format ausgesucht?
Wegen der Intimität des Formats. Die passt perfekt zu meinem Thema. Du hörst einfach nur zu, und das ist ein sehr sinnlicher Zugang. Du bist ganz allein mit diesen Geschichten. Und es lässt dir Raum für Fantasie, Raum, um eigene Bilder zu erschaffen. Das ist ja auch der grosse Unterschied zum Video. Dort ist alles schon ausgelegt und ausformuliert.

Naomi Gregoris

Die Baslerin Naomi Gregoris richtet ­die Scheinwerfer auf das Thema Sexualität.

Christopher Kuhn für «Annabelle»

Haben Sie Tipps für alle, die sich an die Produktion eines Podcasts wagen?
Man muss natürlich wissen, was man erzählen will. Und es ist sehr aufwendig. Du brauchst Zeit. Und du brauchst Geld. Momentan ist es schier unmöglich, Podcasts zu finanzieren. Es gibt keine Stiftungen, die Förderungen aussprechen. Das Konzept passt auch in kein Programm von Kunstförderern wie beispielsweise Pro Helvetia. Die unterstützen Literatur, Musik, Kunst – vielleicht noch Theater. Ich habe zu Beginn Fördergeld erhalten von der Stiftung für Radio und Kultur Schweiz. Eine der ganz wenigen, bei denen man Gelder dafür beantragen kann.

Lässt sich in der Kostenlos-Kultur im Internet überhaupt Geld verdienen?
Es gibt ein paar Möglichkeiten. Da wäre zum Beispiel eine deutsche Firma, mit der ich mich kürzlich getroffen habe. Deren Konzept: Sie stellen dir eine Software zur Verfügung, die du in deine Website einbetten kannst und über die deine Hörer anschliessend Member werden, sich einschreiben und verschiedene Mitgliederbeiträge wählen können. Freiwillige Beiträge zwischen fünf und zehn Franken pro Monat. Ich setze für die nächste Staffel auf Crowdfunding – oder auf meine Community und deren Goodwill. Das wäre eher mein Ding als Paywalls. Aber wenn du dir eine Anhängerschaft aufgebaut hast, ist das möglich.  

Von Rahel Zingg am 23. August 2019