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Allein unterm Baum

So geht man mit Einsamkeit an Weihnachten um

Egal ob alt oder jung: Für viele Menschen ist Weihnachten auch das Fest der Einsamkeit. Ab wann Einsamkeit zum Problem wird und wie man sich trotzdem ein schönes Fest macht, erklärt die Psychologin Dr. Hanne Horvath im Interview.

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An Weihnachten fühlen sich viele Menschen einsam.
An Weihnachten fühlen sich viele Menschen einsam. Ilona Kozhevnikova/Shutterstock.com

Viele ältere, aber auch jüngere Menschen verbringen das Weihnachtsfest alleine. Und auch in Gesellschaft kann man sich einsam fühlen. Dr. Hanne Horvath, Psychologin und Mitgründerin der Online-Therapie-Plattform HelloBetter, erklärt im Interview, wie man mit Einsamkeit an Weihnachten umgeht und das Fest trotzdem zu einem schönen Erlebnis wird.

Gerade an Weihnachten fühlen sich viele Menschen einsam. Woran liegt das?
Dr. Hanne Horvath: Laut einer Umfrage verbringen jährlich etwa 2,4 Millionen Deutsche Weihnachten alleine. Sind all diese Menschen auch einsam? Nein, denn Einsamkeit ist nicht mit Alleinsein gleichzusetzen, sondern ein subjektives Erleben, welches unangenehm und häufig schmerzhaft ist. Das heisst, einige Menschen fühlen sich seltener einsam als andere und auch innerhalb des eigenen Lebens fühlen wir uns in manchen Lebensphasen einsamer als in anderen. An Weihnachten kann dieses Gefühl der Einsamkeit phasenweise aufkommen oder die bisherige Einsamkeit noch einmal verstärken.

Ein reich geschmückter Tannenbaum, unter dem die Kinder mit den vielen neuen Errungenschaften spielen, während die ganze Familie harmonisch zusammensitzt - dieses Bild von Weihnachten wird uns bereits in unserer Kindheit durch traditionelle wie auch moderne Medien suggeriert. Mit anderen Worten: Weihnachten wird teilweise mit erhöhten sozialen Erwartungen und gesellschaftlichem Druck verbunden. Sieht die Realität jedoch anders aus, können wir uns enttäuscht oder einsam fühlen.

Was raten Sie Menschen, die die Feiertage alleine verbringen müssen?
Horvath: Entgegen der häufigen Annahme, man müsse doch nur mal wieder unter Menschen gehen, ist das Gefühl der Einsamkeit nicht an das Alleinsein gebunden. Anders ausgedrückt: Auch im Kreise der Familie können wir uns an Weihnachten alleine fühlen. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass wir nicht einsam sein müssen, wenn wir Weihnachten alleine verbringen. Weihnachten alleine zu feiern, kann auch eine Chance sein, sich seinen eigenen Bedürfnissen zuzuwenden. Die Feiertage können zum Beispiel genutzt werden, um am Ende des Jahres mal etwas zur Ruhe zu kommen und sich Zeit für die Dinge zu nehmen, die im Laufe des Jahres zu kurz gekommen sind, Stichwort Selbstfürsorge. Das kann ein heisses Bad, ein spannendes Buch oder zum Beispiel ein Spaziergang im Schnee sein.

Wenn bereits feststeht, dass die Feiertage alleine verbracht werden, so können wir im Vorfeld aktiv werden und rechtzeitig mit Freunden oder Bekannten in Kontakt treten. Wir können nachfragen, ob eine gemeinsame Weihnachtsfeier möglich ist. Das gilt auch im umgekehrten Fall. Wenn wir mitbekommen, dass jemand in unserem Umfeld die Weihnachtstage alleine verbringen wird, können wir diese Person von uns aus einladen. Alternativ sind Kirchen und Beratungsstellen insbesondere zu Weihnachten eine hilfreiche Adresse wie auch die Telefonseelsorge.

Ab wann wird Einsamkeit zum Problem?
Horvath: Für einen kurzen Zeitraum ist das Gefühl der Einsamkeit weniger bedenklich und entsteht häufig in Übergangssituationen, zum Beispiel bei Trennungen, Umzug oder Jobwechsel. Hält das Gefühl jedoch über einen längeren Zeitraum von mehreren Wochen oder Monaten an und geht beispielsweise mit Angstattacken oder Panik einher, sollte definitiv reagiert und therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.

Besonders nach dem Verlust eines geliebten Menschen ist Weihnachten für viele schwer. Wie kann das Fest trotz Trauer schön werden?
Horvath: Nach dem Verlust eines geliebten Menschen ist dieses Weihnachten vielleicht das erste Fest ohne diese Person. Um besser mit der Trauer umzugehen, hilft es sowohl gemeinsame Traditionen zu pflegen, als auch neue aufzubauen. In Gedenken an den geliebten Menschen können wir zum Beispiel eine Kerze anzünden oder ein Erinnerungsstück gut sichtbar platzieren, um uns der Person nahe zu fühlen. Trauer und schöne Weihnachtstage müssen sich nicht ausschliessen, sondern können parallel existieren. Das gemeinsame Trauern mit Familienangehörigen oder Freunden und Bekannten kann den Zusammenhalt stärken, ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln und dennoch ein schönes Weihnachten ermöglichen. Es hilft, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Trauer und ein gelungenes Weihnachtsfest einander ausschliessen. Wir sollten uns erlauben, den Emotionen, die präsent sind, Raum zu geben.

Viele fühlen sich auch in Gesellschaft einsam. Wie kommt das?
Horvath: Das Gefühl von Einsamkeit entsteht vorrangig, wenn wir uns mit unseren eigenen Gefühlen und Gedanken nicht wohlfühlen. Gesellschaft kann uns zwar helfen, mit diesen unangenehmen Gedanken und Gefühlen umzugehen, dennoch müssen wir uns dazu mit den Menschen in unserem Umfeld wohlfühlen. Ist das nicht der Fall, also fühlen wir uns der Personengruppe oder Gesellschaft nicht zugehörig, weil wir beispielsweise deren Gedanken nicht teilen, dann kann auch das zu Einsamkeit führen.

Von spot am 24. Dezember 2022 - 15:08 Uhr