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Schlaftraining – ja, aber wie?

«Man muss Kinder nicht schreien lassen»

Mit Kindern kommt der Schlafmangel und die Augenringe hängen bis zum Kinn. Auch prominente Eltern wie Jessica Biel und Justin Timberlake kennen diese Situation. Gibt es denn überhaupt etwas, das man tun kann, damit der Nachwuchs endlich ein- beziehungsweise durchschläft? Ja, sagt Kinderärztin Anne-Kristin Rostetter.

schlaftraining für babys und kinder

Das Bedürfnis nach Schlaf ist hier nicht ganz ausgeglichen: Müde Eltern treffen auf hellwaches Baby.

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Schlaf – die Sache, von der viele Eltern über Jahre hinweg zu wenig bekommen. Der Grund: Ihre Babys und Kinder schlafen schlecht ein, schlecht durch – oder beides.

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Diese Erfahrung macht auch das Promi-Paar Jessica Biel (39) und Justin Timberlake (40). Seit letztem Jahr sind die beiden zweifache Eltern, Sohne Silas (6) hat mit Phineas (1) einen kleinen Bruder bekommen. Im Interview mit Talkmasterin Ellen DeGeneres (63) bezeichnet die Schauspielerin Kinder haben zwar als wilde, verrückte und lustige Fahrt, gibt jedoch zu, dass es sehr schwierig ist, ihren Jüngeren zum Schlummern zu bringen. Eine Zeit lang sei alles noch ganz gut gegangen, aber dann hätte er zu Zahnen begonnen. «Seither schläft wieder keiner von uns», sagt sie. «Ich glaube wirklich, dass Kinder aus diesem Grund so herzig sind. Man schaut sie an und denkt: ‹Ach, ich bin so müde, aber du bist so süss, ich liebe dich und ich werde das irgendwie durchstehen.›»

WEST HOLLYWOOD, CALIFORNIA - FEBRUARY 03: (L-R) Justin Timberlake and Jessica Biel pose for portrait at the Premiere of USA Network's "The Sinner" Season 3 on February 03, 2020 in West Hollywood, California. (Photo by Rodin Eckenroth/Getty Images)

Seit 2012 verheiratet: Jessica Biel und Justin Timberlake.

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Ein Weg, wie das Paar der ganzen Familie wieder entspanntere Nächte ermöglichen will, ist Schlaftraining. Dazu lasse es den Kleinen auch mal für ein paar Minuten weinen, bevor es ins Zimmer gehe, um ihn zu beruhigen. Mit ihrem Älteren wäre das noch undenkbar gewesen, erinnert sie sich: «Wir waren nervös und konnten den Gedanken, ihn weinen zu lassen, nicht aushalten. Es hat uns das Herz gebrochen.» Mit Phineas sei es immer noch hart, aber es falle ihnen deutlich leichter zu denken «Du schaffst das schon, alles kommt gut», sagt sie und lacht. «Phin macht das wirklich toll.» 

Aber wie ist das denn nun mit dem Weinen lassen – soll man das machen, oder doch lieber nicht? Und wie viel Schlaf braucht ein Kind überhaupt? Kinderärztin Anne-Kristin Rostetter hat unsere brennenden Fragen beantwortet.

Dr. Rostetter, was sind realistische Erwartungen an die Schlafgewohnheit eines Neugeborenen oder Babys?
Es ist wichtig zu beachten, dass der individuelle Schlafbedarf sehr unterschiedlich ist (siehe Infobox unten). Zudem hat ein Neugeborenes oder Säugling in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt noch keinen Tag-Nacht-Rhythmus. Das heisst, es ist alle drei bis vier Stunden wach und schläft dann wieder. Diese Wachphasen werden immer länger, je älter das Baby wird. Durchschnittlich gibt es mit sechs Monaten drei Tagesschlafphasen, mit neun bis zwölf Monaten zwei und mit 15-18 Monaten noch eine Tagesschlafphase. Es ist normal, dass ein Säugling nachts wach wird und sich meldet. Die Schlafphasen sind beim Säugling kürzer als beim grösseren Kind, das heisst, es wird häufiger kurz wach.

Ist es eine Typfrage, ob ein Baby gut schläft oder nicht?
Ja, das kann man so sagen. Eltern können das Kind aber dabei unterstützen, indem sie es kennenlernen und mithilfe eines Rhythmus, welchen sie ihm vorgeben, helfen, seinen individuellen Schlafbedarf optimal zu erreichen.

So viel Schlaf braucht ein Kind

  • Ein vier Wochen alter Säugling schläft zwischen 9 und 19 Stunden pro Tag.
  • Das siebenjährige Kind schläft 9 bis 12 Stunden pro Nacht.
  • Ein 13-jähriger Teenager braucht 7.5 bis 10.5 Stunden Schlaf.

Wie funktioniert denn so ein Schlaftraining?
Schlaftraining ist ein weiter Begriff. Sollte es Probleme beim Schlaf eines Kindes geben, sollte man sich an den Kinderarzt wenden und ein Schlafprotokoll führen. So kann der individuelle Schlafbedarf ermittelt werden und es wird besprochen, welche Massnahmen die Eltern bis dahin durchgeführt haben. Wichtig ist dann zu wissen, wo das genaue Problem liegt. Sind es eher Einschlafprobleme oder wacht das Kind nachts auf, isst oder trinkt es nachts noch? Dann versucht man eine Rhythmisierung. Dazu gehört auch die Strukturierung des Tagesrhythmus mit den Tagesschlafphasen, den Essenszeiten, der aktiven Zeit. Wichtig ist besonders für Säuglinge und Kleinkinder ein Ritual zum Einschlafen. Wenn die Kinder so lernen, selbstständig einzuschlafen, können sie auch lernen, in der Nacht nach dem Erwachen wieder selbstständig einzuschlafen.

