Hansueli Müller, warum sind das Gehör und das Hören für Kinder besonders wichtig?
Unsere Gesellschaft ist stark auf die Lautsprache ausgerichtet und nicht etwa auf die schriftliche Kommunikation oder die Gebärdensprache. Das heisst, wer nicht gut hört, hat auch Mühe, Lautsprache zu verstehen. Die Eltern und das Umfeld können einem gehörlosen Kind nicht den notwendigen Wortschatz mitgeben und entsprechend wird es in der Schule – und auch im weiteren Leben – mit vielen Hürden konfrontiert sein.
Kommen viele Kinder taub oder mit einem sehr schlechten Hörvermögen zur Welt?
Offizielle Statistiken gibt es nicht. Expertinnen und Experten gehen aber davon aus, dass zirka ein bis drei Babys von 1000 Neugeborenen ein auffälliges Gehör haben.
Ab wann ist es möglich, die Hörminderung festzustellen?
Grundsätzlich direkt nach der Geburt. Zu Beginn befindet sich im Mittelohr aber häufig noch Fruchtwasser, das zuerst abfliessen muss. In der Regel wird darum am dritten Tag nach der Geburt die Hörfähigkeit durch ein Screening mittels Otoakustische Emissionen (OAE) gemessen. Zeigen sich Auffälligkeiten, erfolgt eine sogenannte Hirnstamm-Audiometrie (BERA), die aufzeigen kann, ob das Gehirn auf Töne reagiert.
Der Experte

Hansueli Müller ist Hörakustik-Experte bei Neuroth und Präsident des Schweizerischen Pädakustikerverbandes.
ZVG
Was sind die häufigsten Gründe für eine Hörminderung bei Babys?
Unter anderem das Zytomegalie-Virus, das zur Familie der Herpes-Viren zählt. Die Mutter kann dieses Virus während der Schwangerschaft aufs Kind übertragen, was zu Schädigungen des Gehörs führen kann. Auch Komplikationen während der Geburt, wie ein Sauerstoffmangel, können eine Ursache sein. Zudem kann es zu Hörminderungen kommen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol, Nikotin oder Drogen konsumiert. Weitere Ursachen sind seltene Syndrome oder Gen-Mutationen.
Wie wichtig ist es, einen Hörverlust bei einem Kind möglichst früh zu erkennen?
Sehr wichtig. Bereits ab der 24. Schwangerschaftswoche sind Innen- und Mittelohr voll ausgebildet sowie die Hörbahnen angelegt. Allerdings funktionieren sie noch sehr rudimentär und müssen stimuliert werden. Das Gehör funktioniert wie ein Muskel: Es braucht Inputs, damit es wachsen kann.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, wenn eine Hörminderung festgestellt wird?
Kommt ein Kind gehörlos zur Welt, wird empfohlen, möglichst früh – idealerweise noch im ersten Lebensjahr, spätestens vor dem zweiten – ein Cochlea-Implantat einzusetzen. Dieses stimuliert das Innenohr elektrisch. Dazu wird im Innenohr ein Elektrodendraht platziert und direkt am Aussenohr ein Audioprozessor. Das ermöglicht es, dass Kinder Sprache verstehen und einen umfassenden Wortschatz entwickeln. Zudem helfen bei einer Hörbeeinträchtigung klassische Hörgeräte.
Woran können Eltern erkennen, dass ihr Baby nichts oder nur sehr schlecht hört?
Hier ist es wichtig, die Anzeichen zu kennen, die eine falsche Sicherheit vermitteln können. Zum einen ist dies das Lallen: Zirka im zweiten Lebensmonat beginnt die erste Lall-Periode. Viele Eltern haben dann das Gefühl, das sei ein Zeichen dafür, dass ihr Kind hört. Dieses Lallen wird aber nur über das Gespür gesteuert. Die Babys spüren, was sich im Kehlkopf und Hals bewegt und testen das aus. Erst die zweite Lall-Periode, die ungefähr ab dem vierten Monat einsetzt, wird über die Ohren gesteuert. Setzt diese nicht ein, ist das ein Hinweis, dass eine mittel- bis hochgradige Hörminderung vorliegt.
Gibt es weitere Anzeichen?
Wenn ein Kind nicht aufwacht, obwohl es beispielsweise einen lauten Knall gab oder wenn es auf Zurufe nicht reagiert. Später kann auch ein Sprachfehler ein Hinweis auf eine Hörminderung sein. Wer nicht richtig hört, lernt oft auch die korrekte Aussprache nicht. Ich empfehle grundsätzlich, im Kindergartenalter einen Hörtest bei einem Pädakustiker oder einer Pädakustikerin zu machen. In der Regel sind diese kostenlos.
Was sollte man beachten, um das Gehör von Kindern zu schützen?
Das Wichtigste ist, den Kindern in Lärmsituationen einen Gehörschutz anzuziehen. Weiter empfehlen wir, Kindern zum Musikhören gute Kopfhörer zu kaufen, die Nebengeräusche dämmen. Ansonsten besteht die Gefahr, die Musik lauter aufzudrehen, um die störenden Geräusche zu übertönen. Zudem sollte man möglichst keine Wattestäbchen verwenden. Das Risiko ist gross, dass durch eine falsche Bewegung das Trommelfell beschädigt wird. Ausserdem kann der Gebrauch von Wattestäbchen zu Verstopfungen und Entzündungen führen. Generell sollte unser Gehör mehr Aufmerksamkeit erfahren. Genauso, wie wir zur Optikerin oder zum Optiker gehen, sollten wir auch Termine bei der Hörakustikerin oder dem Hörakustiker wahrnehmen. Es gibt heutzutage gute Möglichkeiten, um einen Hörverlust auszugleichen.

