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  4. Will Smith, Oliver Pocher - wir wollen die Ohrfeige nicht zurück! Strategien, um körperliche Gewalt zu vermeiden

Für Eltern und Will Smith

Fünf Strategien, um körperliche Gewalt zu vermeiden

Die Ohrfeige hat an einem einzigen Wochenende gleich zwei Comebacks gegegeben. Dabei wollen wir sie nicht zurück! Weder in der Öffentlichkeit noch in den eigenen vier Wänden hat Gewalt etwas zu suchen. Mit diesen Strategien umgehen wir Austicker – als Eltern und Nicht-Eltern.

Mural zeigt Ohrfeige von Will Smith

In Berlin inspiriert Will Smiths Oscar-Austicker die Kunstszene: Ein Mural zeigt den Moment als analoges Meme.

Getty Images

Die Ohrfeige ist zurück. Das war so nicht geplant, aber nun ist es so geschehen. Während sich die westliche Welt hin zu immer mehr Achtsamkeit bezüglich physischer und psychischer Gewalt bewegt, haben gleich zwei prominente Personen öffentlich Backpfeifen vergeben. Will Smith sorgte mit seiner Ohrfeige für Chris Rock an der Oscar-Verleihung für Entsetzen und den Ruin seines Rufs, Oliver Pocher kassierte eine Klatsche von einem nur halb bekannten Comedian während eines Boxkampfs (aber nicht im Ring!).

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Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn körperliche Gewalt so offensichtlich immer noch von erwachsenen Männern als Problemlösung vorgelebt wird? Wohl vor allem, dass wir weiterhin bemüht sein müssen, alternative Strategien zu entwickeln, um unsere Probleme zu lösen. Angefangen bei uns Zuhause, in den eigenen vier Wänden. Wo das Problem leider ebenfalls weiterhin existiert. Laut der 2020 erschienenen Studie zum Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz, sind einige körperliche Bestrafungsformen – wie etwa die Ohrfeige oder ein Klaps auf den Po – gesellschaftlich weiterhin akzeptiert.

Aber selbst Eltern, die eigentlich bewusst mit dem Thema umgehen und körperliche Gewalt nicht anwenden wollen, kommen in der Kindererziehung manchmal an einen Punkt, an dem sie nahe daran sind, eine Grenze zu überschreiten – oder sogar tatsächlich gewalttätig werden.

Bestrafungen erwirken nicht die beabsichtigte Verbesserung, sondern eher eine Verschlechterung des Verhaltens bei Kindern.

Körperliche Gewalt ist nicht zielführend

Dabei ist längst bekannt: Neben all den traumatisierenden und schädigenden Wirkungen, die körperliche Gewalt auf Kinder hat, taugt sie auch tatsächlich nicht als Erziehungsform. Körperliche Bestrafungen erwirken nicht die beabsichtigte Verbesserung, sondern eher eine Verschlechterung des Verhaltens bei Kindern. Die konnte eine Studie in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift «The Lancet» publizierte Meta-Analyse nachweisen. Wenn ein Kind seine Eltern zur Weissglut treibt (und das kommt ja wirklich in den besten Familien vor), löst körperliche Gewalt das Problem also nicht, sondern sie verschlimmert es, indem sie einen Teufelskreis startet.

Es gibt jedoch andere Strategien, Auseinandersetzungen zu bewältigen, die tatsächlich helfen. Damit die Ohrfeige für immer verschwinden kann. Lulzana Musliu-Shahin von Pro Juventute erklärt, was Eltern tun können, um herausfordernden Situationen gelassener und lösungsorientierter zu begegnen.

1. Abstand als effektiver erster Schritt

«Wenn Sie in einer verfahrenen Auseinandersetzung mit Ihrem Kind merken, dass Sie am liebsten schreien, es schütteln oder gar zuschlagen würden, sollten sie erst einmal versuchen, sich emotional zu stabilisieren. Indem Sie durchatmen und innerlich auf zehn zählen, können Sie Verzweiflungsreaktionen vermeiden», sagt Lulzana Musliu-Shahin. In diesem kurzen Time-out entstehe der Raum, um so zu reagieren, wie man es eigentlich möchte.

Kochen die Gefühle sehr hoch, können auch folgende Tipps helfen, sich zu beruhigen:

  • Den Raum / die Szenerie kurz verlassen, um sich zu sammeln
  • Mit dem Rücken und gebeugten Knien gegen eine Wand lehnen und die Fersen leicht vom Boden heben
  • Sich umschauen und Dinge aufzählen, die man sieht: Alle Farben, alle Gegenstände

Musliu-Shahin: «Diese Übungen helfen dabei, die Aufmerksamkeit von den Emotionen weg und auf die gegenwärtige, äussere Situation zu lenken.»

«Könnte es sein, dass Sie oder Ihr Kind so heftig reagieren, weil Hunger, Durst oder Müdigkeit im Spiel sind?»

Lulzana Musliu-Shahin, Pro Juventute
2. Gründe verstehen, beheben und künftig vermeiden

In der Überforderung sieht man oft nicht, welch simple Gründe zur Eskalation geführt haben. Diese lassen sich manchmal ganz einfach eruieren – und in Zukunft durch vorausschauendes Handel vielleicht sogar vermeiden. Laut Musliu-Shahin sollten Eltern sich fragen: «Könnte es sein, dass Sie oder Ihr Kind so heftig reagieren, weil Hunger, Durst oder Müdigkeit im Spiel sind? Wenn ja, konzentrieren Sie sich zuerst darauf, dass diese Bedürfnisse so gut wie möglich befriedigt werden. Stellen Sie alles andere – auch die Lösung des Konflikts – hintenan. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie die Situation später klären. Befinden Sie sich in einer lauten, unruhigen oder stressigen Umgebung, so suchen Sie einen etwas ruhigeren, geschützteren Ort am Rand auf oder gehen Sie gemeinsam nach draussen.»

3. Visualisieren des gewünschten Verhaltens

Wie in der Selbstverteidigung hilft es auch in der Erziehung, sich das eigene gewünschte Verhalten vor Augen zu führen. Ist einem eine Situation entgleitet, ist es nie zu spät, daraus für die Zukunft zu lernen. Man kann sich zum Beispiel vorstellen, wie man besser hätte reagieren können. «Manchmal helfen Vorbilder: Könnten Sie sich so verhalten, wie diejenige Person es tun würde, die mit Ihnen am freundlichsten war, als sie noch ein Kind waren?»

4. Um Hilfe bitten, wenn nötig auch professionelle

In der Situation selbst kann vielleicht ein Nachbar oder die Freundin für spontane Entlastung sorgen. Auch die Pro Juventute Elternberatung ist rund um die Uhr erreichbar und steht Eltern 24 Stunden am Tag mit Rat zur Seite – ohne zu verurteilen. Die Beratung ist sowohl telefonisch wie auch online verfügbar.

5. Es ist nie zu spät, neu anzufangen

Für Eltern oder andere Erwachsene, die bereits physische (oder auch psychische) Gewalt angewendet haben, ist wichtig zu wissen, dass sie sich Hilfe holen sollten. «Gewalt hört nicht von selbst auf», sagt Lulzana Musliu-Shahin. Hier bieten sich Erziehungskurse wie etwa der «Starke Eltern – starke Kinder» vom Kinderschutz Schweiz an. Pro Juventute hat ausserdem hilfreiche Tipps zusammengestellt, die Eltern dabei unterstützen, den Familienalltagsdauerstress ohne Austicker zu bewältigen. Ihr findet sie unter diesem Link.

Von KMY am 7. April 2022 - 09:08 Uhr
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