Stichwort Rituale: Wie geht man das am besten an?
Auch hier gilt wieder: Jedes Kind ist individuell. Es gibt kein einfaches Training, das alle Eltern gleich anwenden können. Es ist wichtig, auch mit Hilfe der Mütter-Väter-Beratung oder der Kinderärztin, dem Kinderarzt, herauszufinden, was am besten zur Familie passt. Rituale könnten sein, dass man – an das Alter des Kindes angepasst – jeden Abend das gleiche Buch vorliest oder die gleichen Lieder singt. Auch ein Bad mit beruhigendem Badezusatz kann helfen. Das Ziel ist, vom Tag runterzukommen und abzuschalten. Weniger vorteilhaft sind z.B. laute Musik oder Videos schauen. 

Was kann man machen, wenn das Kind zwar mal ein guter Schläfer war, dann aber wieder aus dem Rhythmus fällt?
Teilweise muss man tatsächlich von vorne beginnen, beispielsweise, wenn das Kind krank ist, einen Entwicklungsschub hat oder zahnt. Zeit und Geduld – diese beiden Faktoren sind essenziell auf dem Weg zum guten Schlaf. Hilfreich zu wissen ist, dass Kinder, die bereits gut geschlafen haben, dies auch nach einer schwierigeren Phase wieder lernen können. 

«Ich empfehle wirklich, früh darüber zu sprechen, wenn ein Teil der Familie unter dem schlechten Schlaf des Kindes leidet.»

Dr. med. Anne-Kristin Rostetter

Was halten Sie vom Argument, dass sich ein Kind, auch im Bettchen vor dem Einschlafen, selbst beruhigen können muss und man es deshalb schreien lassen soll?
Es gibt zu diesem Thema viele verschiedene Meinungen und nach wie vor Kinderpsychologen, die diese Methode befürworten. Aus meiner Sicht ist es aber nicht nötig, Kinder schreien zu lassen, damit sie sich selbst beruhigen und schneller Einschlafen lernen. Wichtig ist, dass man, wie bereits erwähnt, den individuellen Schlafbedarf des Kindes kennt und dieses nur dann zu Bett bringt, wenn es wirklich müde ist. Wenn es trotzdem schreit und weint, sollten Eltern herausfinden, was ihrem Kind dabei hilft, sich zu beruhigen. Das muss nicht stundenlanges Herumtragen sein. 

Aber was, wenn das Kind nur einschläft, wenn es Mama oder Papa ganz nah bei sich hat? Wird es das je alleine schaffen?
Häufig klappt das mit dem alleine schlafen plötzlich, wenn alle dafür bereit sind. Ich meine damit nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern. Manchmal ist es auch so, dass die Kinder, wenn sie tagsüber selbständiger werden, auf einmal abends besser einschlafen und weniger Nähe der Eltern brauchen. Dies fällt gerne mit einem neuen Entwicklungsschritt zusammen. Man kann auch das schrittweise Entziehen üben. Zuerst legt man sich noch neben das Kind und hat Körperkontakt, später sitzt man daneben und streichelt es, im nächsten Schritt sitzt man daneben, ohne es zu berühren, dann steht man neben dem Bett und so weiter. So kann man die Distanz mit der Zeit immer grösser werden lassen, ohne dass das Kind damit überfordert ist.

Worauf sollte man im Kinderzimmer achten, damit es förderlich ist für einen guten Schlaf?
Das Kinderzimmer sollte eine angenehme Temperatur von etwa 20 Grad haben, gut gelüftet und abgedunkelt sein. Bei etwas grösseren Kindern hilft ein Nachtlicht, damit sie sich im Dunkeln nicht fürchten. Auch Ordnung kann sich positiv auswirken, also das Zimmer vor dem Schlafengehen aufzuräumen. Elektronik im Zimmer sollte man hingegen vermeiden.

dr.med. anne-kristin rostetter
ZVG

Dr. med. Anne-Kristin Rostetter ist Kinderärztin in der kürzlich eröffneten Praxis «Kinderärzte am Sternen» in Zürich Oerlikon.

Welche Tricks gibt es, damit Kinder, die in der Nacht erwachen, schnell wieder einschlafen können?
Man sollte möglichst wenig Licht machen und sehr leise bleiben. Am besten versucht man, das Kind im Bett wieder zu beruhigen und nicht oder nur wenig herumzutragen. Normalerweise braucht ein Kind ab sechs bis neun Monaten keine Nahrung mehr in der Nacht, spätestens ab dem ersten Geburtstag kann man versuchen, dies abzugewöhnen, damit es seltener zu einer Unterbrechung des Schlafs kommt.

Dass Babys in vielen Fällen Schlafmangel bedeuten, ist den meisten Eltern klar. Aber gibt es dennoch Indizien dafür, dass das Schlafverhalten nicht mehr «normal» ist und man es besser mit einer Fachperson anschauen sollte?
Ich empfehle wirklich, früh darüber zu sprechen, also dann, wenn ein Teil der Familie unter dem schlechten Schlaf des Kindes leidet.

Von Edita Dizdar am 23.04.2021
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