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Corona-Pandemie

«Wir brauchen den realen sozialen Kontakt»

Die Corona-Krise zwingt uns, unser Leben neu zu organisieren. Gewohnte Handlungen werden hinterfragt. Was macht das mit uns in der Zukunft? Wirtschaftspsychologe Tobias Heilmann hat Antworten.

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Nur noch online chatten? Von wegen, sagt der Wirtschaftspsychologe. Menschen mögen das gesellschaftliche Zusammensein wie hier in einer Bar.

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Style: Im Moment steht das Leben still, (fast) nichts geht mehr. Nur noch das Nötigste wie Lebensmittel und Medikamente darf in den Läden eingekauft werden. Was macht das mit uns?
Tobias Heilmann: Ich glaube, ein Problem ist die mediale Berichterstattung. Wenn das Interesse etwas schwindet und nicht im Minutentakt über die Corona-Krise berichtet wird, dann wird auch die Angst genommen. Das Problem ist, dass wir Menschen sozial ängstlich sind und uns anstecken lassen. Wir haben vor dem Angst, wovor auch andere Angst haben.

Alles wird im Moment digital organisiert. Wir kaufen online ein, Schüler verfolgen im Homeschooling den Unterricht über das Internet, sogar Gottesdienste werden live gestreamt. Wie nachhaltig verändert ein solches Verhalten den Menschen?
Das Lernen wird sich sicher nachhaltig verändern. Man wird in Zukunft vermehrt auf Online-Modelle oder hybride Lernangebote umstellen. Denn es geht ja, wie man sieht. Warum sollte das in religiösen Bereichen nicht auch funktionieren?

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Welche Folgen hat das für die Wirtschaft? Auch wenn die Läden in den nächsten Wochen wieder öffnen sollten, verändert eine solche Krise längerfristig die Art und Weise wie wir einkaufen und kommunizieren?
Die Folgen für die Wirtschaft müssten eher andere einschätzen. Aber ich persönlich denke, dass es keine wirtschaftliche Depression geben wird. Die Art und Weise des Einkaufs, d.h. Onlineshopping wird sicher nicht gebremst, sondern man wird einiges adaptieren. Ich glaube aber nicht, dass das Einkaufen vor Ort stirbt. Wir sind soziale Wesen. Bei der Kommunikation kann ich mir gut vorstellen, dass Online-Videokonferenzen im Arbeits- oder Lehralltag wichtiger werden als bisher. Es hat ja unbestrittene Vorteile: weniger Kosten resp. Anfahrtswege, die weg fallen.

«Ich habe aus psychologischer Sicht eher Sorge, dass man verlernt, dem Gegenüber in die Augen zu schauen.»

Tobias Heilmann
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Wertvolle Lebensqualität: Zusammen mit Freunden an einem Tisch sitzen, essen, schwatzen und geniessen.

Getty Images/iStockphoto

Was hat das für einen Einfluss auf unser Sozialverhalten? Gewöhnen wir uns daran, dass wir auch in Zukunft nur noch online daten oder mit der Familie, z.B. den Grosseltern, in dieser Form kommunizieren?
Die Gruppe der Digital Natives macht das ja ohnehin bereits. Ich habe aus psychologischer Sicht eher Sorge, dass man verlernt, dem Gegenüber in die Augen zu schauen, Gefühle richtig zu deuten und doch noch mehr antworten zu können als Daumen hoch oder Emoticons. Wir brauchen den realen sozialen Kontakt.

Sehen Sie Probleme darin, wenn plötzlich alle Geschäfte und sozialen Interaktionen digital stattfinden?
Ich sehe Herausforderungen, aber auch Chancen. Chancen können sein, dass wir zum Glück technisch in vielen Bereichen in der Lage sind, uns mittels Chat oder Videokonferenzen auszutauschen. Deshalb funktioniert in der aktuellen Situation das Home Office insgesamt gut. Und damit haben wir auch die Möglichkeit, uns mit Freunden und Verwandten auszutauschen. Das ist doch toll. Herausforderungen sind natürlich, dass im Arbeits- oder auch im Lehrbereich die Art, respektive die pädagogischen Konzepte, angepasst werden müssen.

Was sind die langfristigen Gefahren?
Psychologische Gefahren kann ich jetzt nicht abschätzen. Gesellschaftlich und wirtschaftlich kann es gut sein, dass es Länder geben wird, die lange benötigen werden, um sich vom Schock zu erholen. Aber das sollen Ökonomen beurteilen. Ich bin einfach Optimist.

«Krisen bringen immer neue Ideen, Blickwinkel und Innovationen hervor.»

Tobias Heilmann
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Wegen Social Distancing könnte es zu einer Rückbesinnung auf die Familie kommen.

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Kommt es zu einer Bubble bzw. Isolation einzelner Gruppen?
Das kann gut sein. Ich sehe schon, dass die Solidarität vorhanden ist. So gibt es Nachbarschaftshilfe, die on- und offline organisiert wird. Aber ich bin auch der Meinung, dass die aktuelle Lage dazu führen kann, dass final jeder für sich allein – ganz darwinistisch – agiert.

Kann man sich auch digital solidarisch verhalten?
Natürlich. Soziale Unterstützung geht auch dort.

Was bedeutet ein Sozialleben in Zeiten von Social Distancing?
Ich denke, dass es eine Rückbesinnung auf die Familie gibt. Und man merkt, was man da aneinander hat. Es gehen ja aktuell Dinge verloren oder sind verboten, die für uns im Sozialleben total normal sind. Das ist ja auch eines der belastenden Dinge, beispielsweise Ausgangssperren wie wir sie in Spanien oder Italien sehen. Dort kommuniziert man persönlich über Balkone. Not macht erfinderisch.

Können wir auch etwas Positives aus dieser Krise mitnehmen?
Natürlich. Ich bin ein grosser Optimist und denke, dass ganz allgemein viele verschiedene Massnahmen auf Ebene der Politik, der Gesundheit, der Arbeit und der Bildung angedacht werden. Das ist toll. Insgesamt bringen Krisen auch immer neue Ideen, Blickwinkel und Innovationen hervor. Das ist das Positive. Das ist es, mit dem wir gestärkt aus der Krise gehen werden.

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ZVG

Zur Person

Dr. phil. Tobias Heilmann ist Autor und Wirtschaftspsychologe. Er ist Geschäftsführer von campaignfit und Studiengangsleitung MAS Wirtschaftspsychologie, FFHS. Dozent Marken- & Personalpsychologie, Leadership (EMBA), Methoden & Statistik an FFHS, UZH, ETH/MILAK.

Von Simon Beeli am 26.03.2020
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